Zurück in die Zukunft? Nein, danke!

Gesellschaft Bitte kein Zurück zur Normalität! Weg mit all dem Bullshit und hin zu einer neuen Zukunft.
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Der derzeitige Großeingriff in die Weltwirtschaft offenbart Kurioses: Das zweimonatige Herunterfahren der chinesischen Wirtschaft hat wohl nicht nur die Verbreitung von COVID-19 verlangsamt, sondern auch die industrielle Luftverschmutzung massiv reduziert. Es lässt sich abschätzen, dass die saubere Luft mindestens 20 mal mehr Menschenleben rettete als durch das Coronavirus genommen wurden [1]. Natürlich wäre es eine Milchmädchenrechnung, daraus zu schließen, die gesundheitlichen Auswirkungen des Virus seien unterm Strich positiv. Nein, das Virus ist eine reale Gefahr.

Doch die Rechnung offenbart einen anderen wichtigen Punkt, der in der derzeitigen Berichterstattung verloren zu gehen scheint. Täglich werden wir mit neuen Todeszahlen geschockt, wir sind bestürzt und schalten in den Katastrophenmodus. Aber was ist eigentlich unser Referenzpunkt? Wie schlimm sind 100 Corona Tote in Deutschland? Wie schlimm sind 1000? Wie viele Katastrophen zogen tagtäglich an uns vorbei als alles einfach nur „funktionierte“? In den trüben Gewässern der Informationsflut sind Verweise auf den sogenannten Normalzustand tatsächlich schwer zu sichten. Dabei sollten sich unsere Gedanken gerade hierauf richten. Im Streit um adäquate Eindämmungsmaßnahmen des Virus sollte die folgende Frage nicht trivial sein: Was versuchen wir eigentlich zu beschützen?

Eindeutig geht es um Menschenleben. Wer könnte das auch schlecht heißen? Doch natürlich ist das nicht alles. Es geht genauso um die Jobs dieser Menschen, um ihre Rolle in der Gesellschaft und ihren Beitrag zur Normalität. Eine Normalität, die uns direkt in die derzeitige Krise manövriert hat. Die, anstatt auszuweichen, darüber diskutierte, wie schnell der näherkommende Zug denn nun sei; und schließlich überrollt wurde.

Normalität schafft Krisen

Und ja, diese Pandemie ist ein Zugunglück und kein Vulkanausbruch. Sie kommt nicht von außen, sondern ist menschengemacht. Das Einpferchen und Verspeisen von jährlich 80 Milliarden Nutztieren [2], in meist winzigen Ställen ist ein optimaler Brutplatz für gefährliche Viren. Deren Fütterung beansprucht etwa die Hälfte der weltweiten Ackerfläche [3]. Riesige Monokulturen führen zu einem Rückgang der Biodiversität und Krankheiten können sich unter den verbleibenden Wildtierarten viel besser verbreiten [4]. Und all das um gerade einmal 18% des Kalorienbedarfs der hungrigen Mäuler zu stopfen, die zudem in immer größeren Städten leben und auch immer häufiger fliegen. Ob ein Virus dann am Wildtiermarkt in Wuhan oder beim Schlachter in Nordrhein-Westfalen ausbricht, ist in Anbetracht der tatsächlichen Ursachen letztlich irrelevant. Fest steht: die Pandemie kam mit Ansage und reichlich Vorwarnungen der UN-landwirtschaftsorganisation FAO, der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der Weltorganisation für Tiergesundheit (OIE) und so ziemlich jeder relevanten Forschungseinrichtung mit Rang und Namen [5].

In einer globalisierten Welt, in der alles irgendwie mit allem zusammenhängt, sind Pandemien also kein Ereignis, das irgendwen überraschen sollte. Pandemien sind kein schwarzer Schwan, sie sind ein graues Rhinozeros [6]. Man hätte sich auf sie vorbereiten können, hätte Großunternehmen beispielsweise zu stärkerer Vorsorge zwingen können, anstatt sie nun aus öffentlicher Hand zu füttern. Pandemien kann man nicht verhindern, doch ihre Eintrittswahrscheinlichkeit hätte stark reduziert werden können. Tja hätte, hätte, Fahrradkette. Was passiert ist, ist passiert. Aber nun zu ebenjener Normalität zurückkehren zu wollen, kommt einer grenzenlosen Dummheit gleich. Begreifen wir die derzeitige Krise als das was sie ist: Ein großer Filter, der all den Bullshit unseres Gesellschaftmodells aussiebt.

Normalität schafft Bullshit

Ganz plötzlich scheint vielen klar zu werden: Supermarktkassierer, Krankenpfleger, Müllmänner und Putzkräften sind systemrelevant. Zeitgleich steht die Überlegung im Raum die Wall-Street für ein paar Wochen zu schließen und man ist sich überhaupt nicht sicher, ob das irgendwelche negativen Folgen für irgendjemanden haben könnte (außer für Banker an der Wall-Street) [7]. Wahrscheinlich nicht. Eine Faustregel scheint sich dieser Tage herauszufiltern: Je schlechter das Gehalt einer Person, desto offensichtlicher trägt diese Person zum Gemeinwohl bei. Und je höher das Gehalt einer Person, desto eher handelt es sich um einen Bullshit Job, der nichts zum Gemeinwohl beiträgt (vielleicht mit der noblen Ausnahme von Ärzten u.a.). Natürlich ist es sehr schwierig das zu beweisen. Ein paar Studien haben sich dennoch daran gewagt und bestätigen diese Tendenz.

