Der 1. Juni - Die Welt dreht sich plötzlich

ErsterWeltkrieg Rückblickend erkennt man meist, dass dass Veränderungen schon lange in der Luft lagen. Der eigentliche Auslöser war dennoch eine Überraschung.

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Der 28. Juni 1914 gehört zu diesen Tagen. Ein Attentäter schoss auf den österreichischen Thronfolger und tötete ihn und seine Frau. Die Trauer um die beiden war in Wien begrenzt, denn die wenigsten mochten den zu modern denkenden Erzherzog und seine Frau. Der Kaiser nahm den Tod jedoch zum Anlass, das Königreich Serbien anzugreifen. Wenige Monate später begann der Erste Weltkrieg. Der Rest ist Geschichte. Die Männer Europas zogen in den Krieg, und in den Schulen begannen die Kinder, aus praktischen Gründen die Sütterlinschrift zu erlernen. Die Frauen gingen in die Fabriken. Sie übernahmen die Aufgaben der Männer und sollten auf dieser Basis schließlich später erfolgreich für ihr Stimmrecht und ihre Gleichberechtigung kämpfen. Nur vier Jahre nach den Schüssen von Sarajewo waren 40 Millionen Menschen gestorben. Die Welt von 1918 sah völlig anders aus als die Welt von 1914.

Der österreichisch-ungarische Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand von Österreich-Este und seine Frau Sophie waren zu einem Manöver in Bosnien-Herzegowina, das damals zum riesigen österreichischen Kaiserreich gehörte. Auf dem Balkan war die Bevölkerung darüber alles andere als glücklich. Serbien – ein eigenständiges Königreich – träumte außerdem von einem Großserbien. Franz Ferdinand nahm trotzdem an einem Manöver teil.

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Eigentlich war es unüblich, dass Frauen ihre hochadeligen Männer zu solchen Terminen begleiteten – aber Erzherzog Franz Ferdinand und Sophie waren eine große Ausnahme, denn ihre Liebe war dramatisch und außergewöhnlich. Franz Ferdinand hatte als Neffe des Kaisers in der Thronfolge weit unten gestanden. Aber dann starben die beiden eigentlichen Thronfolger: Erzherzog Rudolf und Franz Ferdinands Vater. Franz Ferdinand hatte bis dahin das relativ unbeschwerte Leben eines Hochadeligen aus einer wenig beachteten Seitenlinie geführt. Es hatte kaum Pflichten, dafür viele Privilegien. Seine Jagdleidenschaft war legendär und grenzte an das Obszöne. Jagdlisten zeigen, dass er im Laufe seines Lebens 274.889 Tiere getötet hat – darunter zahlreiche Elefanten, Tiger und Löwen, da ihn der Hof nach einer Tuberkulose-Erkrankung mit einem Schiff auf Reisen schickte.

Der privilegierte junge Erzherzog durfte vieles – nur nicht die Frau heiraten, die er liebte. Als er Mitte 30 war, lernte er Gräfin Sophie Chotek kennen. Sie war Hofdame, gehörte zum böhmischen Uradel – war aber in den Augen der kaiserlichen Habsburger alles andere als eine gute Partie. Er heiratete sie trotzdem, nachdem Sophie auf Wunsch des Kaisers unterschrieben hatte, dass ihre Kinder auf alle Thronansprüche verzichten und dass sie bei Hof nie neben ihrem Mann auftreten wird. So konnten sich Franz Ferdinand und Sophie nur gemeinsam zeigen, wenn er im Auftrag des Militärs und weit weg von Wien unterwegs war.

Deshalb starben sie gemeinsam, Seite an Seite, in einem offenen Auto in Sarajewo. Mit ihnen starben das alte Europa, zahlreiche Monarchien, festgefahrene Strukturen und noch vieles mehr. Die Welt veränderte sich an diesem Tag. Man wusste es damals nur noch nicht.

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Geschrieben von

Matthias Berg

Student der Geschichtswissenschaften an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Matthias Berg

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