Musik aus der Ukraine - Teil 11

Alte Säcke Ukrainische Bands, die noch einen kleinen Rest Sowjetunion erlebt haben
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Rockmusik kam in der Sowjetunion mit ein wenig Verzögerung in die Gänge. Dabei gibt es durchaus sowjetische Klassiker, wie etwa Maschina Wremeni und DDT, die ja beide noch heute aktiv sind. Die Sprache der Rockmusik war durchgängig russisch, auch, wenn einzelne Musiker aus anderssprachigen Republiken, wie etwa der Ukraine oder Belarus stammten. Wie schon in meinem Artikel über Coverversionen erwähnt, war die Nische für ukrainischsprachige Musik eher der (reichlich kitschige) volkstümliche Schlager. Das änderte sich in den letzten Jahren der Sowjetunion langsam, als unter Gorbatschow der Druck der staatlichen Zensur und Kulturfunktionäre etwas nachließ, und die ersten ukrainsichsprachigen Rockbands kamen aus dem Untergrund heraus, um ein etwas breiteres Publikum zu erreichen. Um vier solche Bands, die man quasi als ukrainisch "Klassiker" bezeichnen kann, soll es heute gehen.

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Die älteste der hier vorgestellten Bands hat bereits Wilfried Jonas in seinem ersten Post über ukrainischen Rock vorgestsellt. Da sie aber in einer Aufstellung über "Alte Säcke" nicht fehlen dürfen, erlaube ich mir hier eine kleine Ergänzung. Es handelt sich um Воплі Відоплясова (Vopli Vidoplyasova, kurz VV), gegründet 1986. Neben all den von Wilfried bereits genannten Aspekten finde ich noch die Coverversionen erwähnenswert. Kennt Ihr den hier?

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Ein weiterer Lieblingstitel ist "День Народження" (Den' Narodzhennya - Geburtstag), ach ja, für seine Hemden ist Sänger Oleh Skrypka nicht umsonst auch bekannt:

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Und schließlich kommen wir noch zu den animierten Videos, von denen es einige gibt. Ein absolutes Highlight ist dabei Колискова (Kolyskova - Wiegenlied), wo dem armen Kind alle möglichen bizarren Monster bis hin zu Svyatoslav Vakarchuk, dem Sänger von Okean Elsy (habt Ihr ihn gefunden?) erscheinen:

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Nachdem wir eben eher neueres Material alter Säcke gehört haben, soll sich das hier nun ändern. Die Gruppe Брати Гадюкіни (Braty Hadyukiny) gehört zweifellos zu den Klassikern der ukrainischen Rockmusik. Die Band entstand 1988 in Lviv, und sie wurde schnell bekannt durch exzessive Auftritte, ebenso exzessiven Drogenkonsum der Mitglieder und schließlich deren absurden Humor. Die Band lebte den Rock'n Roll wie andere im Westen auch, und Sänger Serhij Kusminskyj starb 2009 an den Folgen seiner Drogensucht.

Die Sprache, in der die Lieder verfasst waren, war eine Parodie auf die Art, wie auf dem Dorf gesprochen wurde, also eine Art provinzieller Slang, und so etwas hatte man in Rockmusik zu der Zeit ganz einfach noch nirgends gehört. Das hat sicher viel mit dem Selbstverständnis der Band als "Underground" zu tun - literarische ukrainische Sprache wäre hier keine Option gewesen!

Stilistisch lässt sich die Band wohl am besten in der Rock'n Roll Ecke ansiedeln, aber es gibt auch diverse Elemente aus anderen Genres, wie etwa Reggae oder Swing. Hier haben wir ein erstes Video, das schon ziemlich alt ist. Es entstand auf dem ersten Chervona Ruta Festival 1989, einer für damalige Verhältnisse fast schon revolutionäre Lockerung unter Gorbatschow. Das Lied heißt Ой лихо (Oj lykho - Oh, Unglück) und ist ein gutes Beispiel für den schrägen Humor der Band, es handelt von Mykola, der eine Bombe im Dachstuhl hat, die dort 40 Jahre seit dem 2. Weltkrieg verbracht hat:

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Die zweite Aufnahme ist doch schon wieder eher jüngeren Datums, sie entstand 2009. Das Lied ist aber schon alt, und es heißt Міську вважай (Misku vvazhaj - Micha, pass auf). Angesprochen wird hier Mikhail Gorbatschow, dem so einige Absurditäten und was auch unter der Perestrojka nicht funktionierte, aufgelistet werden:

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Zum Schluss haben wir hier noch das legendäre Файне Місто Тернопіль (Fajne Misto Ternopil - Klasse Stadt Ternopil), wo es um einen jungen Drogenfan geht, der nach Ternopil geht, weil es dort immer prima Dope gibt:

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Nummer drei in unserer kleinen Reihe ist Плач Єремії (Platsch Yeremiji), die zwar "erst" 1990 gegründet wurde, deren Musiker aber in der Form auch schon länger zusammen gespielt hatten. Sänger und Autor der meisten Lieder ist Taras Chubaj, Sohn des Dichters Hryhorij Chubaj, der im dichterischen und literarischen ukrainischen Underground der 1960er bis 1980er Jahre einige Bekanntheit hatte. Taras hat in seinen Lieder eine ganze Reihe Gedichte seines Vaters vertont, und mit seiner Band vertritt er eher die künstlerisch-intellektuelle Seite der ukrainischen Klassiker. Dennoch ist das bis heute wohl bekannteste Lied seiner Band nicht von ihm, sondern von seinem Lviver Musikerkollegen Kost Moskalets - es handelt sich um Вона (Vona - Sie), welches in der Ukraine wohl mehr Menschen mitsingen können als die Nationalhymne. In meinem Freundeskreis wird das Lied scherzhaft als "Lied vom Alkoholismus" bezeichnet, es geht um eine Gruppe Freunde, die sich treffen, sich mit billigem Wein zu betrinken, aber er hat nur Augen für sie, die traurig ist, und er will mit seinem Gesang diese Traurigkeit durchbrechen (das Video ist nicht von der Band, einfach Augen zu und lauschen):

