Ethik ist Leben

Ethikum In Baden-Württemberg können sich FH-Studenten mit Ethik befassen. Was hat es damit auf sich? Aus einem Interview entwickelt sich eine kleine Schule der Philosophie.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Wieso ist der Respekt vor Philosophie so groß? Eigentlich ist sie die Lehre des Lebens. Herr Prof. Dr. Michael Wörz baut seit Jahren zusammen mit dem Landesparlament ein Programm für FH-Studierende auf – Das Ethikum. Wir haben mal nachgefragt wie dieses Projekt funktioniert und welche Vorteile sich für die Studierenden ergeben!

Herr Wörz, Sie sind gelernter Bauingenieur. Wie kamen Sie zur Philosophie?

Während meines Bauingenieurstudiums haben sich leichte Zweifel eingeschlichen, ob dieses Berufsfeld wirklich meinen Begabungen entspricht. Deshalb habe ich mich in verschiedenen Fachgebieten umgeschaut und bin schließlich bei den Philosophen gelandet. Als ich davon hörte, war mein Interesse geweckt und ich hatte Philosophie zumindest als ein Hobby nebenher betrieben. Aber als ich den Bauingenieurberuf ausgeübt habe, habe ich die Entdeckung gemacht, dass Philosophie in technischen Berufen sehr fruchtbar sein kann. Plötzlich lassen sich unverständliche Texte und kryptische Zeichen viel besser verstehen und strukturieren.

Was waren für sie die Konsequenzen dieser Erkenntnis?

Ich dachte: Wenn das jetzt kein Zufall war und die beiden Bereiche Ingenieurwesen und Philosophie etwas voneinander lernen können, dann könnte daraus vielleicht ein Beruf werden. Daraufhin habe ich mich dann entschlossen, ein ordentliches Studium der Philosophie in Stuttgart und Tübingen aufzunehmen. Das ist schließlich so interessant geworden, dass ich noch promoviert habe und das unwahrscheinliche Glück hatte, eine Professorenstelle zu erhalten.

Nun sind sie Professor für Ethik und Philosophie und haben das Ethikum gegründet. Wie kam es zu dieser Idee?

Zunächst einmal war Ethik an den Fachhochschulen kein etabliertes Fach. Es war aber mein Auftrag dieses einzurichten. Das Landesparlament hat beschlossen, dass den Fachhochschulstudierenden etwas an die Seite gestellt werden soll, was den Horizont erweitern soll. Dadurch sollen die Studierenden die Folgen ihres beruflichen und privaten Handelns besser erkennen können. Die Idee war, dass dieses Ziel am ehesten über Ethik und Philosophie zu erreichen ist. Diese Disziplinen sind nichts anderes, als das ständige Übersteigen von Zäunen und das Diskutieren von Weltbildern. Dieses Fach galt es nun zu etablieren. Eine Bedingung dafür, dass Studierende in freiwillige Fächer kommen, ist ein Schein, der im Studium anerkannt wird. Man hat also am Schluss etwas vorzuweisen, auf dem die Leistungen vermerkt sind und es gibt Personalchefs, die solche Zusatzqualifikationen gerne sehen.

Welche inhaltlichen Ziele verfolgen Sie mit dem Ethikum?

Einmal wäre es überhaupt Ethik und praktische Philosophie kennen zu lernen. Damit ist die Idee verbunden, neben dem eigenen fachspezifischen Denken noch ein zweites ganz anderes zu haben und sich dadurch distanzieren zu können. Ähnlich, wie wenn man in einer ganz anderen Kultur war und wieder ins eigene Land zurückkehrt. So sieht man das eigene Land nun besser und auch genauer. Es geht darum, in ein anderes Denken einzutauchen, um das eigene Denken und Kommunizieren besser und deutlicher zu sehen. Dieses andere Denken gilt es nun genauer kennen zu lernen. Also tiefer in die Theorie einzusteigen und sich Aristoteles, Immanuel Kant oder gegenwärtige Denker wie Niklas Luhmann genauer anzuschauen. Dadurch soll man sehen lernen, was in der Vertiefung alles möglich ist und welche Aufmerksamkeit für das Leben entstehen kann.

Nun mal praktisch gedacht: Was bringt uns das für den Beruf?

Genau das ist das letzte Ziel. Nämlich diese Vertiefungen und Kenntnisse nun auf das eigene Fach zu übertragen. Was heißt dieses Denken für Studierende der HDM – beispielsweise für einen Marketingmann, einen Verpackungsingenieur, einen Filmemacher? Insgesamt sollen diese drei verschiedenen Ziele dazu beitragen, dass man genauer denken und genauer kommunizieren kann. Somit soll insgesamt eine höhere Aufmerksamkeit für sich selbst und die Umwelt erreicht werden. Zusammenfassend ist Ethik eine Schule der Aufmerksamkeit und der präziseren Kommunikation.

Was wollen Sie persönlich Ihren Studenten mitgeben?

