Gerechtigkeit: Ein gleiches Gehalt für alle

Egalitarismus Nichts ist unvermeidlich. Nichts ist selbstverständlich. So lange wir bereit sind, über den Stand der Dinge nachzudenken
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Gerechtigkeit: Ein gleiches Gehalt für alle
33.000 Jahre müsste ein Mensch mit durchschnittlichem Einkommen in Deutschland arbeiten, um Milliardär zu werden

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

In Deutschland beträgt das Median-Gehalt eines Arbeitnehmers 2503€ brutto im Monat [1]. Das bedeutet, dass die eine Hälfte der Arbeitnehmer mehr und die andere weniger als diesen Betrag erhält. 2503€ pro Monat geben auf‘s Jahr gerechnet ziemlich genau 30.000€. Über ein vierzigjährigen Berufsleben ergeben sich so insgesamt etwa 1.200.000€. Den Weg zur ersten Millionen gehen also mehr als die Hälfte aller Deutschen. Und der Weg zur ersten Milliarden? Der ist deutlich länger als ein Menschenleben. Deutlich länger.

Vor etwa 33.000 Jahren hätte der Durchschnittsdeutsche anfangen müssen zu arbeiten. Jedes Jahr, ohne Ausnahme. Nach etwa der Hälfte der Zeit hätte dieser Durchschnittsdeutsche den Beginn der Landwirtschaft miterlebt. Und nach über 80% der Zeit den Beginn der ersten Hochkulturen. Nach 85% der Zeit den Bau der Pyramiden von Gizeh. Nach 92% der Zeit die Gründung des römischen Reichs und nach 96% dessen Untergang. Nach 99% der Zeit hätte er die Erfindung der Dampfmaschine und nach 99,5% der Zeit die Erstveröffentlichung von „Das Kapital“ von Karl Marx miterlebt. Spätestens dann hätte dieser fleißige Durchschnittsdeutsche erkannt, dass es nicht mit rechten Dingen zugehen kann, wenn ein einzelner Mensch eine Milliarde Euro besitzt.

33.000 Jahre sind eine lange Zeit. Doch sie sind nichts zu der Zeit, die sich der Durchschnittsdeutsche nehmen müsste, um so reich zu werden wie der reichste Mensch der Welt. Zur Zeit trägt der Amazon-Gründer Jeff Bezos diesen Titel, mit einem Vermögen von 178 Mrd. Dollar [2]. Der Durchschnittsdeutsche müsste hierfür etwa 6 Millionen Jahre arbeiten. Selbst wenn man die 2503€ nicht pro Monat sondern pro Tag verdienen würde, müsste man noch über 190.000 Jahre arbeiten. Selbst wenn man die 2503€ nicht pro Tag sondern pro Stunde verdienen würde, hätte man über 8000 Jahre Arbeit vor sich. Und selbst wenn man die 2503€ nicht pro Monat, pro Tag, pro Stunde, sondern pro Minute verdienen würde, bräuchte es mehr als ein Menschenleben, nämlich 135 Jahre, bis man so reich wäre wie Jeff Bezos.

Natürlich leistet Jeff Bezos nicht millionenfach mehr Arbeit als der durchschnittliche deutsche Arbeitnehmer. In dieser Hinsicht ist ein solches Vermögen natürlich ungerecht. Doch was ist eigentlich mit der Idee an sich, dass man sich die Höhe seines Gehalts verdient? Dass einem, je nachdem wie lange und produktiv man arbeitet, ein bestimmter Geldbetrag zusteht. Kann ein solches Prinzip überhaupt gerecht sein?

Geld als Anreiz

Das gängigste Argument für ein solches Prinzip, ist das des Anreizes. Wenn man den Menschen ein höheres Gehalt für zusätzliche und produktivere Arbeit in Aussicht stellt, besteht ein Anreiz für die Menschen länger und härter zu arbeiten. Davon wiederum profitiert die Gesellschaft als Ganzes. Der Egoismus des Einzelnen wird so in den Dienst des Gemeinwohls gestellt. Zuerst von Adam Smith formuliert, wurde es von dem Philosophen John Rawls zu einem Gerechtigkeitsprinzip ausgearbeitet [3]. Soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind demnach gerechtfertigt, wenn sie jedem zum Vorteil dienen und mit Ämtern verbunden sind, die jedem offen stehen.

