Die Nacht im Hamburger Schanzenviertel

G20-Erlebnisbericht Was über das bisschen G20-Anarchie im Schwanzenviertel Hamburgs bisher ungesagt blieb.
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Ich

Ich war in der Nacht von Freitag auf Samstag (07.07.17 auf 08.07.17) auf der Sternschanze in Hamburg, um nicht zu sagen: auf dem Schulterblatt. Dieser Artikel entspringt dem Bedürfnis, meine Sichtweise auf diesen Abend dazulegen, den ich in der medialen Berichterstattung nicht wiederfinde.

Nein, ich bin kein*e Militante*r, ich habe keine Autos zerstört, keine Steine oder Flaschen auf Polizist*innen geworfen und auch keine Barrikaden angezündet oder Läden geplündert. Ich sympathisierte mit den Methoden des zivilen Ungehorsames. Eine 38qkm große Demonstrationsverbotszone ohne Versammlungs- und Demonstrationsrecht, ein Wirtschaftssystem, welches Ungleichheit und Armut global generiert... ich finde die Symbolkraft hinter Aktionen des zivilen Ungehorsam sehr angebracht, demokratisch und moralisch akzeptabel im Zuge dieses letzten G20-Gipfels in Hamburg.

Und ja, auch ich bin der Meinung, dass sich Politiker zu Verhandlungen an einen Tisch setzten sollten und friedlich die Probleme dieser Welt- die die Bevölkerung und Politik der entsprechenden Staaten mit ihrer Lebens- und Wirtschaftsweise zwar hauptsächlich erst generieren - lösen sollten. Nicht desto trotz: Aktionen des zivilen Ungehorsames erschienen mir im Rahmen dieser Demonstration als angebracht. Mehr als angebracht. Ich finde es zeugt von einem ziemlich faulen, gesättigten und infantilen Demokratieverständnis, wenn fragwürdige Rechtsakte, Polizeimethoden und politisch weichgespülte Beschlüsse von der Bevölkerung mit Verweis auf die Rechtskonformität und Ordnung akzeptiert werden.

Sicherheit ist auch nur eine Frage des Blickwinkels

Nachdem ich in Hamburg auf allerlei friedlichen, teilweise sogar angemeldeten Demonstrationen (d.h. sie mussten ohnehin schon weit vom Tagungsort der G20 angemeldet werden) war, beim friedlichen, hedonistischen Cornern, bei der Critical Mass (eine Art der Fahrraddemo), bei Sitzblockaden und bei wirklich jeder einzelnen Aktion massive, aggressive, einschüchternde Aktionen von Seiten der Polizei erleben musste, kann ich nur zu dem persönlichen und sicherlich emotional eingefärbten Résumé kommen:

Hinter den brennenden Barrikaden auf dem Schulterblatt, hatte ich das erste Mal seit meiner Ankunft am Dienstag Abend das Gefühl von Sicherheit in Hamburg. Nicht Sicherheit im bürgerlichen Sinne, natürlich war die Lage chaotisch, vielleicht herrschte auch ein bisschen Anarchie. Aber man musste nicht Angst haben, dass ein Sit-in mit Wasserwerfern geräumt wird (erlebt), man musste nicht Angst haben, dass man geschlagen oder gepfeffert wird, weil das Fahrrad nicht schnell genug einem Polizeiwagen ausweicht (gesehen), man wurde nicht von Polizisten verbal bedroht und beleidigt (erlebt). Man wurde auch nicht durch die Straßen gejagt und von hinten getreten oder geschlagen, weil man es als sein Recht betrachtet auf einer öffentlichen Straße zu sitzen und Routen zu blockieren (erlebt). Unverhältnismäßig ist noch die freundlichste Beschreibung des Polizeiverhaltens während jeglicher - auch friedlicher - Proteste in Hamburg. Man könnte es auch als einschüchternd, antidemokratisch, verstörend, willkürlich bezeichnen.