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Єхидна (Yekhydna) ist auch ein älterer Titel der Band, auch wenn die Aufnahme hier jüngeren Datums ist. Im Lied wird ein Gedicht von Jurij Andrukhowytsch vertont:

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Und hier haben wir ein weiteres Wiegenlied - Колискова, das anders als bei VV nicht ironisch, sondern zart und romantisch ist. Hier ist meine Übersetzung des Textes:

Schlaf, meine Liebe, alles schläft ein
Gestärkt für die Nacht aus dem Fluss von Milch...
Das Zifferblatt des Weckers, bewachsen mit trockenem Schilf,
träumt leise.

Deine Wiege
schneeweiß lächelnd
- schwang zum Abschied im Wind
schwebte träumend zum Himmel.

Ich flechte Dir Deine Haare für die Nacht
Im Frost des Morgens werde ich mich an Dich schmiegen,
Die Bänder leuchten purpurrot.

Schlaf, meine Liebe, im Haus von Schilf brennt eine Kerze,
die ich entzündet habe - obdachlos.
Eis über Dir, Eis unter Dir.
Die Flamme wärmt die Erinnerung.

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Den Abschluss unserer kleinen Reihe mit alten Säcken bildet die 1989 gegründete Band Скрябін (Skryabin) des 2015 bei einem Autounfall viel zu früh verstorbenen Sängers Andriy "Kusma" Kusmenko. Die Band ist immer ein Spiegelbild der Vielseitigkeit ihres Anführers gewesen, der wirklich so ziemlich alles ausprobiert hat. Anfangs war der Stil eher in der Ecke Synthie-Pop angesiedelt, wie man bei Годинник (Uhr) mit dem eingängigen Refrain Тікай, бо скоро буде війна (Lauf, bald wird es Krieg geben) hören kann:

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Im Jahr 2003 klang die Band dann schon ganz anders, hier ist ВодаВогонь (VodaVohon - WasserFeuer), ein wunderschön romantischer Text:

Feuer und Wasser haben sich getroffen
Feuer und Wasser haben sich ineinander verliebt
Wie Nebel und Rauch haben sich beide umarmt
So wie Rauch und Nebel haben sie sich geküsst.

Tropfen fallen, fallen herab
Funnken reißt es hoch in den Himmel
Du bist Wasser, ich bin Feuer, gib nichts, was Du nicht hast
Du bist Wasser, ich bin Feuer, anders kann es nicht sein

Der Nebel liegt auf dem Boden und ist eingeschlafen
Hat seinen Körper in Tau gewandelt
Und die Funken flogen weit irgendwo nach oben
Haben sich mit den Sternen am Himmel vermischt

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Das letzte Lied, Сам собі країна (Sam sobi krajina) von 2002 ist ein emotionaler Aufruf an die Landsleute, nicht in den Westen zu emigrieren:

Auf Deinen Jeans die amerikanische Flagge
Auf Deinem T-Shirt das kanadische Ahornblatt
In Deinen Augen sieht man nur eine Frage
Wer kann mir sagen, warum ich hier geboren wurde?

Nicht Deine Schuld, dass Du der Sohn Deines Vaters bist
Aber Deine Armut, das nicht wahrhaft sein zu können

Schäme dich nicht, das ist Dein Land
Schäme Dich nicht, das ist die Ukraine
Da, wo wir nicht sind, ist es immer am schönsten
Werde Deinem Vater ein anständiger Sohn

Du kaufst Dir wieder modische deutsche Schuhe
Deine Ohren haben sich längst an fremde Musik gewöhnt
Auf Deinen Lippen sieht man eine schmerzvolle Grimasse
Warum bin ich noch hier - ich will schon lange in die Freiheit!

Nicht Deine Schuld...

Schäme dich nicht...

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Damit sind wir nun auch am Ende unseres kleinen Streifzugs durch die ukrainischen "Klassiker" angekommen. Euch allen ein schönes Wochenende zu hause mit großartiger Musik!

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Musik aus der Ukraine, bisher erschienen:

1.Ukrainische Musik - Hunde im Kosmos von Wilfried Jonas

2. Musik aus der Ukraine - Teil 2 von mbert

3. Ukrainische Musik - Grüße aus dem Exil von Wilfried Jonas

4. Musik aus der Ukraine - Teil 4 von mbert

5.Musik aus der Ukraine - Dütt und datvonWilfried Jonas

6. Musik aus der Ukraine - Teil 6 - Was mit Jazz von mbert

7. Musik aus der Ukraine - Teil 7 - Folk-Metal und Folkrock aus der Ukraine von Wilfried Jonas

8. Musik aus der Ukraine - Teil 8 - Quer durch den Garten von mbert

9. Musik aus der Ukraine - Teil 9 - alles neu: Coverversionen von mbert

10. Musik aus der Ukraine - Teil 10 - Fajne Videos von mbert

12. Musik aus der Ukraine - Teil 12 - Frauenpower von mbert

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15:08 15.05.2020
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mbert

Ukraine - ihre Kultur, Geschichte und Politik
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