Gott tritt nicht als Gläubiger auf

Ein Traum Auch das Bewußtsein des Menschen macht eine Entwicklung durch. Sie reicht von egozentrisch, auf die primitiven Bedürfnisse fixiert bis hin zum Anstreben selbstloser Ziele
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Plötzlich stand ich vor einem Gebäude, über dessen Tür eine blinkende Neon-Schrift zum Eintritt aufforderte. "Entwicklungs-Museum" las ich. Eine Stimme, die aus dem Nichts zu kommen schien, bat mich herein. Wie von Geisterhand öffneten sich die Türen; ich trat ein und befand mich in einer Halle mit riesigen Ausmaßen.

Überall waren Behälter aufgestellt, angefangen von Kästen in Zigarrenkistengröße bis hin zu Containern, die bis fast zur Decke reichten. Während ich noch da stand und nicht recht wußte, was ich nun tun sollte, setzte sich einer der Behälter in Bewegung und kam direkt auf mich zugerollt. Er hatte etwa die Größe eines Kinderwagens. Während er auf mich zukam, wurden seine Seitenwände durchsichtig, und ich hatte den Eindruck, plötzlich vor etwas Ähnlichem wie einem Aquarium ohne Wasser zu stehen. Ich traute meinen Augen nicht, als ich sah, daß sich Menschen darin bewegten: große und kleine, junge und alte, weiße und farbige - ein kunterbuntes Gemisch. Die Landschaft ähnelte der, wie man sie bei Miniatur-Eisenbahnen antrifft. Alles war vorhanden: Häuser, Fabriken, Büros, Geschäfte, Post, Bahnhof, Kirche, Schule, Gasthäuser und vieles mehr.

"Wir haben versucht, in unserem Museum eine Schule des Bewußtseins nachzubauen; hier zum Beispiel einen ganz normalen Alltag", sagte die körperlose Stimme. "Sie haben sicher schon davon gehört." Hatte ich?

"Wenn nicht, erkläre ich es Ihnen kurz. Die Grundschule und die weiterführenden Schulen sind hinlänglich bekannt. Dort lernt der Mensch fürs Leben, für seinen künftigen Beruf. Weniger bekannt", die Stimme nahm einen bedauernden Unterton an, "ist die Tatsache, daß auch das Bewußtsein des Menschen eine Entwicklung durchmacht. Sie reicht von egozentrisch und auf die primitiven Bedürfnisse fixiert bis hin zum Anstreben sittlich hochstehender, ja selbstloser Ziele."

Der Behälter entfernte sich, während seine Wände wieder undurchsichtig wurden. Kaum hatte er seinen Platz eingenommen, rollte der nächste auf mich zu. Als ich durch die Wände schauen konnte, erkannte ich einen Spielplatz, auf dem allerdings nur Erwachsene herumtollten. Viele von ihnen waren gut gekleidet, teilweise sogar in Abendgarderobe; alle beschäftigten sich mit Spielen unterschiedlichster Art, angefangen von Burgenbauen über Fang-mich-doch bis zu Ballund Versteckspielen. Der Behälter rollte fort, es kam der nächste. In seinem Mittelpunkt stand die verkleinerte Ausgabe einer Universität, und während es aus einem Lautsprecher in ständiger Wiederholung ertönte "Wissen ist Macht", strömte eine unübersehbare Schar von Menschen auf die Türen zu und verschwand in dem Gebäude. Ich überlegte gerade, was sich darin wohl abspielen würde, als ein freundlicher Herr auf mich zutrat und sagte: "Treten Sie doch ein." Im nächsten Augenblick schon wohnte ich der Verleihung irgendeiner Auszeichnung bei, die in Form eines vergoldeten Lorbeerkranzes dem Preisträger über das Haupt gehalten wurde und dann, wie von Zauberhand gehalten, schwebend an seinem Platz blieb.

Während ich noch staunend schaute, hob mich eine Hand in den nächsten Behälter, mitten in eine religiöse Feier hinein. "Kult- und ritenfeie Zone" las ich auf einem Transparent, das von der Decke hing. Um mich herum sah ich viele andächtige Gesichter. Ernsthaftes Beten wechselte sich ab mit freudigen Gesängen, liebevollen geistigen Hilfen, Lachen, Tanz und meditativer Stille. Während die Anwesenden sich schließlich tiefer und tiefer versenkten, schrumpften sie gleichzeitig und lösten sich, als sie nur noch ein Punkt waren, auf. Im selben Moment entstanden sie neu an ihren Arbeitsplätzen. Ich war überrascht, was und wen ich alles sah: einen muslimischen Lehrer, eine
jüdische Ärztin, zwei chinesische Krankenpfleger, einen behinderten Gärtner, einen Manager, einen schwarzen Leichtathleten, eine Nonne, einen Bergführer, einen orthodoxen Priester, ja sogar einen Bischof. Als ich auf Letzteren zugehen und ihn fragen wollte, wie es möglich sei, daß Menschen so unterschiedlicher Nationalitäten, Religionszugehörigkeiten, Berufe und Interessen gemeinsam beten und singen können, verschwand der Behälter. Ich stand wieder allein inmitten der großen Halle(Hans Dienstknecht).

13:56 24.11.2014
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