Fragilität statt Fortschritt

Fortschrittskritik Warum wir in einer zunehmend fragilen Welt leben – und was das mit E-Bikes zu tun hat
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Fragilität statt Fortschritt
Da hilft auch die dollste Multifunktionsjacke nichts: Einer rosigen Zukunft strampelt man mit ewigem Fortschritt nicht entgegen

Foto: imago images/Westend61

Was für eine Zeit am Leben zu sein! Die Sonne scheint dir ins Gesicht, nur vereinzelte Wolken am Himmel. Der Weg vor dir erstreckt sich steil den Berg empor. Doch auf deiner Stirn kein Tropfen Schweiß, denn der elektronische Antrieb deines Fahrrads schiebt dich an. Ein Zwischenstopp, weil du Hunger verspürst, weißt du brauchst Essen, Energie, Kohlenhydrate! Das Hungergefühl ist nicht groß, aber irritierend genug um etwas dagegen zu tun. Du bist selbstverständlich vorbereitet, greifst in deine Wind-Shell-Hydro-Thermic Jack Wolfskin Jacke und findest einen Energy-Riegel. Das sollte fürs Erste genügen. Gegen die Kopfschmerzen noch schnell eine Aspirin einwerfen und weiter geht’s.

Fast oben angekommen, schwingt das Wetter um. Der Himmel verdunkelt sich und der Wind beginnt zu pfeifen. Du prüfst die Wetter-App auf deinem Handy. Keinerlei Warnungen. Eigentlich sollte die Sonne scheinen... Dann gibt sich das auch bestimmt bald wieder!

Weiter nach oben also. Weiter hoch zum Gipfel, dem Objekt der Begierde. Schließlich willst du erzählen können, dass du dort warst, dass du etwas geleistet hast, und dass der Akku deines neuen E-Bikes eine beachtliche Reichweite besitzt. Gute Bilder für Instagram hätte das dort oben bestimmt auch gegeben, hätte die Wetter-App nicht so versagt.

Hätte sie dir wenigstens einen Hinweis gegeben, dass das Wetter umschlagen könnte, dass es nicht mehr besser werden würde, nein, nur noch schlechter. Dass es regnen würde und blitzen. Dass du dein Können auf dem Rad nicht mit einem Elektroantrieb hättest kompensieren sollen. Dass du deine schlechte körperliche Verfassung nicht mit Tabletten hättest verdrängen sollen. Und dass du deshalb gewaltig in der Klemme stecken würdest. Doch das hättest du nicht glauben wollen. Schau dich nur an, wie lächerlich fragil du bist.

Wenn sie dann schließlich einen ihrer Helikopter schicken um dich zu holen, wenn du von weit oben herunter blickst auf die Berge und Täler, kannst du dir ein Lächeln nicht verkneifen. Was ein Segen, dass es Helikopter gibt! Was für ein Segen! Unter dem gleichmäßigen Rattern der Rotorblätter, fängst du an zu zählen: Wie viele Helikopter würde es brauchen um eine Gruppe zu retten, ein Dorf, eine Stadt oder gar ein ganzes Land? Das Lächeln vergeht dir.

Bis jetzt ging alles gut!

Aus dem kollektiven Abenteuer, auf das wir uns eingelassen haben, gibt es bei Gefahr keinen schnellen Ausweg. Keine technischen Lösungen können uns vor den auftürmenden Gefahren schützen, ohne gleichzeitig neue hervorzubringen. Spätestens seit Hiroshima und Nagasaki, seitdem wir mit der Möglichkeit eines nuklearen Totalschlags konfrontiert wurden, wissen wir um unsere kollektive Fragilität. Das ist nichts Neues. Doch man muss sich die Frage stellen, warum diese apokalyptischen Risiken seitdem nicht abgenommen haben, sondern sich im Gegenteil wie wild zu vervielfältigen scheinen.

