Geschichten einer komplizierten Ehe

Geschichte Blut, Bomben, Täuschung und Erfolge – über das spannungsreiche Verhältnis zwischen Politik und Wissenschaft
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Geschichten einer komplizierten Ehe
„Sputnik 1“, der erste Satellit in der Erdumlaufbahn. Eine kleine, unscheinbare Metallkugel mit weitreichender Wirkung

Foto: imago images/ITAR-TASS

Flieger am Himmel. „Wir hörten ein schreckliches Geräusch, das den Boden erschütterte; es war, als ob die Erde zitterte, sich erhob und sich unter unseren Füßen öffnete. Enorme Explosionen erhellten den Himmel wie riesige Blitze; es waren die amerikanischen B-52“ erinnert sich ein Augenzeuge [1]. Die Überlebenden finden nichts als Staub, dort wo zuvor ihre Häuser gestanden hatten. Staub und Dreck vermischt mit versengten und blutigen Körperteilen. Es ist 1969. Der Vietnamkrieg tobt. Doch ein wichtiges Detail dieser Geschichte fällt aus dem Rahmen: Wir befinden uns überhaupt nicht in Vietnam.

Doch fangen wir von vorne an.

Das erste Kennenlernen

Zurück in der Zeit. Wir schreiben das Jahr 1951. Die Ehe zwischen Wissenschaft und Politik beginnt. Das erste wissenschaftliche Beratungskomitee der USA wird ins Leben gerufen. Der Einfluss des Komitees auf die Politik wächst rasch an. Ist es Anfangs ausschließlich in beratender Position für das Militär tätig, ändert sich alles im Jahr 1957.

Grund dafür ist eine kleine, unscheinbare Metallkugel, nicht größer als ein Gymnastikball. Ihr Name: Sputnik 1. Der erste Satellit in der Erdumlaufbahn. Nach Millionen Jahren irdischen Lebens, markiert diese unscheinbare Metallkugel den Beginn eines neuen Zeitalters. Die Erkundung des Weltalls hat offiziell begonnen. Und die Russen haben den ersten Schritt gemacht. Eine unvorstellbare Erniedrigung für die Amerikaner. Die Presse spricht sogar von einem zweiten Pearl Harbor Moment, nur diesmal ohne Blut. Zumindest vorerst. Denn natürlich ist die Erkundung des Weltalls nur ein Alibi (zumindest Anfangs). Die erfolgreiche Sputnik Mission ist vielmehr Werbung für die ausgefeilte russische Raketentechnologie. Die Nachricht ist unmissverständlich: „Wenn unsere Raketen einen Satellit ins All schießen können, dann sicher auch eine Atombombe bis nach New York City.“

Die Amerikaner sind alarmiert. Russland scheint einen enormen wissenschaftlichen Vorsprung bei der Raketentechnologie zu haben. Den gilt es aufzuholen. Gleichzeitig muss die Gefahr eines Atomkriegs mit allen Mitteln verhindert werden. Aber wie? Von nun an soll das wissenschaftliche Beratungskomitee direkt Präsident Eisenhower zuarbeiten um Antworten auf ebendiese Frage zu finden. Ein wissenschaftliches Komitee mit direktem Zugang zum Präsidenten? So etwas hat es zuvor noch nie gegeben. Weder in den USA noch in irgendeinem anderen Land kam der Wissenschaft jemals zuvor eine so große Macht zu. Und vielleicht seitdem auch nie wieder.

Einige Jahre später spricht Eisenhower in seiner Abschiedsrede eine düstere Warnung aus: Man müsse achtsam vor der „Gefahr sein, dass die öffentliche Politik selbst zum Gefangenen einer wissenschaftlich-technischen Elite werden könnte.“ [2] Sind die Wissenschaftler dem Präsidenten also zu nah auf die Pelle gerückt? Hat der Einfluss des Komitees dem Präsidenten Angst gemacht? Ganz und gar nicht. Im Gegenteil: die Zusammenarbeit des Komitees (Presidential Science Advisory Committee) mit dem Präsidenten war äußerst produktiv und von gegenseitigem Respekt und Vertrauen geprägt. Nicht zuletzt die Gründung der NASA und damit der Grundstein für die Mondlandung 1969 ist auf ihre Arbeit zurückzuführen [3]. Auch dass der kalte Krieg in den 60ern nicht eskalierte, ist zu einem großen Teil ein Verdienst dieser Zusammenarbeit zwischen Politik und Wissenschaft. Wovon hatte der Präsident also gesprochen, als er vor dem Einfluss der wissenschaftlich-technischen Elite warnte? Was könnte schiefgehen in der Ehe zwischen Politik und Wissenschaft?