So schaffen Krankenhaus-Putzkräfte 10€ an gesellschaftlichen Nutzen für jeden Euro den sie erhalten. Schließlich kann durch sie ein hoher Standard an Hygiene aufrechterhalten und die Ausbreitung von Krankheiten verhindert werden. Kinderpfleger schaffen zwischen 7 und 9,50€ an gesellschaftlichen Nutzen für jeden Euro den sie erhalten. Schließlich ermöglichen sie es den Eltern weiterzuarbeiten und tragen einen Beitrag zur frühkindlichen Erziehung bei. Und hochbezahlte Investmentbanker? Sie destabilisieren das Wirtschaftssystem und verursachen in regelmäßigen Abständen globale Finanzkrisen. Es ist also noch eine konservative Schätzung, dass sie für jeden Euro den sie an Wert erschaffen, 7€ an gesellschaftlichem Nutzen zerstören [8].

Okay, das sind jetzt nur ein paar Beispiele. Aber haben sie irgendeine tatsächliche Aussagekraft? Wie David Graeber (der Namensgeber der Bullshit-Jobs) argumentiert, ließe sich die Nützlichkeit eines Berufs veranschaulichen, indem man sich eine Welt vorstellt, in der eine Berufsgruppe von heute auf morgen verschwindet. Welch ein Chaos würde ausbrechen in einer Welt ohne Supermarktkassierer, Putzkräfte, Altenpfleger oder Landwirte? Und welch ein trister Ort wäre die Welt ohne Straßenmusiker, Drehbuchautoren oder Museumskuratoren? Doch wie würde die Welt funktionieren ohne Lobbyisten, Firmenanwälte, Performance Manager, Chief Marketing Officers und den ein oder anderen Bundesminister? Wahrscheinlich überraschend gut!

Natürlich möchte ich niemandem persönlich die Sinnhaftigkeit seines Berufs absprechen. Das ist auch gar nicht notwendig, da das die Menschen zumeist von sich aus tun. So ergab eine YouGov Umfrage, dass 35% aller Deutschen ihre eigene Arbeit für vollkommen sinnlos halten [9]. Wie kann man sich in Anbetracht dessen ernsthaft die „Normalität“ zurückwünschen? Eine Normalität, in der die Menschen vor die Wahl gestellt werden zwischen einem sinnvollen aber mies bezahlten Job, oder einem Bullshit-Job mit passabler Bezahlung. Eine Normalität, in der man sich über den simplen Vorschlag echauffierte, Arbeitnehmern so etwas wie Mitbestimmungsrechte an ihrem Arbeitsplatz zukommen zu lassen. Mitbestimmungsrechte darüber, welche Arbeit im Unternehmen sinnvoll ist und welche nicht. Mitbestimmungsrechte darüber, welche Gehaltsunterschiede gerecht, Arbeitsbedingungen angemessen und Unternehmensstrategien erfolgreich sind und welche nicht.

Warum eigentlich nicht Großunternehmen kollektivieren und die Unternehmensanteile an die Mitarbeiter ausschütten wie von Kevin Kühnert gefordert? Warum von allen Menschen nicht den Arbeitnehmern Entscheidungsgewalt zukommen lassen, die sich schließlich am besten im Unternehmen auskennen und am meisten von deren Erfolg abhängig sind? Womöglich bräuchte es dann keine Krise um die Optimierungs- und Effizienzbestrebungen, Risikoanalysen und prognostizierten Short-Term-Profits irgendwelcher Manager als die Augenwischerei zu enttarnen, die sie sind. Womöglich wäre dies das Aus für zahlreiche Bullshit Jobs und würde diejenigen Berufe attraktiver machen, die nun händeringend gebraucht werden.

Krisen sind kuschelig

Trotz des dramatischen Versagens politischer und unternehmerischer Führungskräfte, das diese Krise offengelegt hat, kuscheln wir uns nun an deren breite Schultern. Wie verantwortungsvoll der Staat doch handle! Und wie toll die Ansprache der Bundeskanzlerin! Und wie wichtig, dass man auch dem größten Unternehmen noch unter die Arme greift! Doch wie wäre es mit einem Perspektivwechsel:

Die Krise siebt den Bullshit unseres Gesellschaftsmodells aus. Sie zeigt, dass der von uns ausgemalte Zukunftspfad niemals zukunftsfähig war. Sie zeigt, dass uns durch die versäumte Regulierung der Wirtschaft, der von ihr verursachte gesellschaftliche Schaden nun um die Ohren fliegt. Sie zeigt uns (mal wieder), dass Unternehmensgewinne privatisiert und Verluste verstaatlicht werden. Sie zeigt uns, dass diejenigen, die nun das System am Laufen halten, in der Regel mies bezahlt und schlecht behandelt werden.

Hach wie schön zu sehen, dass der Staat durchgreift und mit der Wirtschaft an einem Strang zieht! Doch machen wir es uns lieber nicht zu bequem an ihren Schultern. Sind es doch diese Schultern, die uns in die Krise getragen und so verwundbar gemacht haben. Untersuchen wir den Bullshit, der nun ans Tageslicht kommt und entsorgen wir ihn. Erkennen wir unsere Rolle dabei an. Fordern wir unsere Mitbestimmungsrechte ein. Und setzen wir uns auch nach der Krise für eben jene Menschen ein, auf deren Schultern nun am meisten Gewicht lastet. Reflektieren wir darüber, was normal ist und welchen Schaden diese Normalität Tag für Tag anrichtet. Es darf kein Zurück geben. Machen wir es uns nicht zu kuschelig, es ist Zeit zu streiten.

13:13 30.03.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Max Pieper

Geschichten über den Fortschritt und uns. twitter: @1maxpieper
Max Pieper

Kommentare 1