Pessimismus: Der Weg zum guten Leben

Weltuntergangsstimmung Das 21. Jahrhundert könnte unser letztes sein. Warum Pessimismus angebracht ist – und warum nicht
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Pessimismus: Der Weg zum guten Leben
Eine schwarze Kugel

Foto: Charles Deluvio/Unsplash

Da ist ein Mann in England, der glaubt, das 21. Jahrhundert ist unser letztes. Zumindest hält er es für wahrscheinlich. Er glaubt, mit 19%iger Wahrscheinlichkeit wird kein Mensch jemals das Jahr 2100 erleben. Das klingt nach unseriöser Weltuntergangsdramatik. Doch wenn es nach ihm geht, unterliegen wir einem kolossalen Denkfehler. Dieser Denkfehler wirkt wie eine rosarote Brille, mit der wir viel zu optimistisch in die Zukunft schauen.

Finde den Hinweis!

Wenig Wolken über dem Grand-Canyon. Ich wischte mir mit der Hand über die Stirn, als die Sonne auf uns herunterschien und es wärmer und wärmer wurde, je tiefer wir den Canyon hinabstiegen. Nach etwa zwei Stunden hatten wir den tiefsten Punkt unserer Wanderung erreicht. Als wir dort Rast machten und unsere Sandwiches aßen, hörten wir es das erste Mal.

Ein tiefes Grollen. So laut, dass es uns direkt in Alarmbereitschaft versetzte. Wenige Sekunden später ein Blitz am Himmel. Dann Regen. Es regnete so stark, dass unsere Kleider vom einen Augenblick auf den anderen Augenblick gänzlich vollgesogen waren. Die Hose klebte an den Beinen, das T-Shirt hing schwer von den Schultern herunter. Der Weg, den wir heruntergelaufen waren, transportierte nun Wasser- und Schlammmassen den Canyon hinunter. Am Wegrand ließ es sich aber noch gut gehen. Etwas aufgescheucht begannen wir den Aufstieg. Nach ein paar Minuten entdeckten wir einen Felsvorsprung, der etwas Unterschlupf bot, wenn man seinen Körper ganz dicht an die Steinwand drückte. Wir stellten uns dort unter. Beruhigung. Ein paar einzelne Regentropfen trafen uns trotzdem noch. Jeder einzelne pikste auf der Haut. Trugschluss! Nicht die Regentropfen piksten, es waren kleine Steine, die den Felsvorsprung herunterfielen.

In diesem Moment wurde uns klar, wo genau wir uns eigentlich befanden. Mitten in der Felswand des Grand Canyons. Nicht nur kleine, sondern auch faustgroße Steine kamen geschossartig die Felswand herunter. Die Alarmbereitschaft war wieder da. Diesmal deutlich intensiver als zuvor. Würde dich einer dieser großen Steine treffen, wär’s das ziemlich sicher gewesen. Umgehend verließen wir den Felsvorsprung. Und rannten den Weg hinauf. Einer dieser großen Steine flog nur knapp an meinem Kopf vorbei. Ein anderer landete wenige Meter vor mir. Als ich mit meinem Rucksack über dem Kopf nach oben rannte, war ich war mir ganz und gar nicht sicher, ob das gut ausgehen würde.

Warum erzähle ich diese Geschichte? Sie besitzt einen Hinweis, der ihr eigentlich jegliche Spannung nehmen sollte, es aber nicht tut. Der entscheidende Hinweis ist die Erzählperspektive selbst. Die Geschichte ist in der Ich-Perspektive geschrieben. Der Leser verzeihe mir diese Selbstzentriertheit. Ich verspreche, dass sie der Sache dient. Es ist also eine Geschichte über mich. Noch dazu lesen Sie diese Geschichte auf einer journalistischen Internetplattform. Sie können also davon ausgehen, dass es sich nicht um fiktive Geschehnisse handelt, sondern dass alles so passiert ist, wie beschrieben.

Wenn dem so sei, steht der Ausgang doch bereits fest. Schließlich könnte ich diese Geschichte nicht erzählen, hätte ich sie nicht überlebt. Und da ich noch in der Lage bin, schlüssige Sätze zu schreiben, kann man auch davon ausgehen, dass mir keiner dieser Steine den Kopf zerschmettert hat. Wie hoch wäre die Wahrscheinlichkeit, dass diese Erzählung eine Wendung genommen und ich am Ende doch nicht überlebt hätte? Die Antwort lautet: null Prozent. Denn wäre ich tot, hätte ich diese Erzählung nicht schreiben und auch nicht nach der Wahrscheinlichkeit eines alternativen Ausgangs fragen können. Der glückliche Ausgang, das Happy End, ist wie bei einem 0815-Hollywoodfilm bereits unumstößlicher Teil der Erzählung. Die Spannung aber geht dadurch nicht verloren.

