Ihr IQ ist hoch? Womöglich sind Sie ein Idiot

Gesellschaft Von einem großen Missverständnis darüber, was Intelligenz bedeutet – und wohin uns das geführt hat
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Ihr IQ ist hoch? Womöglich sind Sie ein Idiot
Was versteht man eigentlich unter Intelligenz?

Foto: imago images / CHROMORANGE

Haben Sie schon einmal Ihren IQ bestimmen lassen? Wenig andere Quotienten sind wohl so weitverbreitet und bekannt, so sehr mit gesellschaftlicher Anerkennung und Erfolg assoziiert. Denjenigen, die ihre Intelligenz noch nicht quantitativ bestimmt haben, sei gesagt: kein Grund zur Sorge! Weder taugt der IQ zur Bestimmung irgendeiner sinnvoll definierten Form von Intelligenz, noch hat er für die allermeisten Menschen Aussagekraft über zukünftige berufliche oder private Erfolge. Was sich viel mehr in dieser Metrik wiederspiegelt, ist eine Ideologie des blinden Problemlösens, des Quantifizierens, der Visionslosigkeit und der Herrschaft der Gegenwart. Doch fangen wir von vorne an.

Der IQ wurde ursprünglich eingeführt um Lernschwächen bei Schulkindern zu identifizieren. Mittels standardisierter Tests für unterschiedliche Altersstufen lässt sich das „Intelligenzalter“ eines Kindes bestimmen. Teilt man dieses durch das tatsächliche Alter des Kindes und multipliziert mit 100, erhält man den individuellen IQ. Erst später entwickelte man den IQ für erwachsene Probanden weiter, indem man den Quotienten populationsbezogen auf einen Mittelwert von 100 skalierte. Längst haben sich IQ-Tests von ihrer ursprünglichen Funktion zur Feststellung von Lernschwächen gelöst. Ihre eigentliche Funktion, nämlich die Messung von „Unintelligenz“ (bzw. Lernschwächen) wurde erweitert um die Messung von „Intelligenz“.

Doch was versteht man denn eigentlich unter Intelligenz? Eine Frage, über die in der Fachwelt bei weitem keine Einigkeit herrscht. Worauf man sich jedoch einigt, ist der Facettenreichtum von Intelligenz. Standardisierte Intelligenztests können nur wenige dieser Facetten untersuchen. Die untersuchten Facetten sind in aller Regel analytischer Natur. Man erinnere sich an die eigene Schulzeit und all die drögen Mathematikklausuren zurück: Es werden Probleme gelöst, die von anderen Personen definiert wurden, für deren Lösung man keinerlei intrinsische Motivation verspürt und für die es genau eine richtige Antwort gibt, die man mit einer bereits erlernten Methode bestimmen kann. Dafür braucht man analytisches Denken, aber ganz sicher keine Kreativität oder praktisches Handlungsvermögen. Ein Beispiel: „Aufgabe 1a: Tom hat sich einen neuen Stuhl gekauft. Berechne die Oberfläche von Toms Stuhl mit den folgenden Maßen...“ Mit analytischem Denken lässt sich ganz exakt die Oberfläche von Toms Stuhl berechnen. Man wird damit aber sicher nicht in der Lage sein, einen eigenen Stuhl zu designen, zusammenzubauen, geschweige denn zu hinterfragen, welchen Sinn es überhaupt hat, die Oberfläche von Toms Stuhl für ihn zu berechnen.

