Musik aus der Ukraine - Teil 2

Musik aus der Ukraine #2 Wilfried Jonas und ich unterhalten uns oft über ukrainische Musik. Er hat ein paar ukrainische Bands vorgestellt, ich setze das einfach mal aus meiner Perspektive fort.
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Wilfried Jonas und mich verbindet nicht nur die Liebe zur Ukraine, sondern auch zur dortigen Musik. Er hatte vor kurzem in einem Blogpost drei seiner Lieblingsbands aus der Ukraine vorgestellt. Ich will hier einfach mal sein Konzept übernehmen und als "Antwort" quasi einen Teil 2 posten. Schauen wir mal, wie viele Fortsetzungen wir beiden hinbekommen :)

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Мертвий Півень (Mertvyj Piven), gegründet 1989, gehören zu den Pionieren der ukrainischen Rockmusik. Ihr Stil ist im besten Sinne unkommerziell, bekannt wurden sie u.a. dadurch, dass der Schrifsteller und Dichter Jurij Andruchowytsch sie zu seiner "Haus-Band" erwählte und eine ganze Reihe Texte für sie schrieb.

Mein persönlicher Favorit ist "without you", basierend auf einem Andruchowytsch-Gedicht, dabei ist auch das Video sehenswert:

Eingebetteter Medieninhalt Hier ist meine Übersetzung des Textes (Original hier):

Ich würde den Tagen verbieten, ohne dich zu vergehen.
Ihr Ergebnis ist miserabel. Du kommst nicht.
Du bist morgens nicht da, nicht einmal in auch nur irgendeinem Spiegel.
Du kommst mittags nicht. Was soll ich zwischen Nachmittag und Abend tun?

Refrain:
Wieder das verdammte Radio, Fernsehen, verdammte Presse
Die Regierung ist die Regierung - alles verdammte Banditen
Wieder das verdammte Radio, Fernsehen, verdammte Presse
Die Regierung ist die Regierung - alles verdammte Banditen

Am Abend kommst du auch nicht
Ich will wissen was passiert ist, vielleicht warst Du schon auf dem Weg hierher?
Möglicherweise hat Dich jemand gefangen, vielleicht vergewaltigt
Dich nicht zu vergewaltigen ist unmöglich, Dich nicht zu vergewaltigen ist nicht möglich
Denke ich so

Refrain:
Wieder das verdammte Radio, Fernsehen, verdammte Presse
[...]

All das Radio, TV, Presse
Ein Tag ohne Dich ist nur meine mittelmäßige Einsamkeit
Ich liege unter der Decke, ich vergehe
Nirgends ist nichts passiert
Du bist nicht da, Du bist nicht da

Refrain:
Wieder das verdammte Radio, Fernsehen, verdammte Presse
[...]

Die damals hatten sogar Angst, aber die hier sind auch nicht besser

Refrain:
Wieder das verdammte Radio, Fernsehen, verdammte Presse
[...]

Einige bewaffnete Konflikte, ein paar Verräter auf dem Bildschirm
Der Dollar ist gestiegen, der russische Rubel wurde nicht gehandelt.

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Ein zweites Beispiel ist eine Vertonung des Gedichts Ми помрем не в Парижі (wir werden nicht in Paris sterben) von Natalka Bilozerkiwez. In dieser Aufnahme hat Kascha Saltsova einen kleinen Gastauftritt. Im Lied, der Text stammt schon aus sowjetischen Zeiten, geht es darum, dass Menschen nicht in fremde Länder reisen konnten - Paris ist dabei das Synonym für die ferne Stadt, in der die Dichter und Künstler leben.