Waren der kalte Krieg, die Kuba-Krise oder Tschernobyl nicht genug Warnschüsse? Warum gesellen sich zu der nuklearen Bedrohung immer mehr Gefahren, wie die Klimakatastrophe, globale Finanzkrisen, Cyberangriffe, Terroranschläge, Ölkatastrophen, verheerende Waldbrände, Stürme und Fluten? Warum werden wir nicht vorsichtiger? Oder sind all diese Bedenken nur das Resultat einer verzerrten Wahrnehmung, bedingt durch sensationslustigen Medien und den Filterblasen der sozialen Netzwerke? Höchste Zeit etwas Licht in die dunklen Schatten der Moderne zu werfen!

Was würde sich dafür besser eignen als Daten, handfeste Statistiken? In seinen beiden Bestsellern „Gewalt: Eine neue Geschichte der Menschheit“ und „Aufklärung jetzt“ gewagt sich der amerikanische Psychologe Steven Pinker genau das zu tun. Mit einer Fülle historischer Zahlen zeichnet Pinker eine durch und durch positive Entwicklungstendenz der menschlichen Zivilisation. Nicht nur die Gewalt würde immer weiter abnehmen, auch wären die Menschen heutzutage glücklicher, gesünder und wohlhabender als jemals zuvor.

Die Aussagekraft dieser Zahlen kann man nun anzweifeln. Der Psychologe Arno Gruen kritisert beispielsweise, wie der Messgegenstand bei der statistischen Betrachtung der Gewaltentwicklung definiert ist. So könne man Kriminalstatistiken miteinander vergleichen und daraus einen Rückgang der physischen Gewalt ableiten. Sämtliche Formen psychischer Gewalt blieben dabei aber verborgen. Was ist mit der Gewalt erniedrigender Arbeitsverhältnisse, oder der psychischen Belastung einer kapitalistischen Leistungsgesellschaft, evident durch steigenden Suizidraten oder Verschreibungen von Antidepressiva?

Auch Statistiker Nassim Nicholas Taleb traut dem Fortschrittnarrativ Pinkers nicht, wenn er darauf hinweist, dass mit der scheinbar rückläufigen Gewalt gleichzeitig das menschliche Zerstörungspotenzial zugenommen habe. Pinker vernachlässige demnach die überaus unwahrscheinlichen aber eben auch überaus katastrophalen Ereignisse in seiner Analyse. Es reicht nämlich der Ausbruch eines Atomkriegs um die Geschichte der rückläufigen Gewalt und all des anderen Fortschritts umzuschreiben, ja sogar die Geschichte der Menschheit selbst zu beenden.

Aber auch wenn man diese methodischen Einwände außenvorlässt und den umfassenden historischen Fortschritt akzeptiert, hat diese Geschichte dennoch einen Haken: Sie ist nicht nachhaltig. Mag sein, dass wir alle gesünder, reicher, friedfertiger und schöner werden. Aber das beruht auf einem ausbeuterischem Wirtschaftssystem, unter dem Entwicklungsländer sowie Natur-, Pflanzen- und Tierwelt zu leiden haben.

In so einem Wirtschaftssystem sind wir die Profiteure und jubeln voreilig, wie ein Mann, der aus dem Hochhaus fällt: „Bis jetzt ging alles gut!“ Bis jetzt: das soll heißen bis wir die diversen Kippunkte in unserer Klimasystem überschreiten; bis das grönländische und polare Eis im Meer verschwunden, bis der Amazonasregenwald abgestorben ist und bis durch den ansteigenden Meeresspiegel Milliarden Menschen zu Klimaflüchtlingen werden. „Bis jetzt ging alles gut!“ sprach der Mann, kurz bevor am Boden zerschmetterte. Fraglich, ob man unter Einbezug dessen ernsthaft noch von irgendeinem großflächigen Fortschritt sprechen kann. Es scheint ein Fortschritt zu sein, der erkauft ist mit Schulden der zukünftigen Generationen.

Jenseits technischer Rationalität

Genau wie der E-Biker auf seinem Weg zur Bergspitze immer tiefer in die Misere gerät, streben wir kollektiv einem völlig verklärten Fortschrittsbegriff nach. Das führt täglich zu bizarren Bildern. Da berichtet Klaus Kleber beispielsweise bestürzt von den Auswirkungen des Klimawandels, um sich gleich danach von Frank Beethmann die frohe Nachricht des steigenden Wirtschaftswachstums verkünden zu lassen.