Konkret heißt das beispielsweise, dass das hohe Gehalt einer Ärztin gerechtfertigt ist, wenn dadurch auch den schlechtestgestellten Menschen der Gesellschaft geholfen wird und wenn jeder theoretisch Ärztin werden kann. Aber langsam. Brechen wir diesen Satz auf. Die zweite Bedingung ist ganz offensichtlich nicht erfüllt. Nicht jeder Mensch hat die Chance Ärztin zu werden. Es ist hinreichend belegt, dass die gesellschaftliche Schicht, in die man geboren wird, eine große Hürde für einen höheren Bildungsabschluss darstellen kann [4].

Doch was ist mit der ersten Bedingung? Ist das hohe Gehalt denn nicht ein gerechter Sold für diesen anspruchsvollen und durchaus stressigen Beruf? Ist es nicht für jeden von Vorteil, wenn aufgrund des hohen Gehalt besonders kompetente Menschen diesen Beruf ergreifen und lange Arbeitszeiten auf sich nehmen?

Nein, würde der Philosoph und Gesellschaftstheoretiker G.A. Cohen entgegnen. Cohen war einer der wichtigsten Vertreter des Egalitarismus im 20. Jahrhundert. Seine Texte und Überlegungen zur Frage nach dem Gehalt sind gleichermaßen radikal wie einleuchtend. Er widerspricht der Annahme, dass ungleiche Gehälter im Sinne der Schlechtestgestellten sein könnten. Damit einhergehend formuliert er sogar ein Argument, nach dem sich ein gleiches Gehalt für alle nicht nur rechtfertigen lässt, sondern sogar moralisch geboten ist. Doch dafür müssen wir ein wenig ausholen.

Ein Recht auf Rechtfertigung

Wie auch John Rawls geht Cohen davon aus, dass man etwas als gerecht bezeichnen kann, wenn es sich zwischen allen Gesellschaftsmitgliedern rechtfertigen lässt. Schließlich leben wir in einer Gesellschaft. Und diese ist eben mehr als eine einfache Ansammlung von unabhängigen Individuen. Stattdessen ist die Gesellschaft vielmehr ein Kontext, in dem das eigene Verhalten in Wechselwirkung mit dem des Anderen steht. In einer Gesellschaft, die nach dem Prinzip der Arbeitsteilung funktioniert, ist es schließlich unbestreitbar, dass mein Überleben von der Arbeit der Anderen abhängt.

Schon bereits die übliche Morgenroutine offenbart zahlreiche Abhängigkeiten: Ich stehe aus meinem Bett auf, dass andere gebaut habe, wasche mein Gesicht mit Wasser, dass andere abgeschöpft haben, koche mir Kaffee und Esse Müsli, das andere geerntet, verarbeitet und transportiert haben und so weiter und so fort. In einem solchen Gesellschaftskontext, indem jeder von jedem abhängig ist, kann man Gerechtigkeit vor allem als ein Recht auf Rechtfertigung verstehen [5], das sich die Gesellschaftsmitglieder gegenseitig schulden. Der Status Quo muss zu rechtfertigen sein. Und zwar von jedem Gesellschaftsmitglied gegenüber jedem anderen Gesellschaftsmitglied. Um zu überprüfen, ob diese Bedingung erfüllt ist, schlägt Cohen den interpersonellen Test vor.

Dazu ein Beispiel: Stellen dir vor, dein Kind wurde entführt. Der Kidnapper verlangt ein Lösegeld von 10.000€. Was tust du? Vielleicht solltest du die Polizei rufen. Schließlich willst du, dass der Kidnapper gefasst wird und nicht weiter sein Unwesen treiben kann. Gleichzeitig riskierst du dabei das Leben deines Kindes. Vielleicht solltest du also einfach das Geld bezahlen. Es ist womöglich die sicherste Möglichkeit dein Kind wiederzubekommen. Kinder sollten bei ihren Eltern sein und der Kidnapper wird das Kind nur freilassen, wenn du ihm das Lösegeld zahlst. Das ist ein legitimes Argument. Du kannst dein Handeln damit rechtfertigen. Deine Freunde und Verwandte werden Verständnis dafür aufbringen.