Dass in unseren Schulen vorwiegend analytische Intelligenz unterrichtet und abgefragt wird, mag damit zusammenhängen, dass sich diese Form der Intelligenz am einfachsten bewerten und vergleichen lässt. Die richtigen und falschen Antworten einer Mathematikklausur lassen sich schließlich deutlich einfacher benoten als die Eloquenz einer Gedichtanalyse. Und nicht anders lässt sich die Vorherrschaft des IQs zur Messung der Intelligenz erklären. Es sollte nicht überraschen, dass dieses Argument so große Schlagkraft besitzt. Sobald ein Argument die Macht der Zahlen auf seiner Seite hat, scheint es unanfechtbar zu sein. Denn zu häufig wurde uns die alte Leier der Wissensgesellschaft eingetrichtert, in der rational gehandelt wird; auf der Basis von Logik, Fakten und allen voran: Zahlen. Das trügerische der Zahlen liegt nicht in ihrem direkten Wahrheitsgehalt, also beispielsweise dass Robert eine 4 in Mathe bekommt. Das Trügerische liegt stattdessen darin, dass man Informationen in diese Zahlen interpretiert, die diese gar nicht enthalten. Das tritt ein, wenn Robert nicht Medizin studieren darf, weil seine schlechten Noten in Mathe ihm das verbieten. Doch sagen seine mathematischen Fähigkeiten tatsächlich etwas über seine ärztliche Kompetenz aus? Sagt der IQ etwas über den beruflichen Erfolg eines Menschen aus?

An dieser Stelle mag sich der ein oder andere fragen: Warum komme ich immer wieder auf den IQ zurück? Für das tägliche Leben der allermeisten Menschen dürfte er keine allzu große Rolle spielen. Denn wie viele Menschen haben tatsächlich schon einen solchen Test gemacht? Spielt denn nicht beispielsweise der Numerus Clausus des Abiturs eine bedeutend größere Rolle für den Werdegang einer Person? Das ist sicherlich nicht falsch. Und doch scheint das Konzept des IQs sinnbildlich und am eindeutigsten die Auffassung widerzuspiegeln, dass Intelligenz etwas Messbares sei, ähnlich der Rechenleistung eines Computers. Dieselbe Auffassung findet sich ebenso in NCs oder PISA Studien wieder, doch der Versuch individuelle Intelligenz als Indikator allgemeiner kognitiver „Leistungsfähigkeit“ zu messen, kulminiert zweifellos im Konzept des IQs. Dass diese Vermessung weniger einer praktischen Notwendigkeit und vielmehr einer Ideologie entspringt, zeigt sich in der recht schwachen Prognosekraft des IQs für relevante Lebensbereiche; beispielsweise für private und berufliche Erfolge. Der IQ einer Person korreliert weder mit dessen finanziellem Erfolg [1] noch mit dessen subjektiven Wohlbefinden [2]. Ausnahme sind hierbei Personen mit einem unterdurchschnittlichen IQ. Hier lässt sich statistisch tatsächlich auf einen geringeren ökonomischen Status schließen. Vor dem Hintergrund, dass IQ-Tests ihren Ursprung in der Feststellung von Lernschwächen haben, ist die Genauigkeit der Methodik in diesem Fall auch kaum verwunderlich. Jedoch sei nochmals betont: Das Problem der IQ-Tests liegt nicht darin, dass „Unintelligenz“, sondern dass (allgemeine) Intelligenz ihr Messgegenstand ist.

Die Ideologie hinter dieser zweifelhaften Methodik wird erkennbar, wenn man den Blick auf die Institutionen richtet, in denen der IQ tatsächlich den Erfolg der darin tätigen Individuen prognostiziert. Das spricht jedoch weniger für das Konzept des IQs und vielmehr für den problematischen Charakter der Institutionen. Es handelt sich um Institutionen, in denen das analytische Denken die absolute Vorherrscherrolle gegenüber allen anderen Facetten der Intelligenz einnimmt. Der berühmte Essayist und Statistiker Nassim Nicholas Taleb hat für den dabei vorherrschenden Menschentypus die Bezeichnung ‚IYI‘ geprägt: ‚Intellectual Yet Idiot‘. Gemeint sind Bürokraten, Papiertiger und Akademiker, deren Weltbild von einer theoretisierenden, stark vereinfachenden und monolithischen Sichtweise geprägt ist, in die zwanghaft alle Aspekte des Lebens eingeordnet werden. Es werden Probleme gelöst, die von anderen Personen definiert wurden, für deren Lösung man keinerlei intrinsische Motivation verspürt und für die es genau eine richtige Antwort gibt, die man mit einer bereits erlernten Methode bestimmen kann. Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn sich solch fehlgeleitete Vorstellungen von Intelligenz in den Köpfen verankern? Wenn ein Bildungssystem seinen Erfolg daran misst, wie effizient es möglichst viele ‚Intellectual Yet Idiots‘ heranzüchten kann? Was macht das mit einer Gesellschaft, wenn man sie mit blinden Problemlösern überschwemmt, die aber selbst keine eigenen Gedanken darüber verlieren, was denn wirklich das Problem ist? Die Fragen zwar beantworten aber nicht stellen können...