Der Mensch scheint von Natur aus nicht gut darin zu sein, vom Kontext der Erzählung auf deren Inhalt zu schließen. Dieses Phänomen lässt sich auf unseren Umgang mit Wahrscheinlichkeiten übertragen. Wenn wir ein Ereignis beobachten und dessen Wahrscheinlichkeit bewerten, vergessen wir allzu oft unsere Rolle als Beobachter.

Dieser Effekt nennt sich „anthropische Voreingenommenheit“. Er führt dazu, dass jeder einzelne von uns ein Optimist ist. Sogar ein ziemlich naiver Optimist, um genau zu sein. Das könnte uns zum Verhängnis werden.

Das Fermi-Paradoxon – Sind wir allein im Universum?

„Aber wo sind denn alle?“ Gelächter. Jeder am Tisch weiß, worauf sich die Frage bezieht.

Wir schreiben das Jahr 1950, als Enrico Fermi beim Mittagstisch eine unschuldige Frage stellt. Wo sind denn alle? Wo sind die Außerirdischen? Keine Sorge. Fermi, der begnadete Physiker aus Italien, hat nicht den Verstand verloren. Ganz im Gegenteil, er ist einem der größten Rätsel unserer Zeit auf die Spur gekommen.

Denn innerhalb der Milchstraße müsste es eigentlich vor intelligentem Leben nur so wimmeln. Astronomen schätzen, dass sich dort bis zu 40 Milliarden erdähnliche Planeten befinden könnten. 40 Milliarden Planeten, ähnlich groß wie die Erde und ähnlich weit vom Mutterstern entfernt. Gerade so weit, dass es dort weder zu warm noch zu kalt ist. Gerade so weit, dass flüssiges Wasser auf der Planetenoberfläche existieren müsste. Gerade so weit, dass dort Leben existieren könnte.

40 Milliarden Kandidaten für außerirdisches Leben. Und das nur in unserer Galaxie, unserem kosmischen Hintergarten. Unmöglich, dass wir unter diesen Umständen den einzig lebendigen Planeten bewohnen. Wie unfassbar unwahrscheinlich das wäre! Klingt Enrico Fermis naive Frage jetzt immer noch naiv? Warum wurden wir noch nicht von einer außerirdischen Zivilisation besucht?

Bei einer so großen Zahl müsste doch damit zu rechnen sein, dass viele dieser Zivilisationen weitaus fortgeschrittenere Technik als wir besäßen. Dass sie Radiosignale ausgesendet, oder sogar Raumschiffe gebaut und Planeten kolonisieren hätten. Zumindest einige von ihnen. Nur eine einzige Zivilisation mit der Fähigkeit zu interstellaren Reisen wäre theoretisch notwendig, um das Paradoxon aufzuheben. Aber weit und breit keine Spur. Kein Besuch aus dem All. Was stimmt hier nicht?

Unsere anthropische Voreingenommenheit scheint uns einen Streich zu spielen. Wir haben es mit 40 Milliarden erdähnlichen Planeten zu tun und schließen daraus, dass zumindest einige dieser Planeten auch zivilisiert sein müssten. Schließlich hat unser eigener Planet ja auch Leben hervorgebracht. Und genau hier liegt der Denkfehler. Denn egal wie gering der Anteil aller zivilisierten Planeten auch sein mag, wir bewohnen ganz offensichtlich einen solchen Planeten. Es könnte durchaus sein, dass wir der eine lebendige Planet aus 40 Milliarden toten Planeten sind. Das mag auf den ersten Blick extrem unwahrscheinlich erscheinen. Doch auch die geringste Wahrscheinlichkeit braucht einen Beobachter um wahrgenommen zu werden. Wir sind dieser Beobachter!

