Kann Wissenschaft rassistisch sein?

Essay Wer tatsächlich darüber entscheidet, ob die Menschen gleich sind.
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„Das hat zu tun mit soziologischen Sachen. Und vielleicht auch mit genetischen.“ Die Trump-Supporterin Tina Chittom blickt in fassungslose Gesichter.

„Bitte was?!“ entgegnet ihr Markus Lanz. Er hatte sie zuvor gefragt, wie sie denn ernsthaft die strukturelle Diskriminierung von Afroamerikanern in Amerika abstreiten könne. Daraufhin offenbart Chittom ihre rassistische Gesinnung in aller Klarheit. Nur um sich gleich wieder rauszureden: „Ich denke eher nicht, dass es genetisch ist. Aber man darf das auch mal erforschen, ob das irgendwie eine Rolle spielt.“

„Das ist im Wesentlichen erforscht. Und es ist nicht so“, entgegnet ihr Professor Brockmann. Die restliche Runde nickt zustimmend.

Sicherlich ist es erstaunlich, dass eine so unverblümt rassistische Gesinnung in einer der meistgesehenen Talkshows des Landes Platz findet. Viel interessanter ist doch aber etwas anderes. Und zwar die reflexartige Reaktion von Professor Brockmann. Auf Chittom erwidert er, die Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen seien im Wesentlichen erforscht und aus wissenschaftlicher Sicht irrelevant.

Nun, was wenn es nicht so wäre? Sollte man mit dem noblen Ziel der Wahrheitsfindung vielleicht doch noch weiterforschen? Hat die Wissenschaft überhaupt ein Sagen darüber, ob die Menschen gleich sind?

Wie man die falschen Fragen stellt

Auf einem fundamentalen Level kann Wissenschaft niemals neutral sein. Natürlich ist es so, dass bei guter wissenschaftliche Praxis der Forschungsgegenstand neutral zu behandeln ist. Forscher sollten nicht auf ein erhofftes Ergebnis hinarbeiten. Doch die Wahl des Forschungsgegenstandes selbst kann niemals neutral sein. Sie wird geleitet von den Interessen, Hoffnungen und Ideologien einer Gesellschaft.

Das ist kein unerheblicher Punkt. Tatsächlich kann die Wahl des Forschungsgegenstandes das Ergebnis der Forschung stark einengen. Man nehme beispielsweise den Forschungsstrang, der sich mit der ethischen Programmierung von selbstfahrenden Autos beschäftigt. Warum auch nicht? Schließlich muss man sicherstellen, dass ein selbstfahrendes Auto bei einem Unfall die richtige Entscheidung trifft. Dass es im Fall eines Dilemmas eher die alte Dame als das junge Kind überfährt.

Aber was, wenn eine ethische Programmierung von selbstfahrenden Autos überhaupt nicht möglich ist? Was, wenn es niemals ethisch sein kann, zwischen der alten Dame und dem jungen Kind abzuwägen? Die Würde des Menschen ist unantastbar. Das schließt ein Aufwiegen von Leben und die Kalkulation der Existenzberechtigung klipp und klar aus.

Indem man zu einer ethischen Programmierung forscht, übergeht man solch grundlegende Fragen. Erst dadurch kann dem Forschungsvorhaben überhaupt Relevanz zukommen. Erst wenn die Warum-Fragen aus dem Weg geräumt sind („Warum sollten wir dazu forschen?“), kann man sich den Wie-Fragen zuwenden: „Wie programmiert man ein selbstfahrendes Auto ethisch?

Nicht anders verhält es sich bei den Unterschieden zwischen Schwarzen und Weißen. Wenn man die Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen erforschen würde, müsste man sich zunächst einmal fragen: Warum eigentlich? Was erhofft man sich aus solch einer Forschung? Stelle sich raus, es gäbe signifikante Unterschiede zwischen Schwarzen und Weißen, was dann? Sollte man die Politik anders ausrichten? Den Wohlfahrtsstaat umstrukturieren?

Genau das schlug der US-amerikanische Politikberater und Psychologe Charles Murray vor, nachdem seine fragwürdige Forschung IQ-Unterschiede zwischen verschiedenen Ethnien zu offenbaren schien. Wenn Schwarze im Durchschnitt weniger intelligent seien als Weiße, dann seien deren sozioökonomischen Probleme nicht durch einen stärkeren Wohlfahrtsstaat zu lösen. Nein, die Probleme seien natürlich.