Rollentausch. Stellen dir vor, du bist der Kidnapper. Wie rechtfertigst du dein Handeln? Vielleicht mit dem gleichen Argument der Eltern? Du könntest sagen, dass Kinder bei ihren Eltern sein sollten und du das Kind nur freilässt, wenn du das Lösegeld erhältst. Offensichtlich verliert die gleiche Rechtfertigung nun ihre Legitimität. Der Grund dafür ist, dass der Kidnapper selbst die Prämisse wahrmacht. Zu fordern, dass die Eltern ihn bezahlen sollten, ist insofern illegitim als dass der Kidnapper dies damit begründet, dass Kinder bei ihren Eltern sein sollten. Würde der Kidnapper jedoch tatsächlich an diesen normativen Leitsatz glauben, könnte er kein Geld für die Freilassung verlangen, geschweige denn überhaupt ein Kind entführen.

Was zeigt dieses Beispiel? Lösegeldzahlungen lassen sich nicht damit legitimieren, dass Kinder bei ihren Eltern sein sollten. Zwar kann das Argument legitim sein, wenn es von den Eltern kommt, der Kidnapper selbst kann es jedoch nicht verwenden. Der Kidnapper kann seine Lösegeldforderung nicht moralisch legitimieren, denn er selbst verletzt den moralischen Leitsatz, den er zu Grunde legt (Kinder sollten bei Ihren Eltern sein). Die Legitimation für Lösegeldforderungen fällt durch den interpersonellen Test.

Okay, aber was hat das mit einem gleichen Gehalt für alle zu tun? Denken wir zurück an die beispielhafte Ärztin von vorhin. Stellen wir uns nun vor, ein Gesetzesentwurf existiert, nach dem jeder Bürger das gleiche Gehalt erhält. Aufgrund der Einkommensungleichheit in Deutschland (das mittlere Einkommen liegt über dem Median) wäre es eine Minderheit, für die ein solches Gesetz zu einem geringeren Gehalt führen würde. Zu dieser Minderheit wollen wir auch unsere Ärztin zählen. Für die Mehrheit würde jedoch ein solches Gesetz aller Voraussicht nach zu einem höheren Gehalt führen. Nichtsdestotrotz könnten Teile dieser geringverdienenden Mehrheit den Gesetzesentwurf ablehnen. In Ralwsscher Manier könnten sie behaupten:

Wenn alle das gleiche Gehalt bekämen, würden die derzeit besserverdienenden talentierten Menschen weniger Geld bekommen und somit weniger arbeiten. Dadurch würde es den Schlechtestgestellten insgesamt schlechter ergehen. Das wäre ungerecht“

Das scheint ein legitimes Argument zu sein, zumal tatsächlich die Gefahr besteht, dass sich unsere beispielhafte Ärztin bei einem geringeren Gehalt weigern könnte, Überstunden oder Nachtdienste zu übernehmen. Vielleicht würde sie sogar einen weniger anstrengenden Beruf ergreifen, es gäbe insgesamt weniger Ärzte und keinem wäre geholfen. Doch besteht das Argument den interpersonellen Test? Nein, mit dem Argument verhält so ähnlich wie in dem Kidnapper Beispiel: Es lässt sich nicht universell von jedem Gesellschaftsmitglied anwenden. Unsere Ärztin kann es beispielsweise nicht verwenden. Da sie zu der Gruppe der besserverdienenden talentierten Menschen gehört, müsste sie sagen:

Wenn alle das gleiche Gehalt bekämen, würde ich weniger Geld bekommen und somit weniger arbeiten. Dadurch würde es den Schlechtestgestellten insgesamt schlechter ergehen. Das wäre ungerecht“

Es ist wie mit dem Kidnapper, der die Lösegeldzahlung mit dem Argument rechtfertigt, dass Kinder bei ihren Eltern sein sollten. Genau wie der Kidnapper, macht die Ärztin selbst die Prämisse wahr. Ja, es würde den Schlechtestgestellten schlechter gehen, wenn die besonders talentierten Menschen weniger arbeiten würden. Aber das kann die Ärztin unmöglich anprangern, schließlich ist sie selber ein solcher besonders talentierter Mensch. Sie selbst würde zu der von ihr angeprangerten Ungerechtigkeit beitragen. Das Argument fällt durch den interpersonellen Test [6].