Dabei sollte doch Folgendes völlig einleuchtend sein: dass eine größere Wirtschaft auch zu größeren ökologischen Schäden führt. Und dass unendliches Wachstum nicht funktionieren kann in einer endlichen Welt. Es ist deshalb völlig illusorisch daran zu glauben, dass eine wachsende Wirtschaft dieses grundlegende Wachstumsproblem irgendwann durch irgendeinen technologischen Durchbruch lösen könnte.

Und doch wird kollektiv daran geglaubt, dass lediglich Wachstum für Stabilität sorgen kann. Der Ursprung dieses Vertrauens ist zugleich Ursprung der zunehmenden Fragilität dieser Welt. Dabei sind wir doch so gebildet, aufgeklärt und rational wie nie zuvor (zumindest laut Steven Pinker). Wie kann es sein, dass unser rationales Denken versagt hinsichtlich der fundamentalen Widersprüche unseres Gesellschaftsmodells?

Tatsächlich versagt die Rationalität überhaupt nicht! Es ist lediglich eine andere Rationalität am Werke, eine technische Rationalität. Innerhalb dieser Rationalität wird alles potenziell Politische bereits als unumstößlich betrachtet: „Der Wohlstand muss gesteigert werden, und Wohlstand ist gleich Bruttoinlandsprodukt“, lautet das Mantra. Alles was somit verbleibt, sind technische Fragen: Wie kann dieser Wohlstand mit maximaler Effizienz gesteigert werden? Durch welche technischen Innovationen wird sich die Produktivität erhöhen? Welche Ressourcen müssen wie verteilt werden? Und welche Risiken sind dabei abzusehen? Für welchen potenziellen Schaden muss vorgesorgt werden?

Fragen über Werte und Normen existieren innerhalb dieser technischen Rationalität nicht. Es geht nicht darum, ob Risiken in Kauf genommen werden sollten, sondern wie diese Risiken in Kauf genommen werden müssen. Denn dass sie in Kauf genommen werden müssen, steht außer Frage. Der wirtschaftliche ‚Fortschritt‘ muss zwangsläufig auch ein technischer sein und steigert somit zwangsläufig die menschliche Schaffens- und Zerstörungskraft. Dadurch, dass das ob zum wie wird, werden qualitative Fragen zu quantitativen. Die Türen sind geöffnet für die Kalkulation von Risiken, deren Eintrittswahrscheinlichkeiten und potenzielle Schäden. Die Türen sind geöffnet für die Kalkulation der Zukunft.

Von Zeit zu Zeit werden diese Berechnungen allerdings fehlschlagen, die Zukunft ist in ihrer Gänze schlicht und einfach nicht berechenbar. Doch sogar wenn die Berechnungen stimmen, wird man sie abändern und gefügig machen; nämlich dann, wenn sie in unauflöslichem Widerspruch mit dem eigenen Mantra stehen. Wenn es regnet und die Wetter-App Sonnschein voraussagt, glauben wir der App! Wenn die Sonne scheint, und die Wetter-App Regen voraussagt, muss die App falschliegen! Denn wenn nicht, müssten wir abkehren von dem Ziel, dass wir uns so fest in den Kopf gesetzt haben. Wir müssten vom Wachstumsparadigma abkehren. Und der E-Biker müsste zurückkehren ins Tal.

Wir befinden uns in luftigen Höhen. Nicht aufgrund von Muskelkraft und Ausdauer, sondern aufgrund von technischen Hilfsmitteln. Hilfsmittel, die unsere zunehmende Ausgesetztheit und Fragilität verschleiern. Der einzige Ausweg ist eine neue Rationalität. Eine Rationalität, die nicht nach dem wie fragt, sondern nach dem ob und dem warum. Eine Rationalität, der ein offener Austausch über die Werte, Normen und natürlichen Grenzen zugrunde liegt, die unsere persönlichen und gesellschaftlichen Ziele bestimmen sollten. Das ist die Alternative zu einer rein technischen Rationalität. Das ist die Alternative zu einer fragilen Welt.

09:47 02.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Pieper

Geschichten über den Fortschritt und uns. twitter: @1maxpieper
Max Pieper

Kommentare 4

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community