Die Rollenverteilung einer Ehe

Laut Max Weber habe das Zusammenspiel zwischen Wissenschaft und Politik wie folgt zu funktionieren: Die Politik bestimmt die Zwecke und die Wissenschaft bestimmt die Mittel einer politischen Maßnahme. Die Politiker legen also das Ziel fest. Wohin wollen wir? Wie soll unsere Gesellschaft aufgebaut sein? Die Wissenschaft zeigt, wie man zu diesem Ziel gelangen kann. Die Politik hat die Vision und die Wissenschaft das Know-How. Die Politik ist wie Steve Jobs, die Wissenschaft wie Steve Wozniak. Steve Jobs weiß, welchen Computer er bauen will. Steve Jobs weiß aber nicht, wie man diesen Computer baut. Er hat die Vision, aber nicht das Know-How. Dafür braucht er die Hilfe eines Tüftlers wie Steve Wozniak. Steve Jobs braucht Steve Wozniak. Die Politik braucht die Wissenschaft. Die Politik bestimmt also das Wünschenswerte, die Wissenschaft das Machbare.

Die Logik dieses Weber’schen Modells ist bestechend. Denn das was die Wissenschaft ausmacht, ist ja gerade ihre Objektivität, ihre Wertefreiheit. Indem die Wissenschaft sich eben nur mit den Mitteln (und nicht mit den Zwecken) beschäftigt, bleibt ihr diese äußerst wertvolle Eigenschaft erhalten. Und Fragen des gemeinsamen Zusammenlebens, also das Ziel und der Zweck einer Maßnahme, werden an die Politik und damit an das Volk delegiert. Schließlich betreffen solche Fragen uns alle. In einer Demokratie sollte hierbei deshalb ein jeder mitbestimmen dürfen. So zumindest in der Theorie. Und in der Praxis?

Zueinander finden

Man muss sich Eisenhowers Komitee als durchaus auserwählten Kreis vorstellen. Ein auserwählter Kreis außergewöhnlicher Wissenschaftler. Unter ihnen vier Nobelpreisträger. Doch nicht nur das. Viele der Mitglieder hatten wie auch Eisenhower im Krieg gedient. Andere waren als Flüchtlinge nach Amerika gekommen. Vielleicht waren es diese gemeinsamen Kriegserfahrungen, die das enge Verhältnis zwischen dem Präsidenten dem Komitee erklären. Doch die offensichtlichste Besonderheit des Komitees war dessen Unabhängigkeit. Es war nicht länger dem Verteidigungsministerium und deren Partikularinteressen verpflichtet. Die Aufgabe des Komitees bestand einzig darin, mit ihrer wissenschaftlichen Expertise dem Präsidenten bei Seite zu stehen.

Solch ein unabhängiger Expertenkreis war nicht zuletzt für den Präsidenten selbst eine angenehm neue Erfahrung. Dieser hatte sich nämlich die Jahre zuvor mit den Experten der Atomenergiekommission herumschlagen müssen. Man muss vermuten, dass es diese Experten waren, vor denen Eisenhower so eindrücklich in seiner Rede gewarnt hatte.

Was war vorgefallen? Eisenhower war gewillt gewesen eine Deeskalation des atomaren Wettrüstens herbeizuführen… und scheiterte kläglich. Die Anzahl atomarer Sprengköpfe vervielfachte sich während seiner Präsidentschaft von 1.400 auf über 20.000! Und dies auf starkes Anraten der Atomenergiekommission [4]. Kein Wunder. Schließlich war eben jene Kommission für die Entwicklung dieser Sprengköpfe verantwortlich. Ihre Jobs hingen von der Entwicklung dieser Waffen ab. Von der Atomenergiekommission über Abrüstung beraten zu werden, ist wie man einen Friseur fragt, ob man einen neuen Haarschnitt braucht: Eine schlechte Idee. Eisenhowers Drängen auf ein Testverbot nuklearer Technologie wurde von einem Mitglied der Kommission mit den Worten abgeschmettert, das sei ein „Verbrechen gegen die Menschheit.“ Schließlich biete die zivile Nutzung der Atomenergie ungeahnte Chancen. Der Menschheit diese zu verwehren, sei sträflich. Die Wissenschaftler zeigten Loyalität zu ihrer Kommission. Aber diese Loyalität hatte einen hohen Preis: und zwar den der Objektivität. Die Wissenschaftler bestimmten den Zweck und nicht die Mittel. Sie gaben das Ziel vor statt den Weg dorthin. Max Weber wäre erbost.

