Doping und Drogenmissbrauch

Drogenpolitik Ein Politiker wird an den Pranger gestellt - der bigotte Umgang mit Sucht- und Aufputschmitteln in unserer Gesellschaft
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Der Grünenpolitiker Volker Beck wird mit 0,6 g von irgendwas erwischt - angeblich Drogen. Bis gestern Nachmittag (03.03.2016) wusste niemand was Genaues, zumindest nicht, um was es sich dabei gehandelt haben soll. Denn offensichtlich haben weder Volker Beck noch die Staatsanwaltschaft oder Polizei nähere Auskünfte dazu gegeben. So zumindest das Ergebnis einer kurzen Medienrecherche im Netz.

Stattdessen wird weiter breit getreten, wer sich alles in welcher Weise betroffen, entsetzt, verabscheut, traurig, hilfsbereit und in dergleichen mehr Betroffenheitslyrik öffentlich meinte äußern zu müssen. Und das geht quer durch alle politischen Parteien, Kirchen, sonstige Organisationen bis hin zu den Followern und sonstigen Netzafficionados - die Republik in Aufruhr! Man könnte lachen über das Getöse, wäre das alles nicht so unsagbar beschissen und bigott!

Denn was verbirgt sich eigentlich hinter all' den medialen Rauchschwaden und den Nebelvorhängen, die auf diese Weise erzeugt werden? Will man darauf eine Antwort geben muss man mit einbeziehen, um wen es sich bei dem Entlarvten handelt. Und schon scheinen die Motive hinter den Lautsprechern auf; in jedem Fall sind es politische Beweggründe, und je nachdem, welcher Couleur derjenige ist, der gerade mal wieder sein Wasser nicht halten kann wird klar, um was es diesem oder jener wirklich geht. In keinem Fall um das Thema Drogenpolitik!

Über Drogen wird natürlich zwangsläufig auch gesprochen in diesem Fall, aber das ergibt sich aus dem äußeren Anlass. Aber wie immer in solchen "Skandalen" werden hier recht schnell ganz andere Konflikte abgehandelt: Machtkämpfe nämlich, der Kampf um mediale Aufmerksamkeit, Erlangung eines politischen Vorteils, Gerangel um Nachfolgefragen in Gremien, Marktanteile und Neuorganisation von Einflusssphären im Politikbetrieb usw. usf.

So ist das immer, wenn jemand in einer Position ist und eine menschliche Verfehlung bemerkt wird. Solange dieser Jemand mit seinem devianten Tun nicht öffentlich irgendwo auffällt ist alles in bester Ordnung. Wobei Auffallen nicht heißt, dass bis zum Zeitpunkt dieses persönlichen Crashs niemand davon gewusst habe, denn das ist nicht der Fall. Weil in den Kreisen, in denen sich die politische Klasse bewegt es Gang und Gäbe ist, sich mit Suchtmitteln jedweder Art aufzuputschen und so die Flucht aus dem politischen Tagesgeschäft zu beflügeln. Als Suchtmittel kommen Alkohol (an erster Stelle), Drogen unterschiedlichster Art (vornehmlich Koks, auch Crystal Meth, Haschisch und Marihuana) und Amphetamine (vornehmlich zur Leistungssteigerung) zum Einsatz. Zu diesen Kreisen gehören neben den Politikern auch alle jene Medienfuzzis, die sich der Nähe zu den Volksvertretern und Ministerialen rühmen und mit dieser Nähe auch gerne hausieren gehen.

Diese Nutznießer und Hofschranzen haben allerdings ein feines Gespür dafür, wenn einer Ihrer Gönner fallen könnte. Die medialen Verrisse und moralisierenden Verlautbarungen werden in einer Geschwindigkeit veröffentlicht, die die Einstein'sche Relativitätstheorie in Frage stellt, in welcher er u.a. darstellt, dass die Vakuumlichtgeschwindigkeit eine unüberwindbare Geschwindigkeitsgrenze für die Übertragung von Energie und Information im Universum darstellt.