Der Mensch ein Egoist?

Aber was, wenn jeder Mensch so handeln würde wie die Ärztin? Was wenn jeder besonders talentierte Mensch aufhören würde seine Talente in den Dienste der Öffentlichkeit zu stellen, sobald der monetäre Anreiz wegfallen würde? Ist der Mensch denn nicht von Natur aus Egoist? Den Menschen scheint es so nicht zu geben. Tagtäglich kann man beobachten, dass Menschen unterschiedlichste Motive verfolgen. Manche Menschen verhalten sich dabei überwiegend altruistisch und manch andere überwiegend egoistisch. Manch einer ist Sozialarbeiter und nimmt ein geringes Einkommen in Kauf um anderen Menschen zu helfen. Manch ein anderer ist Spekulant an der Börse und zu aller erst auf seinen eigenen Vorteil bedacht.

Kategorien wie Egoist und Altruist sind also fließend. Sollte es den Menschen geben, so ist er sicherlich weder nur Egoist oder nur Altruist, sondern irgendetwas dazwischen. Und dieses etwas wird durch viele verschiedene, genetische, soziale und situative Faktoren bestimmt. So wurde beispielsweise herausgefunden, dass Studenten im Laufe ihres Wirtschaftstudiums zu egoistischeren Menschen werden [7]. Verwundert es wirklich, dass die Studenten das Menschenbild verinnerlichen, dass ihnen über Jahre gepredigt wird? Das Menschenbild der Neo-klassischen-Ökonomie ist vor allem das eines selbstzentrierten Nutzenmaximierers. Doch was die Studie offenbart, ist dass dieses Menschenbild eben nicht gottgegeben, sondern vor allem erlernbar ist. Das Umfeld scheint also einen entscheidenden Einfluss darauf zu haben, ob wir nur unser eigenes oder auch das Interesse der anderen im Blick haben.

In Bezug auf das Gehalt sollte man also nicht nach der definitiven Natur des Menschen fragen. Man sollte stattdessen fragen, welche Aspekte der menschlichen Natur es wert sind, sie zu fördern und welche Aspekte man lieber sanktionieren sollte. Was genau ist eine Gesellschaft, wenn nicht gerade ein Kontext zur Zügelung der menschlichen Natur? Warum sollte man also egoistisches Verhalten fördern, wenn man doch stattdessen altruistisches Verhalten fördern könnte?

Aus gerechtigkeitsphilosophischer Sicht ist es für Cohen somit ein klarer Fall. Wenn Gerechtigkeit im Kern ein Recht auf Rechtfertigung einschließt, dass sich die Gesellschaftsmitglieder gegenseitig schuldig sind, haben die Egoisten ein Problem. Wie könnten es die Egoisten gegenüber den Altruisten rechtfertigen, dass ihrem egoistischen Verhalten eine größere gesellschaftliche Anerkennung in Form von Geld gebührt als dem Verhalten der Altruisten? Sie könnten es nicht. Umgekehrt würden die Altruisten kein überdurchschnittliches Gehalt akzeptieren. Das stünde im Widerspruch zu ihren altruistischen Motiven. Schließlich könnte das zusätzliche Geld auch im Sinne des Gemeinwohls verteilt werden.

Man hat also die Wahl jeden unterschiedlich zu bezahlen, wobei die Altruisten in ihrem Bemühen der Gesellschaft zu dienen, frustriert werden. Oder man kann jeden gleich bezahlen, wobei die Egoisten in ihrem Bemühen sich selbst zu nützen, frustriert werden. Vor die Entscheidung gestellt, entweder die Altruisten oder Egoisten zu enttäuschen, erscheint es moralisch sinnvoller die die Egoisten zu enttäuschen. Was folgt, ist ein gleiches Gehalt für alle, bei dem weder höhere Arbeitsanstrengungen noch besondere Talente besser bezahlt werden.

