Elitärer Feminismus

Gerechtigkeit Was ist hier eigentlich wirklich ungerecht?
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21% beträgt der Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen in Deutschland; zu Gunsten der Männer natürlich. Aber Moment! Klingt zwar dramatisch, ist es doch aber eigentlich gar nicht. Schließlich arbeiten Frauen eher in Teilzeit als Männer und suchen sich vermehrt Berufe aus, die schlechter bezahlt werden. Unter Einbezug dessen: 5,8% Gehaltsunterschied. Und dann gibt es da ja noch Faktoren wie die durchschnittlich höhere, durch persönlichkeitspsychologische Tests messbare, Verträglichkeit von Frauen. Sorry, aber das mache sie nun einmal zu schlechteren Verhandlungspartnern bei Gehaltsgesprächen. Die restlichen 5,8% wären damit wohl auch halbwegs erklärt.

Kommt einem bekannt vor? Ich muss gestehen, auch schon so argumentiert zu haben. Und es ist natürlich verlockend, all jene Feministinnen (und Feministen) aus der Reserve zu locken, die tatsächlich die Meinung vertreten, dass die Rollenbilder von Frau und Mann eine rein soziale Konstruktion seien. Losgelöst von jeglichen biologischen Einflüssen. Denn eben jene Feministinnen können auf obige Argumentation konsequenterweise nur mit der Forderung antworten: Frauen haben sich vom patriarchalen Rollenbild zu lösen! Wenn sie mehr verdienen wollen, müssen sie sich einen besserbezahlten Beruf suchen und zu besseren Verhandlungspartnern werden. Dann kann man weiterdiskutieren; über eventuelle Ungerechtigkeiten in jenem gut bezahlten Beruf. Und genau hier liegt der Denkfehler, der den Feminismus zu einem Elitenprojekt werden lässt. Man akzeptiert die ausbeuterischen Strukturen des jetzigen Wirtschaftssystems bis zu dem Punkt, an dem Mann und Frau in vergleichbarer Position unterschiedlich viel verdienen. Erst dann beginnt der Streit über gerechten Lohn. Dass wir primär darüber streiten, und nicht über die 21% Gehaltsunterschied diskutieren, zeigt, dass wir nach den richtigen Antworten auf die falschen Fragen suchen.

Was wären denn die richtigen Fragen? Zu allererst sollten wir uns bewusst machen, dass die stereotypen Rollenbilder von Mann und Frau sehr wohl biologischen Ursprungs sind. Natürlich nicht vollumfänglich, sondern nur zu einem gewissen Teil. Unterschiede der Geschlechter lassen sich nicht nur auf soziale oder nur auf biologische Faktoren zurückzuführen. Wer dies behauptet, vernachlässigt jegliche wissenschaftliche Erkenntnisse der „Nurture-Nature“ Debatte. Schlussendlich handelt es sich immer um eine Mischung aus sozialen und biologischen Faktoren. Dass Männer im Schnitt kompetitiver sind als Frauen, mag sicherlich eng mit der frühkindlichen Erziehung zusammenhängen. Der unterschiedliche Testosterongehalt zwischen den Geschlechtern dürfte aber sicherlich auch eine Rolle spielen.

Wäre das weibliche Rollenbild tatsächlich vollumfänglich sozialen Ursprungs, so wäre zu erwarten, dass sich die Rollenbilder von Mann und Frau in patriarchalischen Gesellschaften stärker unterscheiden würden als in egalitären. Denn eine von Männern beherrschte Gesellschaft würde Frauen in „typisch weibliche“ Berufe drängen. In egalitären Gesellschaften hingegen, haben Menschen freie Entfaltungsmöglichkeiten. Das vermeintliche Resultat: Rollenbilder müssten sich auflösen. Es würde sich zeigen, dass männliche und weibliche Wesenszüge ohne sozialen Druck nicht existieren. Tatsächlich ist aber das Gegenteil der Fall. Umso weniger patriarchalisch (gemessen an mehreren „Gender-Equality-Indizes“) und umso reicher ein Land ist, desto stärker unterscheiden sich die Geschlechter in ihren Wertevorstellungen und dem daraus resultierenden Verhalten (bezogen auf Altruismus, Vertrauen, positive Reziprozität, negative Reziprozität, Risikobereitschaft und Geduld). Nun handelt es sich hierbei nicht um irgendeine Studie, sondern um die Veröffentlichung eines der hochkarätigsten Wissenschafts-Journale der Welt [1]. Darüber hinaus kommen viele weitere Studien zu ähnlichen Ergebnissen [2]. Was sich daraus schließen lässt, ist, dass Geschlechtsunterschiede im weitesten Sinne Resultat einer freien und nicht einer unterdrückenden Gesellschaft sind. Wird den Menschen Freiraum gegeben, treten natürliche (Geschlechts-)Differenzen zum Vorschein.