Anders ausgedrückt: Stellen Sie sich 100 hypothetische Universen vor. In nur einem davon existieren Beobachter. Alle anderen 99 Universen sind leblos. Mit welcher Wahrscheinlichkeit beobachten Sie das einzig lebendige Universum? Naiv und vorschnell würde man von einer geringen 1%igen Wahrscheinlichkeit ausgehen. Schließlich existieren ja noch 99 andere Universen. Doch das ist falsch. Tatsächlich beobachten Sie mit 100%iger Wahrscheinlichkeit das einzig lebendige Universum! Schließlich sind Sie ein Beobachter. Und ein solcher kann nur in dem einen lebendigen Universum existieren.

Das Fermi-Paradoxon ist also gar nicht paradox. Warum haben wir noch keinen Beweis für intelligentes außerirdisches Leben gefunden, obwohl doch 40 Milliarden erdähnliche Planeten in unserer Galaxie existieren? Es erscheint auf den ersten Blick paradox, doch das liegt daran, dass wir die Wahrscheinlichkeit für unsere Existenz massiv überschätzen. Der anthropischen Voreingenommenheit sei Dank!

In dem Moment jedoch, da wir unsere eigene Unwahrscheinlichkeit akzeptieren, ergibt alles einen Sinn: Es muss mindestens einen großen Filter geben, der die Entstehung intelligenten Lebens extrem unwahrscheinlich werden lässt. Vielleicht ist es die Entstehung des ersten Einzellers, vielleicht ist es der evolutionäre Schritt von prokaryotischen zu euaryotischen Zellen, oder vielleicht ist es eine glückliche Mutation des präfrontalen Kortex, die so extrem unwahrscheinlich ist. Mit etwas Glück haben wir diesen Filter also bereits passiert. Mit etwas Pech liegt er noch vor uns. Mit etwas Pech tendieren intelligente Zivilisationen wie wir dazu, sich irgendwann selbst zu zerstören. Die anthropische Voreingenommenheit lehrt uns, die Unwahrscheinlichkeit unserer eigenen Existenz zu akzeptieren. Sie lehrt uns, unserer Fragilität ins Angesicht zu blicken.

Tod durch schwarze Kugel

In ganz England, womöglich auf der ganzen Welt, wird man wenig Menschen finden, die diese Fragilität so ernst nehmen wie Nick Bostrom. Hier ist ein Mann, der die Gefahr, dass sich die Menschheit bis zum Ende dieses Jahrhunderts selbst auslöscht, auf 19% schätzt. 19%! Ein nuklearer Holocaust, eine unkontrollierbare KI, eine menschengemachte Pandemie, tödliche Nanoroboter, ein Simulations-Shutdown (wir leben in einer Simulation und diese wird abgeschaltet), ein galoppierender Treibhauseffekt oder etwas komplett Unvorhersehbares: all das versteckt sich laut Bostrom hinter den 19%.

Er veranschaulicht diese existenzielle Gefahr anhand einer Analogie. Man stelle sich eine Urne vor. In dieser Urne befinden sich Kugeln unterschiedlicher Farbe, die meisten weiß, einige grau und ein paar wenige schwarz. Jede wissenschaftliche und technische Entdeckung kommt dem blinden Ziehen einer solchen Kugel gleich. Man zieht blind, da Entdeckungen im Kern unvorhersehbare Ereignisse sind. Wüsste man bereits im Vorhinein, was man entdecken wird, hätte man es bereits entdeckt.

Nun handelt es sich bei den weißen Kugeln um harmlose Entdeckungen. Harmlos in dem Sinne, dass sie das weitere Überleben der Menschheit in keiner Weise gefährden. Grau Kugeln sind ein Risiko, jedoch ein kontrollierbares. Doch man hüte sich vor den schwarzen Kugeln. Schwarze Kugeln bedeuten mit hoher Wahrscheinlichkeit ein ‚Game-Over‘. Es sind Entdeckungen, die die Menschheit in einen extrem fragilen Zustand versetzt. Der Clou ist hierbei natürlich, dass sich die Kugeln nicht zurück in die Urne legen lassen. Entdeckungen lassen sich nicht wieder „un-entdecken“.

In der kurzen Geschichte der Menschheit waren wir glücklich genug, fast ausschließlich weiße Kugeln zu ziehen. Munter griffen wir in die Urne und wurden mit Entdeckungen belohnt, die uns höhere Ernten, schnellere Fortbewegung oder bessere Medizin ermöglichten. Die Entdeckung der Kernspaltung und der Atombombe war eine graue Kugel (zumindest bist jetzt). Durch sie sind wir unserer eigenen Auslöschung so nahe wie nie zuvor gekommen. Ein dutzend Geschichten existieren, bei denen nicht mehr als ein Befehl, ein Knopfdruck uns vor dem eigenen Untergang trennten.

