Wütend in der Wüste

Tunesien Die Menschen im südtunesischen Gouvernement Tataouine sind arm, frustriert und sehen keine Perspektiven. Dagegen rebellieren sie – mit Erfolg
Maximilian Ellebrecht | Ausgabe 30/2017 2

Mitten im Nirgendwo der staubigen Einöde Südtunesiens, mehr als 600 Kilometer von der Hauptstadt Tunis entfernt, trotzen gut 250 junge Männer der brennenden Wüstensonne. Nur wenige finden Schutz im Schatten einiger Zelte. In Rufweite liegt eine mit Stacheldraht gesicherte Ölpumpstation, bewacht von einem Posten der tunesischen Armee.

Zwischen den Zelten haben sich einige zum gemeinsamen Nachmittagsgebet versammelt, mancher trägt dabei einen Turban, um sich vor der Sonne zu schützen. Nach dem Gebet verschwinden sie wieder unter ihre Zeltplanen. Dort sitzt auch der 28-jährige Younes mit einer Handvoll Freunde. Ursprünglich kommt er aus Remada, der südlichsten Stadt des Landes. Warum ist er hier? „Wir wollen arbeiten“, sagt Younes. Die Region sei Standort internationaler Öl- und Gasunternehmen. Bei denen gebe es zwar Arbeit, allerdings weniger für Menschen aus dem Gouvernement Tataouine als vielmehr für Leute aus anderen tunesischen Provinzen. „Die kommen alle aus Sfax und Gabès“, so Younes. „Einen Job bekommst du nur mit Beziehungen.“ Er selbst hat zwar einen Hochschulabschluss als Industrieinformatiker, trotzdem ist er arbeitslos.

Kein Einzelfall. Von der Zentralregierung seit Jahrzehnten vernachlässigt, zählt Tataouine zu den ärmsten der Regionen des Landes. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt offiziell bei 27 Prozent. Bei Menschen mit Hochschulabschluss sind es gar 58 Prozent. Sechs Jahre nach dem Sturz des Diktators Ben Ali warten die Menschen in Tataouine vergeblich darauf, Früchte der Revolution zu ernten. Weil sie es leid sind, darauf zu warten, kampieren sie vor der Ölpumpstation in der Wüstenzone El Kamour. Normalerweise wird an dieser Stelle das Rohöl weitergeleitet, das 300 Kilometer weiter südlich an der algerischen Grenze gefördert wird, seit einem Monat jedoch blockieren hier Demonstranten den Betrieb.

Den einen Funken, der den Protest entfachte, gab es nicht wirklich. Begonnen hat alles Mitte März, als in Ksar Ouled Debbab, einem Vorort der Provinzhauptstadt Tataouine, etwa 20 junge Tunesier protestierten und einen Arbeitsplatz bei den Ölgesellschaften verlangten. Nachdem der kanadische Ölkonzern Winstar drei Wochen später 24 seiner Mitarbeiter entließ, traten die Angestellten einiger im Gouvernement ansässiger Ölgesellschaften in den Streik. Als sich Winstar dennoch weigerte, die Entlassenen wieder einzustellen, veranstalteten ein paar Dutzend junge Arbeitslose einen moderaten Sitzstreik im Zentrum der Stadt Tataouine. Noch am gleichen Tag besetzten Demonstranten am Stadtrand die Verkehrstrassen zu den Ölfeldern.

Einen Job beim Staat ...

Was als spontaner Protest begann, wurde zwischenzeitlich zur sozialen Bewegung. Menschen im ganzen Gouvernement solidarisierten sich und errichteten ihrerseits Protestlager. Sie wählten Koordinationskomitees und forderten einhellig Arbeitsplätze und Entwicklung. Anfänglich zeigte sich die tunesische Regierung wenig gewillt, diesen Appellen ernsthaft Gehör zu schenken. Da beschlossen die Demonstranten, den Druck zu erhöhen.

„Wir fuhren mit Hunderten Autos und Trucks nach El Kamour“, erinnert sich Ayman, ein 28-jähriger Aktivist, während er an der mit Stacheldraht eingezäunten Pumpstation entlanggeht. Zunächst ging es den Demonstranten nur darum, die Versorgungsroute der Ölkonzerne abzuschneiden. „Doch als die Regierung sich weigerte, uns nachzugeben, haben wir das Protestlager vor die Ölpumpstation verlegt“, erklärt Ayman und legt sich erschöpft in den kühlen Schatten einer Zeltplane. Im Sommer können die Temperaturen in El Kamour 50 Grad Celsius erreichen.