Im Gegensatz zur Atomenergiekommission unterstütze das unabhängige Komitee Eisenhower bei der Ausarbeitung eines nuklearen Testverbots. Eisenhowers Anliegen der atomaren Deeskalation wurde von ihnen ernst genommen. Die politische Vision Eisenhowers, der Zweck der politischen Maßnahme, stand nicht länger zur Debatte. Die Wissenschaftler des Komitees sahen sich stattdessen ganz den Mitteln verpflichtet, um dieses Ziel zu erreichen. Und so trat das nukleare Testverbot in Kraft. Zwar nicht mehr während Eisenhowers Präsidentschaft, sondern erst 1963 unter Kennedy, aber das ist zweitrangig. Es trat in Kraft. Eisenhower und das Komitee hatten die Vorarbeit geleistet. Die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Politik hatte erste sichtbare Erfolge zu verbuchen.

Ehekrach

Knapp 3 Millionen Tonnen Bomben werden zwischen 1965 und 1973 von den US-amerikanischen Streitkräften abgeworfen. 600.000 Menschen sterben, die meisten davon Zivilisten. Die Rede ist nicht von Vietnam, sondern einem neutralen Land. Einem Land, dem keine Kriegserklärung erteilt wurde. Ein Land, das formell nichts mit dem Vietnamkrieg zu tun hat. Ein Land, das keinerlei Bedrohung für Amerika darstellt und trotzdem bombardiert wird. Keine Frage, hier wird gegen das Völkerrecht verstoßen. Ein Verstoß von dem beinahe niemand innerhalb der US-Armee, noch des US-Kongresses Bescheid weiß. Es ist stattdessen die Fehde eines kleinen Kreises eingeweihter Personen. Wie war es möglich gewesen eine so großflächige Operation geheim zu halten?

Neben der Weber’schen Mittel-Zweck-Beziehung zwischen Politik und Wissenschaft gibt es noch zwei weitere Konfigurationen. Zum einen wäre da natürlich die Politik, die überhaupt nicht auf die Wissenschaft hört. Warum das nicht die allerbeste Idee ist, muss nicht weiter erklärt werden. Viel interessanter ist hingegen die Konfiguration, die man weitläufig als Technokratie bezeichnet. Damit ist eine Welt gemeint, die ausschließlich technischen Regeln unterworfen ist. Eine Welt, in der Antworten entweder richtig oder falsch sind (und niemals uneindeutig). Das macht sie zu einer Welt, die sich alleine von Experten regieren lässt. Eine Welt, in der die Wissenschaft sowohl über Mittel als auch über Zwecke entscheidet.

In seinem Buch „Die politischen Zahlen“ argumentiert Oliver Schlaudt, dass man wenig Angst davor zu haben braucht, dass korrupte Wissenschaftler ungebührlich ihren Zugang zur Macht ausnutzen. Dass alleine die Erkenntnisse von Physikern oder Klimawissenschaftlern die Gesetze determinieren, ist ja auch faktisch nicht der Fall. Eher beklagen eben jene Wissenschaftler, dass ihre Stimmen überhaupt kein Gehör in der Politik findet. Viel gefährlicher, so Schlaudt, sei hingegen wenn die Wissenschaft (und hier meint er vor allem die Wirtschaftswissenschaft) Zahlen fabriziere, die nicht lediglich die Wirklichkeit beschreiben, sondern sich bereits an einem Ziel, einem Zweck orientieren. Gefährlich seien die Zahlen, die einem Naturgesetz zu folgen scheinen, wo gar keines ist. Zahlen, die die Wirklichkeit nicht beschreiben sondern sie entwerfen [5].

Das bringt uns zurück zu den Bomben.

Computersysteme spielten eine große Rolle im Vietnamkrieg. Es waren Computersysteme die die Entscheidung darüber trafen, welche Gebiete in Vietnam bombardiert werden sollten und welche nicht. Wurde eine ausreichend hohe Dichte an feindlichen Vietkongs von den Radarsystemen gemeldet, lag es im Ermessen der Offiziere des US-Militärs diese Gebiete zu bombardieren. Über jeden Angriff wurde schließlich durch den Computer Buch geführt. Wie der Philosoph Joseph Weizenbaum darlegt, hatten die Offiziere keinen Schimmer was genau in diesen Computern vorging. Sie akzeptierten stattdessen den Computer selbst als höhere Befehlsinstanz. Eine Instanz, die die Offiziere von jeglicher Verantwortung befreite. Ähnlich musste es den ranghohen Regierungsbeamten ergangen sein, die die Angriffsberichte überprüften. Was der Computer ausspuckte, musste der Wahrheit entsprechen. Der Computer, diese Krönung menschlicher Schöpfungskraft, diese präzisen Schaltkreisen, die niemandem außer den Gesetzen der Physik gehorchten, dieser stumme und objektive Beobachter, ohne jegliche Agenda: Wie könnte er jemals lügen?