Was ich über den "Schwarzen Block" (verwenden wir mal diesen Homogenität suggerierenden Begriff) an diesem Abend berichten kann:

Ich habe keine gegen mich oder andere Privatpersonen gerichtete Gewalt erlebt - mit Ausnahme eines Ladenbesitzers, der den Barrikadenbau vor seinem Geschäft gewaltsam verhinderte, was man dann aber auch akzeptierte. Ich habe "Plünderer" erlebt, die das Essen und die Produkte auf der Straße verteilten, dass sie aus dem Laden holten. Natürlich nicht alle, vermutlich haben sich da auch einige privat bereichert - aber doch genug um aufzufallen. Ich habe erlebt, wie sich Autonome zwischen mich und meine Freunde warfen, als die Polizei brüllend und mit Schlagstöcken winkend durch die Straßen rannte. Ich habe gesehen, wie Polizist*innen einen Journalisten angriffen und seine Kamera zerstören wollten, woraufhin die Demonstrierenden nach vorne drängten, den Mann umringten und „Pressefreiheit, Pressefreiheit“ skandierten. Ich habe gesehen, wie Leute auf der Schulterblattstraße, direkt vor der Roten Flora (autonomes Zentrum) zur Musik tanzten. Wie Menschen einen Sitzkreis um kniende Menschen bildeten, um ihnen einen Safespace zum Pinkeln zu bieten, während neben dran die Flaschen flogen. Ich habe gesehen wie Menschen in Kneipen und Restaurants aßen und tranken (und dafür zahlten!) bis die Wasserwerfer vorrückten. Um es ganz klar zu sagen: hinter den brennenden Barrikaden, zwischen schwarz gekleideten, Flaschen werfenden Menschen, Nachts, hatte ich keine Angst. Vor den Barrikaden, auf der Straße, tagsüber, umgeben von Polizei und polizeilicher Willkür hatte ich den ganzen Tag über immer wieder Angst. Vielleicht war ich damit alleine. Vielleicht auch nicht.

Es gab keinen Plan.

In den Medien wird momentan vielfach der Eindruck erweckt, Linksextreme und „Schwarzer Block“ hätten sich gezielt auf dem Schulterblatt und im Schanzenviertel getroffen, um dort zu randalieren, der „Szene“ wird ein wahnsinniges taktisches KnowHow und europaweite, logistische Kompetenz unterstellt.

Das ist schlichtweg falsch. Die ganze Situation, die Gewalt, die Barrikaden, all dies entstand in Wechselwirkung mit Aktionen und Reaktionen zwischen Demonstranten, Polizei, Politik und Radikalen vor Ort.

Demonstranten setzten sich auf die Straße. Aber es wird nicht weggetragen. Nein, es wird gepfeffert oder der Wasserwerfer benutzt. Also fliegen kurz darauf Flaschen. Die Polizei stürmt vor, filmt und fotografiert. Die Demonstrant*innen vermummen sich, Radikale und Demonstrierende sehen auf einmal gleich aus. Um Fahrzeuge zu blockieren werden die ersten Barrikaden errichtet. Räumungspanzer rücken vor. Eine friedliche, angemeldete Demo wird drangsaliert, viele Menschen ziehen sich ins Schanzenviertel zurück, in welches die Polizei noch zögert einzurücken.

Und so weiter und so fort.

Natürlich geht die Gewalt auch von Seiten der Demonstranten aus. Aber eben nicht alleinstehend oder unbeeinflusst. Die Situation am Ende ist ein dynamisches, spiralartig entstandenes Prozessergebnis und alle beteiligten Akteure, Polizist*innen, Demonstrant*innen , Politiker*innen; sie alle verpassen es, die Unzufriedenheit und Wut über die Situation abzuleiten, ihr einen akzeptablen Freiraum zuzusprechen (z.B. zivilen, friedlichen Ungehorsam oder wahrnehmbare Demorouten), so dass die Situation letztlich eskaliert. An dieser Situation tragen alle Seiten Mitschuld, es ist kein Hamburg-vernichtender-Plan seitens des Schwarzen Blockes, auch wenn die Polizei das in ihren Presseerklärungen so darstellt.

Chaos, Eigentum und die ganz große Angst!