Eine Lust am Denken, eine Neugier am Erschließen neuer Zusammenhänge und eine Risikobereitschaft, sich auf Neues einzulassen. Also den Mut dazu, auch Positionen und Menschen nachzuvollziehen, die man zunächst nicht versteht. Die Fähigkeit, sich im Fremden und im Unbekannten einrichten zu können. Ein Philosoph hat einmal gesagt, dass Philosophie ein Versuch ist, überall zu Hause zu sein. Wer philosophiert, verliert die Angst vor dem Leben und lernt die Vielfalt und Schönheit kennen. Dadurch erkennt man besser seine Begabungen und wie diese in der Welt realisierbar sind. Insgesamt ist praktische Philosophie ein Beitrag dazu, ein eigenes gelingendes und glückliches Leben zu führen.

Das Thema dieser Ausgabe ist Kontraste und der klassische Kontrast der Philosophie ist Gut und Böse. Wie lässt sich das überhaupt unterscheiden?

Zunächst ist das der stärkste Kontrast in der praktischen Philosophie. Gut und Böse ist eine moralische Unterscheidung, die eine lange Karriere hinter sich hat. Dieser Kontrast ist erstmals im Mittelalter aufgetaucht. In der Antike hieß dieser Gegensatz „Gut und Schlecht“. Das Böse selber ist personalisiert worden. Mit dieser Unterscheidung versucht sich der Mensch in der Welt zurechtzufinden, nachdem er die Leitung durch Götter oder Autoritäten verloren hat. Menschen, die selbst entscheiden müssen wie sie leben, operieren mit dieser Unterscheidung. Dadurch entstehen bestimmte Erwartungen, die erfüllt werden oder eben nicht. Bei der Erfüllung wird ein Lob ausgesprochen, während bei der Nichterfüllung, Negation oder mutwilliger Durchkreuzung gegebenenfalls Konsequenzen drohen. Gut und Böse ist also ein Mechanismus zur Selektion von Erwartungshaltungen, die es in einer Gesellschaft gibt.

Sie sprechen von Konsequenzen. Was sind denn nun diese Konsequenzen von Gut und Böse?

In der Geschichte der Philosophie kann man feststellen, was aus solchen Unterscheidungen wird. Zum Beispiel im Christentum, das circa 1000 Jahre das Denken in Mitteleuropa dominiert, wird aus diesem „Gut“ ein Gott. Ein höchstes Gut – Theos. Ein personalisierter Gott, der aber einen Gegenspieler bekommt, damit man erklären kann, wieso es so viel Übel in der Welt gibt. Nämlich einen Teufel. Also ein personifiziertes Böses. Hier greift folgender Mechanismus: man soll vor dem Bösen fliehen, sich nicht auf die dunkle Seite der Macht ziehen lassen, sondern auf der hellen Seite des guten und gütigen Gottes bleiben, der mit postmortalen Versprechungen lockt. Das hat die Menschen sehr lange begeistert und im Leben orientiert, bis es dazu kam, dass im Namen des Guten sehr viele böse Dinge geschahen.

An welche historischen Ereignisse denken Sie?

Nun, es gab Religionskriege, Hexenverbrennung und massenhafte Vernichtung von Menschen. Allmählich kamen Zweifel auf, ob es das Gute und das Böse als Gegenstand selber gibt oder ob es irgendwelche Mächte oder Personen sind. In dem Roman von Umberto Eco „Der Name der Rose“ stellt der junge Adlatus seinem Meister eine Frage. Sie sind in einem Kloster auf Besuch, in dem einige Mönche zu Tode gekommen sind. Er fragt: „Meister glaubt ihr, hier ist der Teufel am Werk?“. Der Meister daraufhin: „Der Teufel mein, lieber Adson, das ist das Interesse, ihn am Werke zu sehen“. Die Ethik befasst sich also mit dieser Unterscheidung und versucht zu zeigen, was Schlimmes passieren kann, wenn man diese Unterscheidung von Gut und Böse mit absoluter Sicherheit verwendet. Wenn jemand überzeugt ist zu wissen, was das Böse oder das Gute ist, sind in der Folge alle, die nicht dieser Meinung, sind auf der anderen Seite dieser Unterscheidung. Sie sind also böse und müssen entsprechend behandelt werden. Das führt in der Regel zu sehr schlimmen und oft blutigen Auseinandersetzungen und deshalb arbeiten wir Ethiker eher daran, diese Unterscheidung zu relativieren.

Moral unterteilt die Welt in Gut und Böse. Gibt es eine Grenze die Probleme hervorruft?

„Moral hat Grenzen“ – das ist zunächst ein Satz, der nicht ohne weiteres einleuchtet. Man kann die Auffassung haben, dass Moral überall wäre und nicht nur bei ein paar Leuten oder bei ein paar Handlungen. Aber ich bin der Auffassung, dass Menschen in einer bestimmten Art und Weise auf Moral angewiesen sind, um ihr Handeln aus vielen Alternativen herzuleiten und in einer bestimmten Richtung stabil zu halten. Moral hat durchaus eine befreiende Wirkung für das Leben, indem sie in der Vielfalt eine Orientierung zu geben vermag und dadurch Handlungssicherheit erzeugt. Wenn diese Moral mit anderen Menschen geteilt wird, kommt dazu eine soziale Anerkennung und die Wertschätzung, die der Mensch in einer Gemeinschaft genießt.