Doch bis zu diesem Punkt haben wir noch keine schwarze Kugel gezogen. Das sollte uns nicht beruhigen. Man denke nur an die anthropische Voreingenommenheit: Per Definition hat jede existierende Zivilisation bisher noch keine schwarze Kugel gezogen. Das bedeutet nicht, dass schwarze Kugeln nicht existieren können. Es bedeutet, dass wir bisher Glück hatten.

Bostrom nennt ein einfaches Beispiel für eine potenziell schwarze Kugel: Stellen Sie sich vor, die Wissenschaftler des Manhatten-Projekts hätten entdeckt, dass man eine Atombombe auch ganz ohne das schwierig zu beschaffenes Uran und Plutonium bauen kann. Man müsste einzig etwas Sand in der Mikrowelle backen und tadaa: die eigene kleine Atombombe ist startklar. Ein jeder Mensch könnte zum kleinen Oppenheimer, zum Zerstörer der Welten werden. Keine internationalen Abkommen und Abrüstungsvereinbarungen würden mehr greifen. Eine Handvoll mehr oder weniger gut organisierter Psychopaten mit bösen Absichten würde genügen für einen atomaren Holocaust. Aus über sieben Milliarden Menschen wird es immer ein paar Verrückte mit bösen Absichten geben.

Brauchen wir den globalen Überwachungsstaat?

Okay, es gibt also schwarze Kugeln, deren Bedeutung wir allerdings unterschätzen. Denn wir unterliegen der anthropischen Voreingenommenheit. In Wirklichkeit scheint unsere Existenz das Resultat einer extrem unwahrscheinlichen Verkettung von Zufällen zu sein. Doch was nun? Hier wird es interessant. Nick Bostrom schlägt (unter anderem) ein globales Überwachungsnetzwerk vor. Jeder Bürger würde ein mit Kameras ausgestattetes Halsband tragen müssen. Dieses Band sendet schließlich die aufgezeichneten Bilder an ein zentrales Computersystem. Das System überprüft die Bilder dann mit Hilfe künstlicher Intelligenz auf kriminelles Verhalten und schlägt im Fall der Fälle Alarm.

Klingt nicht gerade rosig. Wie könne man sich nur so ein System herbeiwünschen? Doch muss man hier nicht gerade die Gegenfrage stellen? Wenn wir tatsächlich konstant Gefahr laufen, eine schwarze Kugel aus der Urne möglicher Entdeckungen zu ziehen, was wäre die Alternative zu einem globalen Überwachungsstaat? Wenn wir tatsächlich konstant Gefahr laufen, eine DIY-Atombombe, ein tödliches Virus oder eine künstliche Superintelligenz zu entwickeln, wie sonst könnten wir eine Katastrophe verhindern? Vielleicht müssen wir uns ja wirklich Non-Stop überwachen lassen. Vielleicht können wir nur so verhindern, dass ein paar wenige Individuen eine kolossale Dummheit begehen.

Höchste Zeit, die Urnen-Analogie etwas genauer unter die Lupe zu nehmen. Sind wir wirklich so gnadenlos dem Zufall ausgesetzt? Ist es wirklich reiner Zufall, ob und wann wir eine schwarze Kugel aus der Urne ziehen werden? Nein, natürlich haben wir theoretisch die Wahl weniger häufig in die Urne zu greifen, sprich weniger zu forschen. Nick Bostrom verneint dies auch nicht, er hält es nur für unrealistisch. Es sei schlicht nicht umsetzbar, den technologischen Fortschritt zu stoppen oder auch nur bedeutend zu verlangsamen.

Das mag richtig sein. Und doch hat es einen merkwürdige Beigeschmack, wenn Bostrom in einem Satz ein globales Überwachungssystem fordert, und im nächsten Satz jegliche Handlungsalternativen als „nicht umsetzbar“ abtut. Vielleicht müssen wir aber auch gar nicht den technologischen Fortschritt stoppen. Vielleicht müssen wir ihm lediglich eine andere Richtung geben. Klingt auch nicht umsetzbar? Nun, es wurde bereits getan.