Falsches Vertrauen

Es dauerte ganze vier Jahre bis alles aufflog. Vier Jahre bis sich herausstellte, dass die Berichte nicht der Wahrheit entsprochen hatten. Einige Vietkongs hatten im benachbarten Kamboscha Unterschlupf gesucht. Um die Bombardierungen auf dieses neutrale Land zu vertuschen, wurde ein System der doppelten Buchführung eingeführt. Die Computer wurden so programmiert, dass Berichte über Einsätze in Kambodscha automatisch als Einsätze in Südvietnam festgehalten wurden. Jospeh Weizenbaum kommentierte: „Die hohen Regierungsbeamten, denen man erlaubte, die Geheimberichte zu lesen, die in Wirklichkeit den Computern des Pentagon entstammten, glaubten diesen natürlich. Schließlich hatte der Computer selbst gesprochen. Ihnen war nicht klar, dass sie zu ‚Sklaven‘ des Computers geworden waren.“ [6]

Sie mögen sich vielleicht fragen, was diese Geschichte mit der Wissenschaft zu tun hat. Handelt es sich denn nicht einfach nur um die moralisch verdorbene Vertuschung eines Kriegsverbrechens? Eine politische Täuschung? Täuschung, genau das ist ja der Punkt! Er bringt uns zu dem zurück, was Oliver Schlaudt als politische Zahlen bezeichnet. Für geschlagene vier Jahre war überhaupt keine Diskussion über die Bombardierung möglich, denn sie blieb hinter dem Schleier eben jener politischen Zahlen verborgen. Zahlen, umhüllt vom Antlitz der Objektivität. War es hier das Antlitz eines Computers, ist es dort das Antlitz eines Wissenschaftlers. Verborgen hinter dieser Objektivität jedoch stecken politische Entscheidungen. Es sind diese politischen Zahlen, die die Politik nicht einfach verdrängt, sondern sie komplett unsichtbar werden lässt. Zahlen, die als „Mittel“ daherkommen, aber eigentlich den „Zweck“ schon einschließen. In was stehen gefälschte Kriegskoordinaten also Zahlen wie dem Bruttoinlandsprodukt nach, das für sich bereits beansprucht, welcher Teil menschlicher Aktivitäten einer Steigerungslogik unterworfen ist und welcher nicht? In was stehen sie einem Kosten-Nutzen-Indikator nach, der die Nützlichkeit zur obersten Maxime erklärt?

Bis dass der Tod uns scheidet

Einige Monate vor seinem Tod wurde Eisenhower von James R. Kilian, dem Vorsitzenden des wissenschaftlichen Komitees besucht. Eisenhower fragte mehrmals im Gespräch nach „seinen Wissenschaftlern“. „Weißt du Jim, dieser Haufen Wissenschaftler war eine der wenigen Gruppen, die mir in Washington begegnet sind, die tatsächlich ihrem Land helfen wollten und nicht sich selbst.“ [7]

Vielleicht braucht es besondere Umstände für das Funktionieren einer so komplizierten Ehe wie der zwischen Wissenschaft und Politik. Vielleicht braucht es Menschen, die zusammen durch den Krieg gegangen sind, die gemeinsam das Grauen erlebt haben, wissen was es bedeutet, und es deshalb mit allen Mitteln verhindern wollen. Vielleicht braucht es solche Katastrophen, damit an einem Strang gezogen wird. Damit die Zwecke nicht die Mittel korrumpieren. Vielleicht.

[1] eigene Übersetzung, für Originalzitat siehe: Owen, T., und Ben Kiernan. „Bombs over Cambodia“, 1. Oktober 2006, 62–69.

[2] eigene Übersetzung, die Rede im Original: https://www.americanrhetoric.com/speeches/dwightdeisenhowerfarewell.html

[3] vergleiche dazu folgende Bekanntmachung des PSAC aus dem Jahre 1958: https://history.nasa.gov/sputnik/16.html

[4] Rigden, John S. „Eisenhower, Scientists, and Sputnik“. Physics Today 60, Nr. 6 (Juni 2007): 47–52. https://doi.org/10.1063/1.2754603.

[5] Schlaudt, Oliver. Die politischen Zahlen – Über Quantifizierung im Neoliberalismus. Frankfurt am Main: Vittorio Klostermann, 2018.

[6] Weizenbaum, Joseph. Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1980, S. 314

[7] eigene Übersetzung, für Originalzitat siehe: Rigden, John S. „Eisenhower, Scientists, and Sputnik“. Physics Today 60, Nr. 6 (Juni 2007): 47–52. https://doi.org/10.1063/1.2754603 , S. 52

09:18 27.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Pieper

Geschichten über den Fortschritt und uns. twitter: @1maxpieper
Max Pieper

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