Eingebetteter Medieninhalt Hier ist meine Übersetzung des Textes (Original hier):

Linien, Gerüche, Farben und Klänge geraten in Vergessenheit
Das Sehen wir schwächer, das Hören schlechter, und die Freude am Einfachen vergeht
Mit der Seele streckst Du Gesicht und Hände aus
Aber hoch und unerreichbar ist sie davongeflogen

Es bleibt nur der Bahnhof auf der letzten Plattform
Grauer Schaum des Abschieds kringelt sich, riecht und hier
wäscht er schon meine wehrlosen Hände aus
Und kriecht ekelhaft süß und warm in den Mund
Es bleibt Liebe, aber besser gewesen wäre es ohne sie

Im Provinzbett weinte ich, bis ich müde war
Und ekelhaft schaute der rote Flieder durchs Fenster
Der Zug bewegte sich gleichmäßig, und Verliebte schauten einander leblos an
Als ob unter Deinem Körper die schmutzige Pritsche erstickte
Es verging und beruhigte sich der banale Bahnhofs-Frühling

Wir werden nicht in Paris sterben, jetzt weiß ich es definitiv
Im Provinzbett, das mit Schweiß durchsetzt ist
Und Deinen Cognac wird Dir niemand geben, das weiß ich
Niemand wird uns den letzten Kuss geben
Unter der Brücke Mirabeau teilen sich nicht die Ringe der Dunkelheit

Zu bitterlich weinten wir und beschimpften die Natur
Zu stark liebten wir unsere Liebsten, so dass sie sich schon schämten
Schrieben zu viele Gedichte, die wahren Poeten peinlich wären
Uns würden sie nicht erlauben, in Paris zu sterben, und das Wasser
unter der Brücke Mirabeau werden sie umringen in einem engen Konvoi

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Perkalaba sind sozusagen die Urväter eines in der Ukraine sehr populäres Genres: Ska mit Folklore-Elementen. Die Band tourt immer noch, allerdings ist sie nach dem Tod von Sänger Andrij Fedotov nur noch ein Schatten früherer Exzesse und musikalischer Energie. Die Band kombiniert Ska (was ja im Grunde auch nichts anderes ist als Polka, nur etwas schneller gespielt und mit anderen Instrumenten) mit Elementen traditioneller Musik aus ihrer Heimat in den Karpaten.

Mein persönlicher Favorit ist ihre Version der Titelmusik der alten polnischen Fernsehserie "Vier Panzersoldaten und ein Hund":

Eingebetteter Medieninhalt Absolut genial ist auch dieses Video einer Hochzeit bei den Hutsulen. In den Karpaten - mit passender klanglicher Untermalung. Es kommen jede Menge typischer Elemente von Tradition und Volksglauben vor, erotische Anspielungen, Monster, und es wird natürlich gefeiert:

Eingebetteter Medieninhalt

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Pan Pupets (Herr Bauchnabel) dürfen das heutige Trio abrunden. Die Band aus Ivano-Frankivsk spielt Punkrock, gern auch mit leichten Rockabilly-Elementen, die mich - zumindest was das Verfremden und das anarchische Element betrifft - manchmal ein wenig an die legendären Cramps erinnern.

Titel 1 ist ein (wohl nicht ganz ernst gemeintes) Loblied auf den Schlagersänger Pavlo Sibrov, der nicht nur optisch ein wenig an Wolfgang Petry erinnert:

Eingebetteter Medieninhalt Titel 2 handelt von dem, was Punks auch in der Ukraine mal ganz gern machen: feiern und saufen. Der Titel ist ein Wortspiel, das sich nicht so ganz leicht übersetzen lässt, also mal ohne die Originalität des Originals: "Freitag - Jungstag, Samstag - Kotze". Ab dafür.

Eingebetteter Medieninhalt

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Musik aus der Ukraine, bisher erschienen:

1. Ukrainische Musik - Hunde im Kosmos von Wilfried Jonas

2. Musik aus der Ukraine - Teil 2 von mbert

3. Ukrainische Musik - Grüße aus dem Exil von Wilfried Jonas

4. Musik aus der Ukraine - Teil 4 von mbert

21:45 22.01.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

mbert

Ukraine - ihre Kultur, Geschichte und Politik
mbert

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