Solche Vorschläge mögen von den meisten als abstoßend empfunden werden. Doch warum sie abstoßend sind, das ist auf Anhieb gar nicht leicht in Worte zu fassen. Dabei verblendet die ideologische Brille des Szientismus unsere Sicht.

Ein Land namens Rationalia

Was ist Szientismus? Im Grunde wird damit die Weltanschauung bezeichnet, nach der sich alle sinnvollen Fragen des Lebens mit naturwissenschaftlichen Methoden beantworten lassen. In Zeiten von Fake-News und Trumpismus mag das wie eine vernünftige Einstellung wirken. Wenn die grundlegendsten Fakten und Erkenntnisse angezweifelt werden, mag eine Wissenschaftshörigkeit wie der Heilsbringer all unserer Probleme erscheinen.

So sehnte sich vor ein paar Jahren der US-amerikanische Wissenschaftsvermittler Neil deGrasse Tyson auf Twitter das virtuelle Land Rationalia herbei. Die Verfassung dieses Landes bestünde aus nur einem Satz: „Alle politischen Entscheidungen sind durch (wissenschaftliche) Fakten zu begründen.“ Prominente Wissenschaftler wie Richard Dawkins und Brian Greene schlossen sich dem Gedanken an und erklärten sich als Bürger dieses virtuellen Landes.

Eingebetteter Medieninhalt

Das ist Szientismus in Reinform. Was Tyson, Dawkins und Greene dabei übersehen, ist, dass Wissenschaftshörigkeit keinesfalls vor Faschismus schützt. Die Darstellung der Nazis als wahnsinnig gewordene Superschurken entspringt aus genau diesem Missverständnis. Dabei verkennt man, dass die Nazis durchaus "rational" gehandelt haben und dass sich ihre Ideologie auf damals anerkannte wissenschaftliche Fakten stütze.

Die damals weit verbreitete wissenschaftliche Strömung des Sozialdarwinismus übertrug die Evolutionstheorie von Charles Darwin von dem Individuum auf die Gesellschaft. Wenn nur das am besten angepasste Individuum überlebt und seine Gene weitergibt, müsse nach dieser Auffassung das gleiche auch für Völker und Rassen gelten. So stellte man die arische Rasse als überlegen dar. Aus dieser Überlegenheit leitete man schließlich die Terrorisierung und Unterdrückung aller anderen Rassen als Naturrecht ab. Dieses Naturrecht würde schlussendlich sogar dem Gemeinwohl zu Nutze kommen, wenn die Menschheit zu einer höherentwickelten biologischen Konstitution geführt werden würde.

Mittlerweile ist der Sozialdarwinismus als unwissenschaftlich enttarnt. Aber was, wenn er es nicht wäre? Können Fakten rassistisch sein? Es kommt ganz darauf an. Ein Fakt ist niemals nur ein Fakt sondern existiert immer in einem Kontext. Je nachdem in welchem Kontext ich auf mich auf welche Art von Fakten berufe, kann mit dem was faktisch ist, ein sollen impliziert werden. Wenn behauptet wird, die eine Rasse sei gegenüber einer anderen höherentwickelten Rasse unterlegen, ist das kein Fakt. Hier wird nicht beschrieben was ist, sondern was sein soll.

Mittlerweile wissen wir, dass der Rassenbegriff in Bezug auf den Menschen Unsinn ist und dass sich keine relevanten Unterschiede zwischen verschiedenen Menschengruppen beobachten lassen. Doch nehmen wir an, das wäre nicht so und es gäbe unterschiedliche Menschenrassen.

Diese Annahme allein ist nicht das, was so falsch an der nationalsozialistische Ideologie ist. Schließlich würde sie nur beschreiben, was ist. Tatsächlich falsch und verwerflich ist, was aus dieser Annahme gefolgert wird, was also sein soll. Im Fall der Nazis wäre das die Überlegenheit der arischen Rasse. Doch wenn es unterschiedliche Menschenrassen gäbe, ließe sich aus solchen Unterschieden keine Überlegenheit und kein Naturrecht auf Unterdrückung ableiten, ohne aus dem Ist ein Soll zu machen.

Die Naturwissenschaft kann niemals den Stein der Weisen für sich beanspruchen. Denn sie ist auf ewig in diesem (von David Hume formulierten) Sein-Sollen-Problem gefangen. Sie kann immer nur beschreiben, was ist. Es liegt am Menschen, an seinen Werten, Vorstellungen und Überzeugungen zu entscheiden, was sein soll.