Aber vielleicht sind es ja auch gar nicht die Egoisten, die überdurchschnittlich viel verdienen. Denken wir an unsere beispielhafte Ärztin zurück [8]. Vielleicht ist das hohe Gehalt der Ärztin viel weniger ein Mittel zur hedonistischen Bedürfnisbefriedigung und viel mehr dazu da ihre eigene Arbeitskraft zu regenerieren? Doch wem steht es wirklich zu, zu beurteilen, dass die eine Belastung anstrengender ist als eine andere, und die Erholung von der einen Belastung deshalb aufwändiger ist als von der anderen? Ist es anstrengender auf der Baustelle oder im Operationssaal zu stehen? Ist es anstrengender in einem Lokal zu kellnern oder dort zu sitzen und ein Buch zu schreiben? Jeglicher Bewertungsmaßstab scheint hier zu fehlen.

Vielleicht ist das hohe Gehalt aber auch eine Art Versicherung für das hohe Risiko, das man trägt, von seinen Patienten verklagt zu werden? Hier stellt sich aber die Frage, ob ein höheres Gehalt tatsächlich die beste Lösung darstellt? Wäre das tatsächlich die größte Angst der Besserverdiener, so wäre ihnen mit umfänglicherem Versicherungsschutz besser gedient als mit Porsche-Autos und Segelschiffen.

Warum denn so radikal?

Es gibt viele weitere Argumente in dem Stil. Allzu häufig werfen sie jedoch mehr Fragen auf, als sie beantworten. Warum ist es denn überhaupt so, dass nur wenige Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, in besonderem Maße Verantwortung (und damit auch Risiken) auf sich zu nehmen? Warum ist es denn so, dass nur wenige Menschen überhaupt die Möglichkeit haben, einen Beruf für sogenannte „Hochqualifizierte“ auf sich zu nehmen? Warum ist es denn so, dass nicht mehr Menschen studieren und sich weiterbilden? Und warum sollte man gerade die Privilegiertesten, denen alle Türen offen stehen, noch zusätzlich dafür belohnen?

Das mag vielen in eine zu radikale Richtung gehen. Und vielleicht liegt hier der Kern des Problems der Linken. Ihre Maximalforderungen sind schwammig und in sich schon ein Kompromiss. Höhere Steuern müssen her, aber zu hoch dürfen sie auch nicht sein. Mehr soziale Gerechtigkeit, aber dem freien Markt darf das nicht zu sehr schaden.

Im wirtschaftsliberalen rechten Spektrum sitzen hingegen die Forderungen. Denn sie basieren auf fundamentalen Theorien wie denen von Milton Friedman, Friedrich Hayek oder Robert Nozick. Diese Theorien selbst sind kompromisslos. Sie fordern eine Abschaffung aller regulatorischen Einschränkungen für Unternehmen und eine Abschaffung aller Sozialleistungen des Wohlfahrtsstaat. Natürlich würde keine wirtschaftsliberale Partei solche Forderungen stellen. Doch sie können mit vollem Selbstbewusstsein in diese Richtung voranschreiten, denn der theoretische Endpunkt eines maximal uneingeschränkten Marktes ist zumindest in der Theorie erstrebenswert.

Solch fundamentale Theorien sind bei den Linken chronisch unterentwickelt. Und so gibt es auch keinen theoretischen Endpunkt, keine wirklichen linken Maximalforderungen auf die man sich selbstbewusst berufen könnte. Natürlich ist ein gleiches Gehalt für alle utopisch und wird auch langfristig keine politische Realität werden. Doch wenn das Ziel mehr soziale Gerechtigkeit ist, sollte man auch eine klare Vorstellung davon haben, wie absolute soziale Gerechtigkeit aussehen muss. Wenn der politische Diskurs ein Tauziehen ist, wird die linke Seite auch am linken Ende des Taus ziehen müssen, um etwas zu erreichen.

