Der braune Geist der Bundeswehrmacht

Bewährte Traditionspflege Mainstream und Politik tun mal wieder überrascht ob des sichtbar gewordenen braunen Sumpfs in der Bundeswehr - dabei ist der ja nichts Neues!
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Ursula von der Leyen besuchte die Kaserne, in welcher Franco A. Dienst tat, und nicht nur sie, so die Medien unisono, schien überrascht darüber, dass es dort in einem Gemeinschaftsraum Wandbilder mit Landsermotiven und Devotionalien aus alten Wehrmachtsbeständen vorzufinden gab, feinst in Glasvitrinen ausgestellt. Diese gezeigte Überraschung ob solcher Funde ist pure Heuchelei, so als hätte es all' das nicht schon seit Anbeginn der Bundeswehr gegeben und wäre niemandem bekannt gewesen. Generationen von Rekruten könnten darüber berichten!

Andreas Förster nennt in seinem FREITAG-Artikel "Geist der Wehrmacht" (FREITAG Nr. 19, 11.05.2017) Zahlen über die Einbeziehung vieler tausender ehemaliger Angehöriger der Wehrmacht beim Aufbau der Bundeswehr und auch in deren späteren Betrieb. Wer hat denn annehmen können, dass das ohne Folgen bleiben würde!

Wer wie ich in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren als Wehrpflichtiger eingezogen wurde und Augen hatte zu sehen und Ohren, um zu hören, dem konnte damals nicht entgehen, dass brauner Geist auf allen Führungsebenen anzutreffen war - dagegen half auch der "Bürger in Uniform" nicht, weil die Truppe, um zu einer wirklichen und demokratischen Bürgerarmee werden zu können, einer radikalen Säuberung von allen braunen Elementen hätte unterzogen werden müssen. Das ist zu keiner Zeit geschehen!

Es war schon damals nicht unüblich, dass in Kasernen in Kasinos von Offizieren und Unteroffizieren die faschistische Wehrmacht durch Wandgemälde, braune Sinnsprüche und Zitate und, so vorhanden, auch mit Wehrmachts-Stücken (Waffen, Helme, Ausrüstungsteile uam.) dekoriert wurden. In manchen Kasernen wurden diese Gemälde und Devotionalien auch in der Kasernen-Öffentlichkeit - Schulungsräume, Flure, Kantinen - gezeigt, so dass jeder der sich dort bewegte dies mitbekam.

Nach dem 21. August 1968 (Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts in die Tschechoslowakei und Beendigung des Prager Frühlings) liefen die braunen Spukgestalten in der Bundeswehr zur Höchstform auf. Man müsse die Bundeswehr nur mal ran lassen, sie würde die Russen schon bis hinter den Ural zurück treiben - so nur eine der damals geäußerten Meinungen. Offiziere und Unteroffiziere ergingen sich in braunen Größenwahnphantasien und antikommunistischen Tiraden. Junge Rekruten, wie ich zu der Zeit selbst einer war, bekamen es mit der Angst zu tun, in einen neuen Krieg getrieben zu werden. Entgegengesetzte Meinungen zu dem braunen Geprahle wurden nieder gemacht und viele derjenigen, die sich getraut hatten dagegen zu argumentieren, mit Extradiensten und Schleifereien bestraft.

Wer Bundeswehreinheiten in den Krieg gegen Jugoslawien schickte, wer meinte, dass unsere Freiheit am Hindukusch verteidigt werden müsse und wer heute Bundeswehreinheiten in die baltischen Länder verlegt, um dem Russen mal wieder die Grenzen aufzuzeigen, wer nach wie vor die Augen vor dem Wirken brauner Gesellen in der Truppe verschließt und überrascht tut, wenn plötzlich sichtbar wird, dass in derselben nach wie vor ein brauner Ungeist waltet, der wird kaum geeignet sein, diesen Augiasstall auszumisten - es bleibt auch zu bezweifeln, ob das überhaupt gewollt ist, schließlich kann das Vorhalten einer Truppe, die es mit dem Grundgesetz nicht allzu genau nimmt und in der viele lieber ein irgendwie geartetes altes Reich herbei sehnen, für einen innenpolitischen Notstandsfall ja nicht schaden.

So erleben wir zurzeit wieder mal ein großes Getöse und ein lächerliches Schauspiel; dem Betrachter soll der Eindruck vermittelt werden, dass alles getan werde, um endlich dem braunen Spuk in der Truppe ein Ende zu bereiten. Zu vermuten ist, dass auch dieser Aktionismus bald ein Ende finden wird, nachdem ein paar Akteure mit einem goldenen Handschlag in den vorzeitigen Ruhestand versetzt wurden und dem Nazi Franco A. und seinen Komplizen der Prozess gemacht wurde. Wie aus dem Umgang mit dem NSU hinreichend bekannt, werden Staatsanwaltschaft, Polizei und Geheimdienste sicher auch in diesem Fall alles daran setzen nachzuweisen, dass es sich bei Franco A. und seinen beiden Mittätern um drei Einzeltäter handelt, die mit keinem größeren Netzwerk verbunden waren. Business as usual.

Es wäre eine der schlechtesten Taten nicht, diese Truppe endlich aufzulösen und jeglichem Militarismus abzuschwören. Konsequente Friedenspolitik braucht keine Armee! Aber wer will das schon in der großen schwarzrotgelbgrünen Koalition?

20:37 12.05.2017
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Geschrieben von

maxundmoritz

"Ich lebe, ich bin parteiisch." (Antonio Gramsci)Alter, linker Polit-Grantler und -Quertreiber.
maxundmoritz

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