Zieh, Vater

Frauensache "Einen besseren Mentor als Oskar kann ich mir nicht vorstellen", sagt Claudia Kohde-Kilsch über Lafontaine. Was ist ein Mentor? Und wann muss man ihn gehen lassen?
Zieh, Vater

Illustration: Otto

Er hat da irgendwas in ihr gesehen. "Einen besseren Mentor als Oskar kann ich mir nicht vorstellen", sagte Claudia Kohde-Kilsch, die mal Weltklasse-Tennisspielerin war, als sie vor Kurzem die Sprecherin der Linken im Saarland geworden ist. Es klang schwärmerisch. Von wegen Lafontaine. Oskar! Hemdsärmelig, mit Schlag bei Frauen, kompetent, schneidend in der Sache, und dieser Esprit. Er nimmt, in altväterlicher Manier, die 48-Jährige an die Hand und führt sie sanft in seine Richtung.

Soll er so sein, ein guter Mentor?

Meiner, der erste, sollte mich loben. Das tat er aber eher selten. Wenn ich ihm eine Geschichte zeigte, fühlte ich mich, als würde ich mich selbst gleich mit ausliefern. Wir standen uns nahe, ich vertraute ihm. Er sollte stolz auf meine Arbeit sein, und auf mich. Ich trennte das damals nicht. Seine Kritik, meist berechtigt, konnte ich annehmen, wenn er sie ruhig und klar äußerte.

Eines Abends aber warf er die Blätter mit meinen Sätzen auf den Tisch, er sah wütend aus. "Was ist das denn für eine gequirlte Scheiße?", rief er. Ich spürte: Es war vorbei. Ich musste ihn killen. Um mich zu lösen und emanzipieren zu können, so wie einst Angela Merkel von Helmut Kohl, dem "Übervater".

In der griechischen Mythologie ist der Mentor ein enger Freund des Helden Odysseus und der Erzieher seines Sohns Telemach. Er gehört zur Familie. Im realen Leben suchen sich häufig männliche Mentoren jüngere Frauen, in denen sie Potenzial sehen.

Das Vorbild ruft an

Eines Tages klingelte mein Telefon. Ich kannte den Anrufer entfernt. Ein Mann, erfolgreich, ziemlich lässig. Er war ein Vorbild. Und meldete sich jetzt, einfach so, bei mir? Ja, er hätte ein paar Texte von mir gelesen, die ihm gefallen haben. Ob ich Lust hätte, bei ihm zu arbeiten. Ich musste mich setzen, durchatmen. Überlegen.

"Schade, aber ich habe gerade andere Pläne", sagte ich, ehrlich, nicht gerade diplomatisch. Er legte jedoch nicht beleidigt auf, sondern erkundigte sich nach meinen Projekten. Es geht ihm um mich, dachte ich. Natürlich, ich war jung, eine Frau, und sicher flirtet er gern. Keine Begegnung, die zwischen Mann und Frau läuft, ist ohne erotische Komponente, hatte Brecht gesagt. Und sei es am Telefon. Der Anrufer aber war vor allem an meinen Ideen interessiert. Wir hielten Kontakt.

Einige Jahre später bekam ich den Job, direkt nach meinem Uniabschluss. Mit tausend Geschichten im Kopf, die ich sofort realisieren wollte. Und durfte! Ich konnte (als Anfängerin!) verreisen für meine Artikel. Mein Mentor schürte Ehrgeiz: Ich solle es während des Schreibens mit Jan Ullrich halten: "Quäl dich, du Sau", hätte der sich vor Radrennen eingebläut. Ich hörte auf ihn.

Aber nicht auf alle internen Abläufe. Ich ärgerte mich laut, wenn ich fand, dass Kollegen sich unsozial verhielten. Ich schoss ein bisschen quer. Und eckte an. Ich war womöglich zu unerfahren, um zu verstehen, dass es eine interne Politik gab und die Empfindlichkeiten der anderen. Mein Mentor schützte mich nicht davor, er machte sich rar. Wollte keinen Stress, war mit eigenen Plänen beschäftigt, mit eigener Politik.

In dieser Phase, in der ich gerade lernte, mit betrieblichen Hierarchien umzugehen, suchte ich einen Coach. Mein Mentor wollte keiner sein. Muss er vermutlich auch nicht. Aber ich hätte es gebraucht.

Journalistisch war es eine lehrreiche Zeit, menschlich war ich enttäuscht. Sie sehen die Welt mit zu guten Augen, hat mir mein Mentor bei unserem letzten Treffen sanft erklärt. Hat sich gerade geändert, erwiderte ich. Er lächelte nur. Ich hatte einen Helden verloren. So konnte ich in der Wirklichkeit landen.

Mir hätte nichts Besseres passieren können.

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Geschrieben von

Maxi Leinkauf

Redakteurin Kultur
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