Cohens Argument für ein gleiches Gehalt ist ein erster Vorstoß hin zu solchen linken Maximalforderungen. Er beschäftigt sich nur mit einem kleinen Aspekt der Einkommensungleichheit. Das Feld ist viel weiter als es dieser kleine Artikel erfassen könnte. Wie würde ein Wohlfahrtsstaat bei einem gleichen Gehalt funktionieren? Wann läuft das Prinzip der Gleichheit dem der Gerechtigkeit entgegen? Wie ließe sich nicht nur das Einkommen sondern auch das Vermögen gerechter verteilen? Wie würde transnationale Gerechtigkeit funktionieren? Man sollte über Cohen diskutieren und vor allem auf ihm aufbauen. Am wichtigsten dabei: keine Angst davor zu haben, zu radikal zu sein.

***

Für die nächste Diskussion in der Kneipe oder am Familientisch, hier noch einmal G.A. Cohens Argument in aller Kürze zum Nachschlagen [9]:

  1. Manche Menschen sind mit mehr Talenten als andere ausgestattet, entweder aufgrund deren Gene oder anderen glücklichen Zufällen. Es ist nicht einleuchtend, warum die Personen, die bereits einen Nutzen (ein Talent) haben mit einem zusätzlichen Nutzen (mehr Geld) belohnt werden sollten.
  2. Wenn manche Menschen härter und produktiver arbeiten als andere kann das auch als Talent/Gabe aufgefasst werden und würde somit unter den ersten Punkt fallen.
  3. Eine andere Erklärung dafür, warum manche Menschen härter arbeiten, sind deren Motive. Diese sind entweder egoistisch oder altruistisch.
  4. Es würde gegen die altruistischen Motive der härter arbeitenden Menschen sprechen, sie dafür auch höher zu entlohnen, da das zusätzliche Geld auch im Sinne des Gemeinwohls verteilt werden könnte.
  5. Vor die Entscheidung gestellt, entweder die altruistischen Motive oder die egoistischen Motive von Menschen zu belohnen, indem man entweder allen das gleiche oder jeden individuell bezahlt, erscheint es moralisch sinnvoller die Altruisten zu belohnen und die Egoisten zu enttäuschen.
  6. Somit sollten weder höhere Arbeitsanstrengung noch größere Arbeitsproduktivität besser bezahlt werden.

[1]

https://www.focus.de/finanzen/karriere/einkommensverteilung-nach-perzentilen-so-viele-menschen-verdienen-in-deutschland-weniger-als-sie_id_10552510.html

[2]

https://www.businessinsider.com/jeff-bezos-net-worth-life-spending-2018-8?r=DE&IR=T

[3]

Rawls, John. Eine Theorie der Gerechtigkeit. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1975.

[4]

Allmendinger, Jutta, Rita Nikolai, und Christian Ebner. 2009. „Handbuch für Bildungsforschung“. In Soziologische Bildungsforschung, 47–70. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.

[5]

Der Ausdruck „Recht auf Rechtfertigung“ wurde von dem Philosophen Rainer Forst geprägt. Das gleiche Prinzip ist aber bereits bei G.A. Cohen zu finden

[6]

Das Argument führt Cohen in folgendem Vortrag aus:

Cohen, G.A. 1992. „Incentives, Inequality and Community“. In The Tanner lectures on human values. 13. 13, 1992. Stanford. https://tannerlectures.utah.edu/_documents/a-to-z/c/cohen92.pdf.

[7]

http://knowledge.essec.edu/en/society/does-going-business-school-turn-you-more-selfish-p.html

[8]

Den Arztberuf verwende ich übrigens deshalb als Beispiel, weil er eine der wenigen Berufe zu sein scheint, bei dem ein hohes Gehalt ganz offensichtlich mit einem hohen gesellschaftlichen Nutzen einhergeht. Das gleiche lässt sich nicht für Lobbyisten, Firmenanwälte oder Performance Manager sagen.

[9]

Die Zusammenfassung des Arguments beruht auf der Zusammenfassung von:

Graeber, David. 2018. Bullshit Jobs. New York: Simon & Schuster. S. 309

Das usprüngliche Argument stammt von:

Cohen, G. A. 1994. „Back to Socialist Basics“. In . University of Toronto, Faculty of Law.

sowie

Cohen, G.A. 1992. „Incentives, Inequality and Community“. In The Tanner lectures on human values. 13. 13, 1992. Stanford. https://tannerlectures.utah.edu/_documents/a-to-z/c/cohen92.pdf.

10:28 21.08.2020
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