Die Auswirkungen sehen wir jeden Tag und überall dort, wo scheinbar rational gehandelt wird, der größere Kontext jedoch unhinterfragt bleibt. Es ist der ständig wachsende Bürokratieapparat in fast allen Berufen. Der Zwang alles in Zahlen festzuhalten und Formulare auszufüllen. Es ist das blinde Festhalten an eingestaubten Weisheiten über die unsichtbare Hand des Marktes oder über Wirtschaftswachstum als Garant zivilisatorischen Fortschritts. Es ist das Zurückdrängen der Gesellschaftswissenschaften und die Vorherrschaft der Naturwissenschaften. Es ist die dabei entstehende Instrumentalisierung der Universitäten, die selber keine Werte und Ideale zu vertreten scheinen sondern lediglich als Dienstleister und Innovationsfaktor für die Wirtschaft agieren. Es sind die Enthusiasten der künstliche Intelligenz, denen man womöglich natürliche Dummheit attestieren sollte. Es ist die Visionslosigkeit der Politik, die Fokussierung auf das Tagesgeschäft. In die Zukunft blickt man lediglich mittels Prognosen. Und die funktionieren ja auch nur unter der Annahme, dass die Spielregeln unser Gesellschaft als unveränderlich angenommen werden.

Gefangen im Prozess einer immer weiter voranschreitenden Spezialisierung der Berufe, schwindet der Blick für das große Ganze. Doch, dass wir nicht sehen können, ist noch viel zu kurz gegriffen. Viel mehr wollen wir nicht sehen, haben schlicht die Lust daran verloren. Statt den Blick nach oben zu richten, laufen wir gekrümmt und mit gesenktem Blick; eifrig dabei, das nächste Problem zu lösen, den nächsten Stein aus dem Weg zu räumen, über den wir stolpern. Und auf unwegsamem Gelände mag der Blick nach unten auch der vorteilhaftere sein... bis man sich an Orten wiederfindet, an denen man niemals sein wollte.

[1] Jay L. Zagorsky, „Do You Have to Be Smart to Be Rich? The Impact of IQ on Wealth, Income and Financial Distress“, Intelligence 35, Nr. 5 (1. September 2007): 489–501, https://doi.org/10.1016/j.intell.2007.02.003.

IQ hat keinen Einfluss auf die Höhe des finanziellen Reichtums einer Person; eine schwache Korrelation mit dem Einkommen ist vorhanden, jedoch nur bei niedrigen Einkommen

[2] Ruut Veenhoven und Yowon Choi, „Does Intelligence Boost Happiness? Smartness of All Pays More than Being Smarter“, International Journal of Happiness and Development 1, Nr. 1 (1. Januar 2012): 5–27, https://doi.org/10.1504/IJHD.2012.050808.

IQ korreliert nicht mit dem Wohlbefinden (happiness) einer Person auf individueller Ebene; auf nationaler Ebene scheint eine Korrelation vorzuliegen, inwieweit das jedoch auf den IQ und nicht auf andere Faktoren zurückzuführen ist, ist unklar

17:09 13.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Pieper

Geschichten über den Fortschritt und uns. twitter: @1maxpieper
Max Pieper
Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 38

Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community