Clockwork Orange - der Kultfilm?

Filmtipps: Clockwork Orange ist ein Film vom Regisseur Stanley Kubrick aus den frühen 70er Jahren. Bis heute gilt er als Kultfilm - zurecht?
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Gesellschaftskritik mal anders. Laut, ekelhaft und obszön stellt Stanley Kubrick im Kultfilm Clockwork Orange seine Sicht der Gesellschaft dar. Dabei rüttelt er gewaltig an den uns vertrauten Eckpfeilern der Gesellschaft.

Ein heruntergekommener Londoner Stadtbezirk. Alex ist der Anführer einer Jugendgang. Seine Eltern langweilen ihn genauso wie die Schule. Viel mehr Interesse entwickelt der charismatische Mann, wenn es um Gewalt geht. Ihm scheint es aber nicht um Bereicherung zu gehen. Psychopathisch veranlagt, genießt er die Ästhetik des Grausamen. Sie ziehen abends um die Häuser, verprügeln Alkoholiker, brechen ein, vergewaltigen. Sie sind für eine beinah endlose Reihe an Grausamkeiten verantwortlich, bis Alex sich des Mordes schuldig macht. Eigentlich wollte er das nicht, es wäre aus Versehen passiert, soll er später auf der Anklagebank sagen. Trotzdem erschlug er eine Kunstsammlerin mit einer massiven Phallus-Skulptur.

Nach zwei Jahren mustergültiger Haft bewirbt sich Alex um einen Platz für eine neue „Heilmethode“ für Schwerverbrecher. Als Lohn für die Teilnahme an den Experimenten winkt die Freiheit – und zwar für immer.

Ein Glück, dass Alex in das Programm aufgenommen wird. Oder etwa doch nicht? Im weiteren Verlauf wird der Film verrückt, teuflisch und widerwärtig. Die Grenzen zwischen Gut und Böse mäandrieren bis hin zur kompletten Vernebelung aller von uns geliebten Werte.

Das erste Drittel des Filmes lässt überhaupt keine Deutungshypothese zu. So verworren und verwirrend gestaltet Stanley Kubrick diesen Film. Erst mit der Zeit, kann es dem Zuschauer gelingen, in die tatsächliche Thematik des Guten und Bösen einzusteigen.

Erst jetzt kann man ahnen, dass Stanley Kubrick nicht nur die Gewalt des Einzelnen kritisiert, sondern auch den Staat zum Schuldigen macht. Wenn die Gesellschaft ihre Verantwortung an den Staat abgibt, gibt sie gleich auch die Schuld ab? Und überhaupt: an was machen wir uns schuldig? Wie kann etwas Gut sein, wenn das Gute durch das Böse bedingt wird?

Trotz teilweise widerwärtigem Voyeurismus, dem der Zuschauer ausgesetzt wird, macht der Film nachdenklich. Es ist möglich anschließend tolle Unterhaltungen auf philosophischer Ebene zu führen, sofern man sich in der Lage fühlt, die verstörende Handlung ohne Wertung auf sich wirken zu lassen. Dann ist es möglich, mit dem Hintergrund des Films, in eine philosophische Welt einzutauchen, die wir womöglich in dieser Form selten erreichen.

Für das Erscheinungsjahr 1971 muss der Film skandalös gewesen sein. Der Regisseur Stanley Kubrick kreiert ein freches Werk voller Gewalt, Kritik und entblößten Brüsten. Es geht ihm aber nicht um die reine Darstellung des Obszönen. Viel eher geht es Kubrick darum, den Zuschauer in eine philosophische Metaebene zu heben. Somit gelang ihm, aus dem ursprünglichen Roman ein komplett neues Filmprojekt zu machen, das sich lediglich an der Handlung des Buches orientiert.

Trotz und vielleicht sogar wegen der Verstörtheit, die man während des Filmes verspürt, hat Clockwork Orange vollkommen zu Recht Kultstatus.

Diese Filmkritik erscheint in der Winterausgabe der Studentenzeitschrift "zUSTAende" der Hochschule der Medien Stuttgart.
17:38 09.12.2012
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Geschrieben von

Maxomatify

Nach meiner Zeit bei der einundzwanzig studiere ich jetzt Mediapublishing und arbeite an der Hochschulzeitschrift als Texter und im Layout.
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