Geplatzte Träume spenden Hoffnung

Anfang des 20. Jahrhunderts konnte man auf den Straßen New Yorks neben Pferdekutschen, Dampf- und Benzinautos vor allem ein Fortbewegungsmittel auf den Straßen erblicken: das Elektroauto. 38% aller Automobile in Amerika fuhren im Jahr 1900 mit elektrischem Antrieb. Trotz bescheidenen 40 km/h Höchstgeschwindigkeit und geringer Reichweite waren die Autos beliebt. Kein langwieriges Starten des Motors, keine Gangschaltung, kein ohrenbetäubender Lärm und keine Benzingerüche. Beinahe wäre Henry Ford in die Massenproduktion eingestiegen. Alles sah nach einer rosigen Zukunft für das Elektroauto aus. Doch alles kam anders.

Große Ölvorkommen wurden entdeckt. Günstiger Treibstoff stand nun zur Verfügung. Die Verbrennungsmotoren hatten plötzlich einen enormen Preisvorteil. Und verdrängten schließlich das Elektroauto vom Markt. Der Clou an der Geschichte ist natürlich, dass der Treibstoff nie wirklich günstig war. Mittlerweile wissen wir sehr genau Bescheid über die Klimaschäden von CO2, die durch Hochwasser, Dürre, Waldbrände, Wirbelstürme und der gleichen anfallen. Wie wäre das Duell zwischen Verbrenner und Elektroauto vor 120 Jahren ausgegangen, hätte es eine angemessene CO2 Steuer gegeben? Welche Autos würden wir heute fahren?

Dass für die Gesellschaft schädliche Produkte durch Steuern verteuert werden, ist gängige Praxis (siehe Tabak-, Alkohol-, und Energiesteuer). Vor 120 Jahren wurde Benzin aus Unwissen nicht höher besteuert. Heute stehen Lobbyinteressen der Energiekonzerne und Automobilhersteller einer solchen Maßnahme im Weg.

Doch der entscheidende Punkt ist, dass es eben doch Maßnahmen gibt, die den technologischen Fortschritt lenken können. Und dass der technologische Fortschritt zwangsläufig den Rahmenbedingungen des Marktes folgt. Dieser Markt und seine Rahmenbedingungen entstehen nicht aus dem Nichts. Nein, sie werden von der Politik geschaffen. Die Politik schafft die Rahmenbedingungen, nicht nur durch das, was sie tut, sondern gerade auch durch das, was sie nicht tut. Es gibt keinen natürlichen freien Markt, von dem sich die Politik durch ihre Regulation mehr oder weniger weit entfernen kann. Jeder Form von Markt ist unnatürlich. Denn jede Form von Markt gehorcht Spielregeln, die politisch geschaffen sind.

Wir können vielleicht nicht weniger Kugeln aus der Urne ziehen. Das heißt aber nicht, dass reiner Zufall über das Fortleben unser Zivilisation entscheidet. Zwar ziehen wir blind aus der Urne, denn Entdeckungen sind im Kern unvorhersehbare Ereignisse. Doch wer sagt eigentlich, dass wir nur aus einer Urne ziehen können? Es gibt keinen natürlichen freien Markt, der uns nur eine einzige Urne zur Verfügung stellt. Wir haben die Wahl, uns eine andere Urne zu suchen, aus welcher wir die Kugeln ziehen. Eine Urne, die weitaus weniger schwarze Kugeln enthält. Es macht einen Unterschied, aus welcher Urne wir ziehen. Es macht einen Unterschied, ob die Menschheit ihre Forschungsanstrengungen auf Solaranlagen oder Atomkraftwerke lenkt.

Sollte man ein Pessimist sein? Unsere anthropische Voreingenommenheit lehrt uns, dass wir die Wahrscheinlichkeit katastrophaler Ereignisse massiv unterschätzen. Mit vollem Pessimismus sollten wir in den Abgrund blicken. Hinab zu all den Möglichkeiten, wie wir uns zu Grunde richten könnten. Einer mag verzweifeln bei diesem Anblick. Ein anderer beginnt zu handeln. Denn das eigene kleine Leben – und die Gesellschaft in der es stattfindet – scheinen zu zerbrechlich zu sein, um nicht selbst darüber mitzubestimmen. Und wenn man mit aller Kraft wegrennt vor dem Abgrund, ist es ratsam auch ein Ziel zu haben. Und den Wind im Gesicht zu genießen.

10:00 25.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Pieper

Geschichten über den Fortschritt und uns. twitter: @1maxpieper
Max Pieper

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