Zurück in den Verein

Hitzlsperger Thomas Hitzlsperger gelingt ein würdevolles Coming-Out. Die Rakete zündet. Die Gratulanten sind schon zur Selle. Soweit, so gut.
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Kaum waren Interview und Video verbreitet, schon war das Line Up der „Toleranten“ da. KanzlerInnen-Sprecher, Minister, Sportgrößen, Kulturschaffende, Dummschwätzer (sogar die aus der Reserve), alle waren Sie gekommen, um zu gratulieren, Respekt zu zollen, gut zu heißen, Unterstützung zuzusagen und vereint im Aufruf, mehr Auseinandersetzung mit dem Thema herbeizuführen. Zusammengefasst nennen sie das dann "durchweg positive Reaktionen".

Das Marschieren in eine Richtung beginnt. Spätestens jetzt gilt es misstrauisch zu werden.

Das mit dem Sport; besonders schwierig.

Zunächst scheint, dass die sogenannte Debatte über die Rolle der Homosexualität im (Mannschafts-) Sport doch eigentlich eine ganz andere Debatte sei. Es haut zwischen Feuilleton und Stammtisch alles aufeinander ein, was sich doch eigentlich darin einig ist, dass Homosexuelle weiterhin durchaus unter Unannehmlichkeiten zu leiden hätten, jedoch in Deutschland ganz entspannt ihrer Neigung nachgehen können. Welch eine Merkwürdigkeit, dass die Marschsoldaten derselben Kompanie sich während des Marschierens so heftig zerlegen. Es zerlegt sich sogar, wer gemeinsam der Meinung ist, es gelte mehr Anerkennung von Homosexuellen zu fördern, die Homoehe zu erlauben und dem noch ein Adoptionsrecht nachzuschieben. Die kleinste Einschränkung in der Befürwortung dieser 3 Punkte ist Gift und endet umgehend im Traktat mit der Intoleranz-Keule. Was ist nun das Problem? Nun, diese marschierenden Soldaten, das sind eben jene Besucher der Fußballstadien und der Fußball-Großevents, die Mitglieder der Sportvereine (ca. 90 Tsd. Vereine mit 28!! Mio. Mitgliedern in Deutschland [1]) oder die ehrenwerten Mitglieder erlesener Golf- und Leseclubs, welche hier wahlweise nicht sind, was sie sind - die Adressaten der eigenen Vorwürfe. Es scheint in dieser Frage gerade besonders opportun, eher außerhalb des Stadions, des Vereins oder des Clubs zu stehen. Erst recht der durch und durch männlich geprägten. Die Auseinandersetzung mit sich selbst ist dann doch eine bekannterweise eher schwierige Disziplin, also leider keine Auseinandersetzung.

Und wie wird das mit Sotchi (und dem bösen Russen)

Der totale Wunsch nach Auseinandersetzung und Debatte zeigt sich auch darin, dass es es zum guten Ton gehört, so Olympia-Sportler auf die russische Homo-Hölle durch öffentliches Fingerzeigen (wahlweise auf russische Rechtslage oder die eigenen Homosexualität) aufmerksam zu machen. Dieses Verständnis könnte daher kommen, dass die Marschsoldaten und Agenten der selbstgesteckten „moralischen Verpflichtung“ nicht recht nachkommen wollen, vom Olympia- über den Russland-Besucher, über den Olympia-Fernsehzuschauer bis zu den Jubelmarionetten des Regierungskabinetts. Auseinandersetzung ja, aber ohne das Risiko persönlich infolge dessen irgendwie schlechter gestellt zu sein. Auch so entledigt man sich der Auseinandersetzung oder des eigenen, opportunistischen Geschwätzes.

Tolerant und/oder Bekloppt

Da wird der frühere Moskauer Bürgermeister Luschkow, ein „anerkannter Homosexuellen-Gegner“, in Köln zu einem Karnevalsgelage eingeladen und auf massiven Druck (von wem eigentlich? von Vereinen? Sportlern? von Hitzlsperger sicher nicht) wieder ausgeladen. Man stelle sich nochmals vor: da kommt also einer vom aller feinsten Hasser-Kaliber (und dazu auch noch Russe) und eröffnet: "hier bin ich, ihr wollt die (vielleicht überspitzte) Auseinandersetzung? Ihr könnt Sie haben, es kann losgehen". Was kann es für den (die) Interessierten, Streitlustigen, Toleranten und an der Auseinandersetzung ernsthaft Interessierten Spannenderes geben als eben diese Möglichkeit? Richtig: keine Möglichkeit.

[1] http://www.dosb.de (Deutscher Olympischer Sport Bund; „DOSB Bestandserhebung 2013“ )

20:52 10.01.2014
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Geschrieben von

MaxStein

Sonne, Wolken und mehr
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