Auch diese anscheinende Überraschung und das Entsetzen über Chaos, Eigentumsrechtsverletzungen, Autos die brennen etc. kann ich zwar irgendwo verstehen, aber auch hier möchte ich anmerken:

Die meisten von uns Deutschen, Europäer*innen und "Erste-Welt-Bewohner*innen" leben einen Lebensstil und arbeiten in einem Wirtschaftssystem (genannt Kapitalismus oder Neoliberalismus), dass in weiten Teilen der Welt Armut und Krisen, Konflikte und Instabilität fördert. Wir wissen das. Wir sind ideologisch faul, wir können das Elend anderswo leicht ignorieren, die Reichen unter uns kaufen sich über Fairtrade und Bio ein reines Gewissen, die Ärmeren unter uns versuchen beim Einkaufen nicht über die großen Zusammenhänge nachzudenken. Wir kennen die Geschichten der Näher*innen, der einstürzten Fabriken; wir haben Bekannte, die von den Gängeleien und dem Arbeitszwang des Arbeitsamtes berichten können; wir kennen die Zusammenhänge zwischen Kolonialismus, Kapitalismus, Geflüchteten aus Krisennationen und unsere Mitverantwortung, und unser Nutzniesen und unsere Passivität kennen wir auch.

Und wenn dann mal ein ganz bisschen dieser globalen Krise vor der eigenen Haustüre passiert - wohlgemerkt in einem linken Viertel, ohne Tote, ohne Plünderungen oder Gewalt gegen Zivilisten oder Wohnungen, sondern gerichtet gegen Dinge (Autos, Inventar), eine Sparkasse, Läden und eine hochgerüstete, hoch geschützte und bis dato maximal aggressive Polizei - dann geht die Welt unter! Natürlich frage auch ich mich, was das soll, wenn da ein Familienauto brennt, aber neben dran die Benzinschleuder mit zwei Sitzen unbehelligt bleibt. Aber dennoch: es ist ein Ding! Besitz! Eigentum! Es kann versichert werden, der Schaden wird diesmal sogar aller Voraussicht nach von der Politik ersetzt. Es kann wieder gebaut werden.

Um es in klaren, knappen Worten zu sagen: Wer sich über das Chaos im Schanzenviertel schockiert, der darf keine Politik unterstützen, die Geflüchtete nach (z.B.) Afghanistan zurückschickt!

Aber dennoch schreien wieder viele nach noch mehr Polizei, nach Zensur, nach Rechtseinschränkungen, nach Datenbanken, reden CDU, CSU, AFD und FDP sich den Mund fusselig mit Angstszenarien und Gabriel (SPD) erkennt den Unterschied zwischen linker Gewalt und rechter Gewalt nicht mehr (kleiner Tipp: die einen zünden Autos an, die anderen Menschen). Die Elbphilharmonie lässt der Stadtrat notfalls mit Steuergeldern bauen, ein Ort, den neben gutbetuchten Bürgern dieses Wochenende auch die G20-Chef*innen besuchen durften, aber eine Straße neu zu pflastern, zu putzen und gegebenenfalls betroffenen Bürgern eine Entschädigung zu zahlen ist ein unzumutbarer Akt?

Aber bloß nicht demonstrieren gehen! Nicht mitgestalten. Nicht widersprechen, wenn Rechte ausgehöhlt werden. Irgendwo ist uns irgendwann der Blick für die Verhältnisse und Zusammenhänge abhanden gekommen!

Danke „Schwarzer Block“!

Ich bin tendenziell Pazifist, Gewalt lehne ich ab. Aber an diesem Wochenende habe ich die Erfahrung gemacht, dass der "Schwarze Block" mein Demonstrationsrecht und meine Versammlungsfreiheit weit besser schützte als die Polizei oder Politik - wobei ich die polizeiliche Taktik, Methoden und auch die sicherheitspolitischen Konzepte dahinter viel mehr fokussieren möchte, als die einzelnen, teilweise sichtlich überforderten und erschöpften Polizist*innen. Ich habe es in Hamburg abgelehnt mich von Menschen zu distanzieren, die ich als Bollwerk gegen Polizeigewalt und politische Willkür wahrnahm und ich tue das auch jetzt noch:

Danke lieber Schwarzer Block! Viele mögen dich nicht, ich mag dich häufig auch nicht, aber danke, dass du dich dieses Wochenende zwischen mich und meinen zivilen Ungehorsam und die Polizist*innen gestellt hast, dafür bin ich auch gewillt dir Rauch, Feuer, schlechte Presse und dumme Einzelaktionen zu verzeihen!

12:13 11.07.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
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