Diese Doppelmoral beherrscht den Umgang mit der und die Diskussionen über die Drogenproblematik. Das lässt sich auch gut im Spitzen- und Profisport beobachten, von dem ich behaupte, dass in bestimmten Sportarten, insbesondere bei den Ausdauersportarten, heute nichts mehr ohne Doping läuft.

Beispiel Radsport: Von jeher war es allen, die sich auch nur ein wenig mit diesem Sport beschäftigt haben bekannt, dass Doping und Radsport zusammen gehören wie das Rad und die Speichen. In der Frühzeit desselben machten die Radsportler kein Hehl daraus, mit welchen Mitteln sie versuchten ihre Leistungsfähigkeit nicht nur zu erhalten (was bei langen Rundstreckenrennen mit Etappen von über 300 km täglich auch lebensnotwendig war) sondern, insofern sie Siegaussichten zu haben glaubten, diese Leistungsfähigkeit auch zu steigern. Und sie sprachen ganz offen darüber, sie verbargen nicht, wenn Sie Tabletten einwarfen, sich Spritzen setzten, sich Amphetamine zuführten und das alles noch anreicherten mit Unmengen von Kaffee oder Rotwein (ja, das war auch üblich - Tom Simpson, gestorben am 13.7.1967 bei der Auffahrt zum Mont Ventoux in Frankreich trank vor diesem Aufstieg in einem Café in Bedoin eine gehörige Menge Rotwein, nachdem er sich vorher irgendwelche Tabletten eingeworfen hatte).

Und heute? Da die bürgerliche Gesellschaft den Verfall von Anstand und Moral bei jeder sich bietenden Gelegenheit beklagt, wesentlich vorgetragen von denen, die in diesem Land das Sagen haben, ist es nicht mehr opportun die Einnahme von leistungsfördernden Substanzen öffentlich zu kommunizieren oder gar zu praktizieren. Anstand und Moral sind die spanischen Wände, die vor die Unanständigkeit und Unmoral der kapitalistischen Globalisierer und ihrer politischen Statthalter aufgestellt werden; flexibel genug, sie mal hier, mal da hin zu schieben - aber immer mit dem Ziel, den moralischen Anschein zu wahren.

Aber eine unmoralische Wirtschaftsweise, in der Menschen wie Waren behandelt werden, in der brutalste Ausbeutung statt findet, in der Kriege entfesselt werden, um wirtschaftliche Interessen durch zu setzen und in der ein Menschenleben nicht mehr wert sein kann als der Preis für eine Gewehrkugel, diese Wirtschaftsweise zwingt die Menschen, die in ihr bestehen wollen dazu, alles dafür zu tun, um ihre Arbeitskraft nicht nur ständig verfügbar zu erhalten sondern auch zu permanenter Leistungssteigerung bereit zu sein. Und hier kommen Sucht- und Aufputschmittel aller möglichen Art ins Spiel.

Auf der anderen Seite der Gesellschaft, also ganz unten, dienen Drogen auch der Flucht aus einer beschissenen, wenig lebenswerten Realität. Auch das wird geduldet und bei Bedarf zur Verschärfung von Anti-Drogen-Gesetzen genutzt. Man hält sich sozusagen eine kriminelle Reserve.

Es ist kein Geheimnis, dass heute nicht nur Profisportler dopen; außerhalb des Sports sind es vor allen Dingen Fach- und Führungskräfte in der Wirtschaft, aber auch Breitensportler werfen sich Dopingmittel ein. So ergab eine Untersuchung in den neunziger Jahren unter Marathonläufern in der Schweiz, dass über 70 Prozent zugaben, bereits mindestens einmal Mittel zur Leistungssteigerung eingenommen zu haben, von denen die meisten auch auf Antidopinglisten aufgeführt wurden.