Eine Frage des Anstands

2014 wurden zeitgleich zwei Studien veröffentlicht, die Verblüffendes zeigten. Durch Genomanalysen konnten Forscher zeigen, dass beinahe alle Menschen Neandertal-DNA in sich tragen. Die einzige Ausnahme: Menschen vom afrikanischen Kontinent [1].

Man stelle sich vor, es wäre genau anders herum gewesen. Die Studien hätten ergeben, dass Neandertal-DNA nur bei Afrikanern zu finden sei. Gedenk dessen, dass Neandertaler im öffentlichen Bild gemeinhin (und zu unrecht) als primitivere Vorfahren des Menschen angesehen werden, wie groß wäre der mediale Aufschrei gewesen? Wären die Studie und ihre Autoren als rassistisch verschrien worden? Höchstwahrscheinlich ja.

Ein zivilisierter Diskurs verlangt es, dass wir den fundamentalen Unterschied zwischen dem was ist und dem was sein soll begreifen. Dass die Menschen vor dem Gesetz gleich sein sollen, kann mit keiner wissenschaftlichen Erkenntnis widerlegt werden, genauso wie sich die Menschenrechte nicht rational wissenschaftlich herleiten lassen.

Wenn man die historische Vermischung zwischen Homo Sapiens und Homo Neanderthalensis untersucht und dabei herausfindet, dass womöglich genetische Differenzen zwischen verschiedenen Menschengruppen bestehen, ist das eine so objektive Forschung wie sie sich nur wünschen kann. Sie bleibt bei dem was ist.

Wenn man nun aber in Chittom’scher Manier erforscht, inwieweit die genetischen Merkmale von Schwarzen in Amerika für deren Schlechterstellung in der Gesellschaft verantwortlich sind, ist das reiner Szientismus. Die Intention einer solchen Forschung kann gar nicht anders als rassistisch zu sein. Denn warum sonst sollte man in diese Richtung forschen, wenn nicht um gesellschaftliche Missstände mit genetischen Variationen zu naturalisieren und die Verantwortung der Politik zu verkennen. Das was ist wird mit dem vermischt, was sein sollte. Egal welches Ergebnis aus solcher Forschung hervorgehen würde, könnte es ernsthaft irgendeinen Nutzen für die Gleichstellung der Menschen haben?

An dieser Stelle könnte ich den Artikel beenden und die rhetorische Frage damit implizit beantworten... Oder ich könnte den Finger in die Wunde legen und fragen: Sollte das was ist einen Einfluss auf das haben, was sein soll?

Ein extremes Beispiel: Ich könnte fordern, dass aus Gründen der Gerechtigkeit jeder Mensch einmal auf dem Mond gewesen sein sollte. So schön der Gedanke auch sein mag, so illusorisch ist er auch. Unsere logistischen Kapazitäten und verfügbaren Ressourcen machen solch ein Vorhaben unmöglich. Das was ist, schränkt das ein, was sein soll.

Könnten also die genetischen Unterschiede zwischen Menschengruppen und -individuen so groß sein, dass deren tatsächliche Gleichstellung schlicht nicht umzusetzen wäre? Eine polemische Frage, deren einzig emanzipatorische Antwort nur ein entschiedenes Nein sein kann. Wenn einem die Menschenrechte und die Werte der Demokratie tatsächlich am Herzen liegen, sollte einen keine Kosten-Nutzen Analyse von dem Ziel der Gleichstellung aller Menschen abhalten.

Ist und Soll beeinflussen sich notwendigerweise gegenseitig. Doch manches Soll wiegt stärker als jedes Ist und verbietet eine Vermischung. Nicht zuletzt aus Gründen des Anstands.

[1] Sankararaman, Sriram, Swapan Mallick, Michael Dannemann, Kay Prüfer, Janet Kelso, Svante Pääbo, Nick Patterson, und David Reich. „The Genomic Landscape of Neanderthal Ancestry in Present-Day Humans“. Nature 507, Nr. 7492 (März 2014): 354–57. https://doi.org/10.1038/nature12961.

Vernot, Benjamin, und Joshua M. Akey. „Resurrecting Surviving Neandertal Lineages from Modern Human Genomes“. Science 343, Nr. 6174 (28. Februar 2014): 1017–21. https://doi.org/10.1126/science.1245938.

Anmerkung: Mittlerweile wurde auch bei Afrikanern Neandertal-DNA nachgewiesen.

10:05 26.10.2020
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