Differenzen bestehen also zwischen den Geschlechtern im engeren Sinne, und den Menschen im allgemeineren Sinne. Viele dieser Differenzen lassen sich nur durch Gewalt und Unterdrückung aufheben. Denken wir also nicht marktfundamentalistisch darüber nach, wie sich das Individuum am besten an die Spielregeln des Marktes anpassen kann. Warum nicht stattdessen andersherum fragen: Wie können der Markt und die Gesellschaft an die unterschiedlichen Befähigungen der Individuen angepasst werden? Und zwar so, dass frei nach John Rawls ein System entsteht, dem jeder Mensch ohne Wissen um die ihm vom Schicksal zugeteilten Karten zustimmen kann.

Stellen wir die richtigen Fragen. Hören wir auf zu Fragen, wie wir die Frauenquote unter Investmentbankern verbessern können. Fragen wir stattdessen nach der gesellschaftlichen Relevanz solch ausbeuterischer Berufe. Hören wir auf zu fragen nach dem Gehaltsunterschied zwischen Bankern und Bankerinnen. Fragen wir stattdessen nach dem Gehaltsunterschied zwischen Bankern und dem Kindergärtnern, zwischen Bankerinnen und Kindergärtnerinnen. Stellen wir endlich die richtigen Fragen.

[1]

Falk, Armin, und Johannes Hermle. „Relationship of Gender Differences in Preferences to Economic Development and Gender Equality“. Science 362, Nr. 6412 (19. Oktober 2018): eaas9899. https://doi.org/10.1126/science.aas9899.

[2]

Hemert, Dianne A. van, Fons J. R. van de Vijver, und Ad J. J. M. Vingerhoets. „Culture and Crying: Prevalences and Gender Differences“. Cross-Cultural Research 45, Nr. 4 (1. November 2011): 399–431. https://doi.org/10.1177/1069397111404519.

Hopcroft, Rosemary L., und Julie McLaughlin. „Why Is the Sex Gap in Feelings of Depression Wider in High Gender Equity Countries? The Effect of Children on the Psychological Well-Being of Men and Women“. Social Science Research 41, Nr. 3 (1. Mai 2012): 501–13. https://doi.org/10.1016/j.ssresearch.2011.12.006.

Lippa, Richard A., Marcia L. Collaer, und Michael Peters. „Sex Differences in Mental Rotation and Line Angle Judgments Are Positively Associated with Gender Equality and Economic Development Across 53 Nations“. Archives of Sexual Behavior 39, Nr. 4 (1. August 2010): 990–97. https://doi.org/10.1007/s10508-008-9460-8.

Nivette, Amy, Alex Sutherland, Manuel Eisner, und joseph murray. „Sex differences in adolescent physical aggression: Evidence from sixty-three low- and middle-income countries“. Aggressive Behavior, 4. Oktober 2018. https://doi.org/10.1002/ab.21799.

Schmitt, David P. „Are Men Universally More Dismissing than Women? Gender Differences in Romantic Attachment across 62 Cultural Regions“. Personal Relationships 10, Nr. 3 (2003): 307–31. https://doi.org/10.1111/1475-6811.00052.

Schmitt, David P. „The Evolution of Culturally-Variable Sex Differences: Men and Women Are Not Always Different, but When They Are…It Appears Not to Result from Patriarchy or Sex Role Socialization“. In The Evolution of Sexuality, herausgegeben von Todd K. Shackelford und Ranald D. Hansen, 221–56. Evolutionary Psychology. Cham: Springer International Publishing, 2015. https://doi.org/10.1007/978-3-319-09384-0_11.

Schmitt, David P., Anu Realo, Martin Voracek, und Jüri Allik. „Why Can’t a Man Be More like a Woman? Sex Differences in Big Five Personality Traits across 55 Cultures“. Journal of Personality and Social Psychology 94, Nr. 1 (Januar 2008): 168–82. https://doi.org/10.1037/0022-3514.94.1.168.

Stewart-Williams, Steve, und Lewis G. Halsey. „Men, Women, and Science: Why the Differences and What Should Be Done?“ Zugegriffen 27. November 2019. https://doi.org/10.31234/osf.io/ms524.

Stoet, Gijsbert, und David C. Geary. „The Gender-Equality Paradox in Science, Technology, Engineering, and Mathematics Education“. Psychological Science 29, Nr. 4 (1. April 2018): 581–93. https://doi.org/10.1177/0956797617741719.

Zuckerman, Miron, Chen Li, und Judith A. Hall. „When Men and Women Differ in Self-Esteem and When They Don’t: A Meta-Analysis“. Journal of Research in Personality 64 (1. Oktober 2016): 34–51. https://doi.org/10.1016/j.jrp.2016.07.007.

18:23 29.11.2019
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Geschrieben von

Max Pieper

Geschichten über den Fortschritt und uns. maximilian.pieper@posteo.de
Max Pieper

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