Zweieinhalb Stunden Autofahrt weiter nördlich, in einer schmalen Einkaufsstraße im Stadtzentrum von Tataouine, sitzt Lotfi, 30 Jahre, in einem kleinen Geschäft für Kinderbekleidung. An den Wänden hängen bis an die Decke bunte Hemden und Kleider, darunter stapeln sich Hosen und T-Shirts. Lotfi wohnt in einem Dorf bei Tataouine, ist aber in die Stadt gekommen, um Medikamente für seinen schwer kranken Vater zu kaufen. Nun besucht er einen Freund, der den Laden betreibt. Auch Lotfi hat in der Wüste demonstriert und war ganze 25 Tage dort. Er hat die gleichen Sorgen wie die anderen und sagt: „Du gehst zur Universität und studierst. Du denkst, danach findest du einen Job, um deine Familie zu unterstützen. Aber in Tunesien hast du in dieser Hinsicht keine Chance. Wenn du studiert hast, wartest du Jahrzehnte und nichts passiert.“

Im Sommer 2011 hat Lotfi als ausgebildeter Finanzwirtschaftler die Universität verlassen. Als Anfang 2011 gut 24.000 Tunesier die Wirren der Jasmin-Revolution nutzten, um über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen, entschied sich Lotfi, lieber seine Abschlussprüfungen abzulegen. „Aber hätte ich gewusst, dass ich danach keinen Job finde, wäre ich auch ausgewandert.“ Heute arbeitet er als Tagelöhner auf dem Bau, verdient pro Tag 20 Tunesische Dinar, sieben Euro, und hält sich gerade so über Wasser, denn diese Anstellung ist auf drei Tage pro Woche befristet. Es ist ein harter Job, rote Flecken unter dem linken Auge gehen auf einen schweren Sonnenbrand zurück, den er sich auf der Baustelle zugezogen hat.

... oder illegal nach Europa

„In Tunesien hast du zwei Optionen – entweder du bekommst eine Stelle im öffentlichen Sektor oder du wanderst illegal nach Europa aus.“ Er spricht ruhig, ohne Wut in der Stimme, wirkt eher betrübt als aufgebracht. „Hier in Tataouine leben wir, aber wir sind gleichzeitig tot. Dieses Land bereitet mir nur Kummer.“

Es wird Abend in Tataouine. Während die Sonne hinter dem Horizont verschwindet, ist die Stadt wie ausgestorben. Die Menschen sind zu Hause, um mit der Familie gemeinsam zu essen. Danach lebt die Stadt auf. Die Kaffeehäuser füllen sich mit Männern, die Espresso trinken und Zigaretten rauchen. Viele sitzen draußen auf dem Bürgersteig und genießen die Abendluft. Kinder streifen durch die Straßen, gelegentlich mischen sich Gruppen von jungen Frauen mit Kopftuch dazwischen.

Auf einer Straßenkreuzung in Wad el Gamah, dem größten Viertel der Stadt, stehen Zeltplanen, darunter brüchige Sofas und Matratzen, dazwischen eine ausgebrannte Feuerstelle. Allenthalben geraten Graffiti-Parolen in den Blick – „Nicht locker lassen“ und „Arbeit“ ist zu lesen.

Einer aus dem Camp stellt sich als Edic vor, ist 49 Jahre alt und arbeitslos. Wie lange schon? Da kann er nur lachen: „Schon eine ganze Weile.“ Viermal fuhr er übers Mittelmeer, viermal wurde er abgeschoben. Gut 22 Jahre seines Lebens habe er in Europa verbracht, die meiste Zeit davon in Frankreich. Ohne Luft zu holen, empört er sich über die Zustände in Tataouine: „Wir sind hier, weil wir unter der sozialen Ungerechtigkeit leiden. Wir werden vom tunesischen Staat einfach vergessen.“ In der Region würden Öl, Gas und Gips abgebaut – Geld dafür hätten sie nie gesehen. Mit rauer Stimme fordert er: „Das ist Diebstahl! Das muss aufhören! Aber Gewalt ist keine Lösung.“

Ein anderer aus dem Camp mischt sich ein. Soufian ist 39 und hat ebenfalls keine Arbeit. „Schau dich um, hier ist nichts.“ Er wolle endlich heiraten und eine Familie gründen, doch dafür brauche man Geld. „Ich bitte den Staat: Das ist doch keine große Sache. Gebt mir einfach einen Job! Ich will doch nur in Würde leben.“

Wenige Tage später unterzeichnen Gesandte der Protestbewegung eine Übereinkunft mit der Regierung. Bis zum Jahresende sollen nun 1.500 Arbeitsplätze bei den in der Region ansässigen Ölgesellschaften entstehen. 3.000 Arbeitssuchende sollen bis 2019 bei einer Gesellschaft für Umweltschutz und Gartenbau ein Auskommen finden. Zudem verspricht die Regierung, einen regionalen Entwicklungsfonds mit einem Jahresbudget von 80 Millionen Tunesischen Dinar, etwa 29 Millionen Euro, aufzulegen.

Inzwischen fließt das Öl wieder. Doch Versprechen sind das eine, Taten das andere. Deshalb wollen einige Demonstranten so lange weiter in der Wüste ausharren, bis die angekündigten Maßnahmen tatsächlich ergriffen werden. Wenn nicht, dann drehen sie der Ölstation den Hahn eben wieder ab.

Maximilian Ellebrecht ist freier Autor und hat Tunesien für einige Wochen bereist

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