Musik aus der Ukraine - Teil 9

Alles neu: Coverversionen Im heutigen Special geht es darum, was ukrainische Rockmusiker aus alten Liedern gemacht haben. Einige der "Originale" sind sowjetische Schlager, einige neueren Datums.
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Weil Wilfried Jonas aktuell keine Zeit findet, setzte ich unsere kleine Reihe jetzt einfach einmal selber fort. Coverversionen sind ja überall in der Welt ein dankbares Thema - wenn man mal von Acts wie Wolfgang Petry absieht :)

Heute soll es um Aufnahmen gehen, wo altes Material auf besonders kreative Weise neu interpretiert wurde, immer erst das Original und dann die Neuinterpretation. Manche hier mögen sich an die Polka-Versionen englischsprachiger Titel der Ternopiler Band Los Colorados erinnern (Wilfried hatte die ja schon in Teil 5 vorgestellt), aber die kennt Ihr ja nun schon, so now for something completely different!

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Den Anfang macht ein alter sowjetischer Schlager - Києве мій (Kyeve mij - mein Kyiv). Laut Wikipedia (siehe auch dort für eine Übersetzung des Texts ins Englische) wurde das Lied 1962 von Jurij Gulyayev uraufgeführt. Das klang damals so:

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Im Jahr 2011 entstand ein Dokumentarfilm über die Ultras der ukrainischen Erstliga-Fußballclubs: Останний Аргумент (Ostannyj Arhument - das letzte Argument, online verfügbar z.B. hier). Als Soundtrack dieses Films nahm die Band Gogol Bordello, eine US-Zigeunerpunk-Band deren Sänger, Eugene Gudz, aus der Ukraine stammt, eine "etwas andere" Version des Lieds auf, die im Video mit Szenen aus dem Film unterlegt waren. Willkommen in einer ganz anderen Welt (am besten im Vollbild!):

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Weiter geht es mit einem Lied, das noch gar nicht so alt ist und sicher nicht im Verdacht steht, ein Schlager oder kitschig zu sein. Die ukrainische Hutsulen-Ska-Band Perkalaba (ich schrieb über die ja schon im Teil 2 unserer kleinen Reihe) veröffentlichte 2004 die - wie sie es nannte - "städtische Folk-Ballade" Ау-Уа (Au-Ua, ein humoristisch-sinnfreier Text, der auf diversen absurden Wortspielereien basiert). Das Original vom Album kann man sich hier anhören, einbetten möchte ich aber doch ein anderes, ein Konzert in einem fahrenden Bus, das ganz gut die Magie zeigt, die von der Band und ihrem leider verstorbenen Sänger Andrij Fedotov ausging:

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Ein bisschen später gab es eine völlige Neuinterpretation durch eine andere ukrainische Kult-Band, DakhaBrakha. DakhaBrakha ist ein Avantgarde-Projekt, das seine Wurzeln im Дах-Theater (Dakh-Theater) in Kyiv hat, ihren Stil bezeichnet die Band als "Ethno-Chaos". Hier ist nun deren Interpretation der alten Perkalaba-Nummer:

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Beim nächsten Lied begeben wir uns mit einem Schritt auf das Terrain des ukrainischen Schlagers. Die aus Moldawien stammende Sängerin Sofiya Rotaru war schon zu sowjetischen Zeiten eine Legende. Etwa sang sie im Jahr 1971 das Liebeslied Червона Рута (Tschernova Ruta - Weinraute, eine wohlriechende Pflanze) des später ermordeten Komponisten Volodymyr Ivasjuk, welches heute fast so eine Art inoffizielle Nationalhymne der Ukraine geworden ist und auf keiner Hochzeit fehlt. Im Jahr 2003 veröffentlichte Rotaru das Lied Одна Калина (Odna Kalyna - ein Drosselbeerstrauch), das im Grunde eine Art melancholisch-patriotisches Trinklied ist:

Traurig, völlig traurig,
schau mich nicht an, spiel, Musik, spiel!
Eiskalt, eiskalt in der Seele,
Nimm Dir, was Du willst, nur eines lass mir:

Ein Drosselbeerstrauch vor dem Haus,
eine Familie um den Tisch,
einen Pfad, dass ich allein nach hause finde,
eine Liebe, die ein Leben lang hält,
ein Kummer zum Vergessen,
und die Ukraine, weil es nun einmal eine andere nicht gibt!