Ist das die Grenze der Moral?

Die Grenze der Moral wird erst sichtbar, wenn verschiedene Moralen aufeinander stoßen. Wenn die Moral des Christentums, die Moral Europas auf die Moral anderer Nationen oder Ethnien dieser Welt stößt. Wenn z. B. die amerikanische Moral auf deren Lieblingsgegner trifft, dann beginnt eine scharfe Auseinandersetzung. Es wurde die Erfahrung gemacht, dass Moral einen gewissen Streit erzeugenden, ja sogar Streit verstärkenden Zug hat. Nämlich in dem Moment, wo jemand sich seiner eigenen Moral sicher ist. Daraus folgt notwendigerweise, dass die Moral der anderen falsch sein muss. Wie geht man mit falscher Moral um? Im schlechtesten Fall ist diese Überzeugung der Grund, dass man diese falsche Moral bekämpft, einsperrt oder sogar vom Planeten fegt. Moralische Konflikte sind immer schärfer.

Sie führen barbarische Beispiele der Geschichte an. Braucht der Mensch Moral?

Zunächst mal können wir rein empirisch feststellen, dass jeder Mensch eine Moral hat. Nämlich Moral verstanden als Ensemble von Wertschätzungen. Der Mensch drückt damit aus, dass bestimmte Dinge mehr Wert als andere haben. Wir Menschen sind Lebewesen, die Dinge gewichten müssen. Nach wichtig/unwichtig oder höher stehend/niedrigstehend um Handlungssicherheit zu haben. Im Unterschied zu Tieren haben wir keine Instinkte, die alles determinieren. Wir haben jeden Tag eine Menge Alternativen, die sehr schnell entschieden werden müssen. Das genau führt zu dieser Handlungsunsicherheit, die es zu überwinden gilt. Moralität ist zunächst etwas, das Einzelmenschen brauchen. Zugleich ist Moral etwas, das Gemeinschaften brauchen. Jenseits der Gesetze muss es eine Art Identifikation zwischen den Gemeinschaftswesen geben, welche auch ohne die durchgängige Regelung von Gesetzen ein Zusammenleben ermöglicht. Zum Beispiel, wenn an Hochschulen diskutiert wird, ist gewissermaßen herrschende Moral, dass nur einer redet und die anderen zuhören. Er darf ausreden und dann kommen die anderen an die Reihe. Es gibt Moral des Umgangs untereinander. Ohne diese Moral ist es schwer vorzustellen, wie ein geregeltes Leben aussehen könnte.

Das klingt alles sehr lebensnah. Wie kann man Studenten die Angst vor dem Philosophieren nehmen?

Zunächst durch den Hinweis, dass Philosophie tatsächlich sehr lebensnah ist. Möglicherweise entsteht diese Angst von einem Bild der Philosophie, das in den Köpfen herum spukt. Das würde sich aber ändern, wenn man sich damit beschäftigt. Manche beginnen in der Krise, wenn sie bettlägerig sind und Zeit zu denken haben. Andere finden plötzlich eine existenzielle Frage, die sie nicht beantworten können, wie z. B: „Wer bin ich?“ oder „Woher kommt die Welt?“ Damit wird deutlich, dass die Philosophie nicht das Leben auf irgendeinen anderen Punkt zieht, der nichts mehr mit dem Leben selbst zu tun hat. Sondern ganz umgekehrt: Man beginnt das Leben mit anderen Augen, sogar mit viel mehr Augen zu sehen, um es dann in seiner Reichhaltigkeit wahrzunehmen und zu genießen. Ich würde sogar so weit gehen, dass man mit Philosophie nicht nur die Welt und sich selber besser erkennen kann, sondern die Welt und sich selbst auch besser genießen kann. Wir sind ein Homo Sapiens und „sapere“ heißt so viel wie „genießen“ und „schmecken“.

Eine persönliche Frage zum Schluss: Gedenken Sie heute Gutes zu tun?

Ja, es ist schönes Wetter und ich werde etwas Gutes für mich tun. Ich denke daran, ein wenig Sport zu treiben und meinen Körper bewegen, damit ich wieder frisch an die Arbeit gehen kann. Denn als Philosoph habe ich gelernt, dass ein gesunder Geist in einem gesunden Körper wohnt. Deshalb muss ich für diesen Körper auch mal etwas Gutes tun.

Herr Michael Wörz, wir danken Ihnen für dieses gute Gespräch.

Das Interview führte Maximilian Münzer

Herr Michael Wörz, Professor für Ethik an baden-württembergischen Fachhochschulen spricht über die Ziele des Ethikums und Philosophie.

21:30 26.07.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Maxomatify

Nach meiner Zeit bei der einundzwanzig studiere ich jetzt Mediapublishing und arbeite an der Hochschulzeitschrift als Texter und im Layout.
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare