RE: Bidens Kriegspalaver | 23.01.2022 | 15:51

Vor lauter Schimpfen vergessen Sie leider zu erwähnen, dass das, was in Ländern wie Moldau an "Unordnung" herrschte, von Moskau kaum zu ordnen gewesen wäre. Es ist das übliche postkoloniale Dilemma: In den Jahren der Kolonialherrschaft wurden nicht wenig Bürger der herrschenden Nation in den Kolonien angesiedelt, um dort die Macht der Zentralregierung auszuüben, mitunter auch, um demographisch ein Gegengewicht zu möglicherwiese zu aufmüpfigen Kolonien zu schaffen. Nach Unabhängigkeit der früheren Kolonien stehen die vor einem Dilemma: sollen sie die in der Zwischenzeit entstandenen Minderheiten integrieren, vielleicht ihnen Sonderrechte einräumen (was aber bei den "eigenen" meist nicht gut angekommen wäre, hatten diese Leute doch vorher schon meist Sonderrechte gehabt), sie gar "nach hause" schicken?

Diese Problematik haben wir im 20. Jh. in vielen Teilen der Erde gesehen, wo frühere Kolonien unabhängig wurden, und die Konflikte waren z.T. erheblich, wenn man sich z.B. Südafrika und Simbabwe anschaut. Im Fall der zusammenbrechenden Sowjetunion wurde dieser Effekt noch durch die geographische Nähe der Kolonien zum Imperium verstärkt. Bereits im Zarenreich war es üblich, dem Prinzip "teile und herrsche" folgend Anreize für Russen zu schaffen, sich in den "Provinzen" anzusiedeln, um die jeweiligen Gebiete stärker an die Zentralmacht zu binden. In der Sowjetunion wurde diese Tradition übrigens weitgehend ungebrochen fortgesetzt.

Die nun unabhängig gewordenen früheren Sowjetrepubliken mussten nun ähnliche Entscheidungen treffen, wie zuvor z.B. Indien, oder die genannten afrikansichen Länder: wie mit den Minderheiten umgehen, die - ganz ähnlich wie in den früheren Kolonien ansässige Briten - oft wenig Bereitschaft zeigten, sich der neuen Situation entsprechend unterzuordnen und die neue Identität des unabhängig gewordenen Staats für sich anzunehmen. Schlimmer wurde dabei noch, dass die russischen Regierungen schnell merkten, dass diese Leute sich als ein Werkzeug anboten, einen Fuß in der Tür der jeweiligen Länder zu behalten.

Die baltischen Staaten hatten Glück: sie waren als Nato-Mitglieder bald geschützt. Andere, wie Moldau, Georgien und die Ukraine hatten das nicht.

Generell gilt: eine Friedenstruppe muss von beiden Seiten akzeptiert sein. Russisches Militär ist das nicht: weder in Georgien, noch in Moldau, noch in der Ukraine.

Und natürlich ist die "Verfassungsmäßige Ordnung" keine Unverschämtheit. Ich wäre mal gespannt zu sehen, wie eine russische Regierung (und all ihre Fürsprecher) regieren würde, würde sich irgendein muslimisches Land anschicken, die Interssen seiner Religionsgenossen in den Kaukasusrepubliken der RF militärisch schützen zu wollen.

RE: Hand am Hahn | 23.01.2022 | 15:15

»dass es an der Zeit sei, russischen Sicherheitsbedürfnissen Rechnung zu tragen«

Was sind "Sicherheitsbedürfnisse"? Beide Seiten, um die es hier geht, verfügen über atomar bestückbare Flugkörper, darunter auch Hyperschallwaffen. Egal, wie man es dreht, sind beide Seiten in der Lage, einen Erstschlag zu führen, gegen den sich die andere Seite nicht verteidigen könnte. Auf beiden Seiten könnte aber ebensowenig ein Gegenschlag verhindert werden, gegen den es ebensowenig eine wirksame Verteidigung gäbe. Beide Seiten verfügen über Raketenabwehrsysteme (die gegen Hyperschallwaffen schlecht oder gar nicht funktionieren, aber das zu ändern, ist allein eine Frage der Zeit). Um die zu überwinden, müssen mehr angreifende Raketen in der Luft sein, als der Gegner durch Verteidigungsraketen abfangen kann. Mit anderen Worten: ein solcher Angriff wäre stets massiv. Die Luft wäre voll von den Dingern - was die Wahrscheinlichkeit eines falschen Alarms zum Glück ein wenig einschränkt. Hinzu kommt, dass beide Seiten über ausreichend Satelliten verfügen, um gut im Bild zu sein, was die andere gerade mit ihrem Militär anstellt.

In dieser Konstellation spielt geographische Nähe kaum noch eine Rolle. Sie würde es spielen, wenn die jeweils andere Seite eine konventionelle Invasion vorhätte: dann würde man die rechnerisch notwendige Menge an Soldaten, Panzern, Artillerie etc. in Grenznähe versammeln und - unterstützt von allem möglichen anderen - losrollen lassen. Die Massierungen, die dazu nötig sind, kriegt man nicht von heute auf morgen dahin. Entsprechend diskutieren wir hier ja aktuell über die, die Russland durchführt - egal was wirklich der Plan ist, jedenfalls passiert da das, was eben auch bei der Vorbereitung eines groß angelegten Angriffs passieren würde.

Nach langer Vorrede nun die eigentlich entscheidende Frage: was genau sind Russlands Sicherheitsbedürfnisse? Ob die Ukraine Mitglied der Nato ist oder nicht, spielt aus militärischer Sicht keine Rolle. Wenn wir zu der Logik des Kalten Kriegs ("Gleichgewicht des Schreckens") zurückkehren, wonach es aktuell ja aussieht, dann kann das Russland völlig egal sein, solange nicht an genug Grenzen genug Personal und Material aufgefahren würde, um eine Invasion möglich zu machen (und abgesehen von der faktischen Unmöglichkeit sehe ich keinen Grund, warum die Nato sich nicht zu verpflichten bereit wäre, die Stationierung von Truppen und Waffen an der Grenze vertraglich irgendwie zu reglementieren). Wenn man sich die Karte hier anschaut, wird deutlich, dass eine konventionelle Nato-Land-Invasion nach Russland sowohl mit als auch ohne die Ukraine allein schon durch die Geographie nichts ist, wovor man in Moskau Angst haben müsste. Folglich kann man Russland derzeit als das militärisch sicherste Land der Welt betrachten.

Warum also erklärt dann der Kreml die Ukraine zu einer Frage der russischen Sicherheit? Die wirklich entscheidende Frage ist hier, ob es überhaupt um die Sicherheit Russlands geht und nicht vielmehr um die Sicherheit des immer autoritäerer regierenden Kreml? Oder definiert man in Kreisen russischer Eliten immer noch die Größe der Nation über ihre geographische Ausdehnung? Natürlich kann man zu dem Schluss kommen, dass es zwischen dem einen und dem anderen bei der Frage einer eventuellen Kriegsgefahr faktisch keinen Unterschied gibt, aber dann kann man sich doch einfach mal die ganze Folklore sparen und die Dinge so nennen, wie sie nun einmal sind?

Dass dem Kreml der Machterhalt wichtiger ist als das Wohl des eigenen Volks, ist ein Verdacht, der schon häufiger mal aufkommt. Aber wie dem auch sei, wird man bis auf weiteres mit den Machthabern dort zu einer friedlichen Koexistenz kommen müssen. Dafür wird man verhandeln müssen. Ziel dieser Verhandlungen sollte es sein, die Logik von "Einflusszonen" zu überwinden und ein Sicherheitssystem zu schaffen, das für alle Seiten zumindest transparent macht, welche Auswirkungen militärische Erstschläge - egal von wo - hätten und dass man die Sicherheit - beider Seiten - nur gemeinsam erreichen kann.

Vielleicht sollte man es machen wie in der Antike: einander hochrangige Geiseln geben, die sozusagen als Sicherheitsgaranten im jeweils anderen Land säßen 😏

RE: Hand am Hahn | 23.01.2022 | 14:46

»Es ist zunehmend verstörend und quälend, dem Sound einer Politiker- und Journalisten-Generation ausgesetzt zu sein, die bestenfalls die Spätphase des Kalten Krieges bewusst miterlebt hat, mit sich selbst hochzufrieden ist und ein Hochgefühl der moralischen und kulturellen Überlegenheit gegenüber Russland auskostet, wie es geschichtsloser kaum sein kann.«

Eine Anmerkung hierzu: Herr Herden hat ja die Spätphase des Kalten Kriegs von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs (u.a. als Nachrichtensprecher der AK) miterlebt, daher kennt er vielleicht nicht die Stimmung, die zu der Zeit in der BRD herrschte: Menschen hatten ganz einfach Angst. Angst vor einem Atomkrieg, der diese Erde vernichten würde. Mit dem Beginn von Gorbatschows Perestrojka (die ja die Bonzen in der DDR verständlicherweise ablehnten) wich diese Angst langsam einer Hoffnung und auch einer Erleichterung, die Sowjetunion nicht länger zum Feind haben zu müssen. Das artete z.T. in einen richtig kitschigen Russland-Kult aus (welches viele synonym für die Sowjetunion betrachteten).

Ich kenne keinen, der das damals anders sah. Aber es mag auch andere Meinungen gegeben haben, das will ich nicht ausschließen. Vvon einem Triumphgefühl aber, den Kalten Krieg "gewonnen" zu haben, habe ich damals nichts wahrgenommen. Im Gegenteil: es gab eine Hoffnung auf eine gemeinsame Zukunft mit Russland, das nun nicht mehr unser Feind war. Bekanntlich hat Herr Herden die 1980er Jahre in der BRD nicht selber erlebt (wie eben auch ich nicht die in der DDR). Wahrscheinlich hat er in den frühen 1990er Jahren andere Themen gehabt, es gab schließlich genügend zwischen "ost" und "west". In jedem Fall finde ich diese von ihm ja schon mehrfach verbreitete These ziemlich abstrus.

Von der Generation danach brauchen wir erst gar nicht zu reden. Die Gründe dafür, dass die Russland heute vielleicht weniger positiv sehen als vor 20 Jahren, darf man ruhig genau in jener Zeit suchen. Erklärungsmuster, die darauf abzielen, dass - bedingt durch den Kalten Krieg, den die betreffenden Leute gar nicht selber miterlebt haben - eine Art "Russophobie" in der deutschen Bevölkerung tief verwurzelt sei, die sich auch entsprechend und selbstverständlich gegen das Russische Volk als solches und nicht seine Führung richte, ist bequem und billig - aber nicht sehr überzeugend.

RE: Ukraine, Russland, Gaspreise, Oligarchen | 23.01.2022 | 13:44

Konkretisierung für irgendwie andersaffine: erinnert an »gefingerpoken« 😎

RE: Ukraine, Russland, Gaspreise, Oligarchen | 23.01.2022 | 13:40

Geil, aus: »Einfach Super, der Wasserkopf:innen«

Macht Binnen-I-be-Gone folgendes: »Einfach Super, der Wasserkopfen«

Hat was.

RE: Bidens Kriegspalaver | 23.01.2022 | 12:18

Aber Wilfried, hör doch auf, die Leute mit Details zu belästigen. Das war doch GEKAUFT, damit ein lupenreiner PUTSCH. Haben wir doch gerade gelernt 🙃

RE: Weitermachen, wo Willy Brandt aufgehört hat | 23.01.2022 | 11:53

»War bisher immer der Ansicht, dass die Wiki-Seiten einander nur in der Sprache unterscheiden. Ist dem nicht so? «

Tatsächlich nicht. Die Artikel werden von jeweils eigenen Communities gepflegt. Sicher kommt es vor, dass der selbe Autor sich für Inhalte auf verschiedenen (Sprach-) Varianten verantwortlich zeichnet, das kommt nach meiner Erfahrung aber eher selten vor. Insofern lohnt es sich schon, die selben Artikel in den verschiedenen Varianten zu lesen. Auch wenn ich (gesprochenes) Russisch ganz gut verstehe, benutze ich bei russischen Texten im Internet gern mal google translate, welches bei russisch ziemlich gut funktioniert. Feinheiten kann man dann immer noch durch Lesen des Originaltexts nachvollziehen.

Aber genug Offtopic. Bitte nicht aufhören, ich lese interessiert mit.

RE: Bidens Kriegspalaver | 23.01.2022 | 11:48

»Nun ja, und Sie haben eindeutig Symphatien für gekaufte "blumige und farbige Revolutionen", in normaler Sprache PUTSCH.«

Interessant. Revolutionen, wenn sie gekauft (wieviel kosten einige hunderttausend Menschen wochenlang auf der Straße?) sind, erfüllen nach Ihrer Ansicht also die Definition von "Putsch". Deeutlichkeit will ich Ihnen hier mal gerade nicht zu gute halten.

»Und auch noch Symphatien für jüdische Menschen, für die faschistische Handlanger und Mördern wie Bandera und Schuchewitsch Helden sind!«

Äh, ja.

Und jetzt zurück zum Thema, OK?

RE: Bidens Kriegspalaver | 23.01.2022 | 11:40

»Die werden sich aber wundern, wenn diese Trickfilm-Waffen dann die Nato in Europa zermalmen---und die Bevölkerun dieser Länder gleich mit.«

Erneut kann ich mich nur bedanken. Das ist wenigstens deutlich. Aber aggressiven Militarismus gibt es nur in den USA. Insofern alles in Ordnung.

RE: Bidens Kriegspalaver | 23.01.2022 | 11:35

»"Banderas" «

Hinzu kommt, dass die kollektive Bezeichnung von Ukrainern als "Banderas" seinen Ursprung in der Stalinzeit hat. Es hat schon ein G'schmäckle, wenn jemand keine Probleme damit hat, wo Stalin bekanntlich neben Hitler und noch 1..2 anderen einer der größten Massenmörder des 20. Jh. war.