Alkoholkonsum, Drogenmissbrauch und die Einnahme von Dopingmitteln - oftmals kann man nicht scharf trennen, um was es sich handelt, denn einige Drogen wirken leistungssteigernd (z.B. Kokain), andere Medikamente wirken wiederrum wie Drogen (Amphetamine, dauerhaft eingenommen) - das alles ist bekannt und geduldet, wird teilweise sogar gut geheißen (Jan Ullrich begründete seine Dopingpraxis damit, er hätte das tun müssen, damit er mit der Konkurrenz hätte mithalten können, die ja schließlich dopen würde - und alle verstanden ihn) und wird zumeist hinter vorgehaltener Hand auch toleriert. Und diese Toleranz reicht hinein bis in alle Schichten unserer Gesellschaft - wie sollte das auch anders sein, handelt es sich doch um ein Massenphänomen!

Wenn man das alles betrachtet und kritisch würdigt, dann wird einem erst so richtig bewusst, wie verlogen die Kampagne gegen Volker Beck ist, wie verlogen die Kampagnen der Medien gegen des Dopings überführte Sportler und gegenüber Sportarten sind, in denen Doping - zugegebenermaßen - weit verbreitet ist. Hier tun und taten sich vor allen Dingen die meinungsführenden Medien und die öffentlich- rechtlichen Fernsehanstalten hervor. Erinnert sei in diesem Zusammenhang nur an den Übertragungsboykott von ARD und ZDF gegen die Tour de France nach dem großen Dopingskandal der letzten Jahre. Gleichzeitig wurden Berichterstattungen über Dopingmißbrauch in olympischen Sportarten (Skilanglauf usw.) ganz klein gehalten, von Boykott der Übertragung der Winterspiele war nie die Rede. Davon wären ja auch die damals recht erfolgreichen deutschen Langlaufsportler in den unterschiedlichsten Disziplinen betroffen gewesen, was die mediale Öffentlichwirksamkeit sehr eingeschränkt hätte.

Dies alles müssen wir einbeziehen in eine Bewertung des Falles Volker Beck. Und dann wird umso fragwürdiger, welches Getöse die Leitmedien zurzeit wieder absondern.

Zum Schluss: Eine rechtliche Bewertung des Falles Beck war nicht mein Anliegen, da werden sich hier bzw. haben sich schon genug Schreiber gefunden, die ihre massgebliche Meinung dazu beigetragen haben. Es ging mir darum, diesen Fall in einen größeren Zusammenhang zu stellen und dadurch die Verlogenheit und die Doppelmoral verschiedener gesellschaftlicher Kräfte und Medien aufzuzeigen.

Und ganz zum Schluss: in den Diskussionen mit Sportkollegen habe ich oft die Meinung vertreten, dass man das Doping im Sport frei geben solle. Denn wieso soll ein Spitzensportler keine leistungssteigernden Mittel zu sich nehmen wenn das gleichzeitig jedem Arbeitnehmer erlaubt ist. Der Profisportler, der nicht in der Spitze mitfährt, der Helferdienste im Radrennen zu erbringen hat, ist gezwungen, leistungssteigernde und -erhaltende Mittel während eines langen Rennens zu nehmen. Denn von der Erfüllung seiner Helferaufgaben hängt es ab, ob er im Folgejahr wieder einen Vertrag bekommen wird.

Eine solche Freigabe würde auch in diesem Bereich der Bigotterie ein Ende bereiten. Denn es ist illusorisch anzunehmen, dass dem Doping durch irgendwelche Kontrollen, Vorschriften und Gesetze ein Ende bereitet werden könnte. Dafür geht es für viele Akteure - Sportler, Veranstalter, Sponsoren, Politiker - um viel zu viel: nämlich immer und einzig und vor allen Dingen um Geld und Profit....ach ja, natürlich auch um Ruhm und Ehre. Und das wollen wir doch niemandem streitig machen - oder?

01:33 04.03.2016
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Geschrieben von

maxundmoritz

"Ich lebe, ich bin parteiisch." (Antonio Gramsci) Alter, linker Polit-Grantler mit Vorlieben für guten Espresso und schottischen Whisky.
maxundmoritz

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