Wenn Sparmaßnahmen Leben gefährden

Personalmangel Über die Arbeit in einem System, das von Grund auf so konzipiert ist, dem maximalen Profit alles unterzuordnen – auch die Sicherheit der Patientinnen und Patienten
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Wenn Sparmaßnahmen Leben gefährden
Es fehlt an Personal (Symbolbild)

Foto: Sean Gallup/Getty Images

Kürzlich auf der Intensivstation im Gespräch mit einer Kollegin: „Und dann wurde die Mutter wegen Personalmangel von der Uniklinik zu uns verlegt, in den Presswehen! Es kam zum Geburtsstillstand und einem Notkaiserschnitt. Das Kind lag lange hier und war echt krank.“

Geschockt bin ich, so arbeite ich nicht nur als Kinderkrankenschwester, ich studiere auch Medizin. Erst vor wenigen Wochen war ich Praktikantin in eben dieser Uniklinik. Der Gynäkologe, der die Gruppe von Studierenden durch den Kreißsaal führte, sprach von Personalengpässen, aber versicherte, dass das keine Gefahr für die Gebärenden darstelle.

Fassungslosigkeit überkommt mich. Ich frage mich, was ich tun würde, als vielleicht bald Kinderärztin? Das Kind retten natürlich, wenn möglich. Doch wie sollte ich den Eltern in die Augen schauen? Voller Wut und Verzweiflung beende ich meinen Dienst. Ich denke daran, wie ich in der Ausbildung gelernt hatte, dass ich die Rechtsanwältin für die Kinder sein muss, denn sie können meist nicht für sich selbst sprechen. Normalerweise fängt diese Verantwortung an, wenn die Hebamme mit dem Kind am Schwesternzimmer steht. Das hier war außerhalb meiner Reichweite.

Einige Jahre Berufserfahrung bringe ich mit. Ich habe Kinder beim Sterben begleitet, habe Eltern in den tiefsten ihrer Tiefpunkte gesehen, in Indien habe ich gearbeitet und bin durch die Straßen von Kalkutta gegangen, doch nie war ein Trauma so leicht vermeidbar gewesen und zu keinem Zeitpunkt habe ich mich so hilflos gefühlt.

Nach einer unmotivierten Woche an der Uni, gehe ich zum nächsten Dienst. Widerwillig und mit Bauchschmerzen. Zum Dienstbeginn erzählt eine andere Kollegin von einer Bekannten, einer anderen Klinik, auch in den Wehen verlegt, Kind tot.

Ich bitte die Kollegin aufzuhören. Tränen schießen in meine Augen. Ich kann das alles nicht mehr hören! Die Kolleginnen erzählen vom Frühdienst. Ich versuche zuzuhören. Bin umnebelt. Versuche zu hören, was sie sagen über die Kinder, für die ich die nächsten acht Stunden die Verantwortung tragen würde. Wir sind wie immer knapp besetzt. Ich mache Notizen. Doch halt, von wem sprachen wir nochmal, wer hat Fieber? Ich bin nicht bei der Sache, egal wie sehr ich mich zwinge. Zum Glück ist heute niemand schwer krank und alle überleben trotz dieser verzweifelten Wut in meinen Bauch.

Auf dem Weg nach Hause reicht mir ein Mann ein Taschentuch. Erst jetzt wird mir klar, dass ich weine. Er schaut mich sorgenvoll an und beschließt dann, mir die ganze Packung Taschentücher zu schenken. Jetzt weine ich noch mehr. Ich bin wütend auf diese Uniklinik und muss eingestehen, dass es in allen Kliniken so oder so ähnlich aussieht, denn schließlich wurden Stellen für Hebammen im ganzen Land systematisch gekürzt. Eine war noch da, beim letzten Besuch im Kreißsaal, sie meinte: “Eigentlich müsste ich eine Frau verlegen, weil ich die einzige Hebamme im Dienst bin, aber das kann ich der Frau nicht antun!“

Ich merke, dass ich auf die falschen wütend bin. Und doch, ich bin wütend auf diesen Gynäkologen, dass er sich nicht schützend vor die Hebammen gestellt hat und somit auch nicht schützend vor seine Patientinnen für die er die Verantwortung trägt. Ich bin wütend, dass er so obrigkeitshörig ist, lieber das System schützt anstatt zu sagen, dass die Frauen hier nicht mehr sicher sind. Nur wenn wir die Probleme benennen und hinschauen, kann sich etwas ändern! Wut und Tränen mischen sich. Mir ist es egal, dass mich alle so sehen. Schaut endlich hin! Ihr seid alle einmal geboren worden, viele sind Väter und Mütter von Töchtern, die irgendwann auch alleine in einem Krankenwagen von A nach B... Verdammt, das geht uns doch alle an!

Ich verstehe diese Welt nicht. Was bringt mir das Medizinstudium, all die tollen Sachen, die ich gelernt haben, wenn wir es noch nicht einmal schaffen Frauen einen sicheren Ort zum Gebären zu bieten, wenn wir dem Start ins Leben so wenig Bedeutung beimessen. Jede Beerdigung ist da eine größere Investition, eine größere Feierlichkeit, jeder Beerdigung wird mehr Respekt beigemessen.

Ich kann nicht mehr in den Spiegel schauen. Ich bin genau wie dieser Gynäkologe, dem ich am liebsten die Fresse polieren möchte. Wie oft habe ich Eltern gesagt, dass sie sich ausruhen können, auch wenn ich wusste, dass eine Schwester niemals zehn Säuglinge nur annähernd adäquat versorgen kann! Wie oft habe ich versucht schneller und effektiver zu sein und dabei so vieles Wichtige vergessen! Seit meiner Ausbildung kenne ich die Studien in denen Personalschlüssel und Mortalität korrelieren. Auf Deutsch: Mit jeder Krankenschwester und jeder Hebamme, die geht, sterben mehr Menschen.

Trotzdem und genau deswegen muss ich raus. Ich bin eine Kollaborateurin geworden, von einem System das Kinderleben bewusst gefährdet. Ich brauche Luft zum Atmen, ich will nicht mehr dazu gehören, das widert mich auf einmal zu tiefst an. Ich fühle mich schuldig, obwohl ich mein Bestes gegeben habe und vielleicht geht es dem Gynäkologen auch so wie mir, dass er nicht wusste, wie er sich schützend vor seine Patientinnen stellen sollte.

Bevor ich gehe, muss ich sagen, was schon so lange gesagt werden muss: Sie sind nicht mehr sicher im Krankenhaus, auch ihre Kinder nicht und auch nicht, wenn sie privat versichert sind. Die Zahl der vermeidbaren Todesfälle bleibt wohl unbekannt, doch mit Sicherheit steigt diese Zahl täglich mit jeder Pflegekraft und jeder Hebamme, die wie ich zusammenbricht. Es wird Zeit, dass wir uns fragen, was wir uns selbst wert sind!

Jetzt pausiere ich mein Studium, gehe unbestimmte Zeit auf Reisen und hoffe irgendwann wieder in den Spiegel schauen zu können, während die Zeitarbeitsfirma für die ich arbeitete, Hebammen im Ausland sucht.

20:36 02.08.2018
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