Traurig, völlig traurig,
aber warum weinst Du denn, spiel, Musik, spiel!
ein Tropfen wird die Gram nicht wegspülen,
schenk ein, Kosak, denn wir haben noch etwas:

Ein Drosselbeerstrauch vor dem Haus,
[...]

Traurig, so dass ich nicht einschlafen kann,
besser, ich denke an meinen Frühling,
ich gehe bis hinter den Horizont,
zum ersten wie zum letzten Mal - spiel, Musik, spiel!

Ein Drosselbeerstrauch vor dem Haus,
[...]

Manch einer kennt ja dieses Gefühl, wo man schon einiges intus hat und sich nicht so ganz sicher ist, ob es einem gut oder schlecht geht. Sofia scheint es dabei eher gut gegangen zu sein, wie man nun hören kann:

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Nun ist diese Art von Musik wohl nicht unbedingt jedermann's Sache. Ziemlich genau 10 Jahre nach dem Original kam dann GrozovSka Band, ein Projekt der Musikerin, Künstlerin, Autorin und Kuratorin Olena Grosovska, die den Text las und sich dabei wohl ihren Teil dachte. Das Resultat ist eines der wohl schönsten von ukrainischen Musikern auf youtube hochgeladenen Videos und eine musikalische Interpretation, die vielleicht doch ein kleines bisschen näher an der ursprünglichen Stimmung des Textes ist als das Original, ebenfalls am besten im Vollbild zu genießen:

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Ukrainischsprachige Kultur hatte es in der Sowjetunion meist schwer, u.a. wohl, weil man immer eine gewisse Angst vor einem möglichen ukrainischen Unabhängigkeitsstreben hatte. Generell unverdächtig war - Kitsch. Entsprechend entwickelte sich in den 1980er Jahren in der sowjetischen Ukraine ein Genre, das man durchaus als Vorgänger von Florian Silbereisen und den Wildecker Herzbuben hierzulande betrachten kann. Harmlose Lieder, die meist von Liebe und Natur handelten und im noch harmloseren Bumza-Stil daherkamen, durften dann auch von Interpreten in ukrainischen Nationaltrachten vorgetragen werden, je oller, je doller. Aus dieser Zeit stammt das folgende Lied - Розлук не буде (Rosluk ne bude - sinngemäß: wir werden uns niemals trennen), vorgetragen von Ivan Popovytsch aus dem Jahr 1987:

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Und genau dieses Lied fand ich heute auf der Facebookseite von Mar'yan Pryrozhok, dem Sänger und musikalischen Kopf des Гич Оркестр (die ich ja in Teil 8 vorgestellt hatte), einen kleinen Gruß, der uns die Coronavirus-Quarantäne etwas erträglicher machen will:

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Mit diesem Lied können wir nun alle gut ins Wochenende starten. Ich wünsche Euch allen, dass Ihr gesund bleibt in diesen schweren Tagen, bleibt zu hause und hört großartige Musik!

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Musik aus der Ukraine, bisher erschienen:

1. Ukrainische Musik - Hunde im Kosmos von Wilfried Jonas

2. Musik aus der Ukraine - Teil 2 von mbert

3. Ukrainische Musik - Grüße aus dem Exil von Wilfried Jonas

4. Musik aus der Ukraine - Teil 4 von mbert

5. Musik aus der Ukraine - Dütt und dat von Wilfried Jonas

6. Musik aus der Ukraine - Teil 6 - Was mit Jazz von mbert

7. Musik aus der Ukraine - Teil 7 - Folk-Metal und Folkrock aus der Ukraine von Wilfried Jonas

8. Musik aus der Ukraine - Teil 8 - Quer durch den Garten von mbert

9. Musik aus der Ukraine - Teil 9 - alles neu: Coverversionen von mbert

10. Musik aus der Ukraine - Teil 10 - Fajne Videos von mbert

11. Musik aus der Ukraine - Teil 11 - Alte Säcke von mbert

12. Musik aus der Ukraine - Teil 12 - Frauenpower von mbert

15:28 21.03.2020
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Geschrieben von

mbert

Ukraine - ihre Kultur, Geschichte und Politik
mbert

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