Northern Soul

You see, Robin, I've been searching for the young soul rebels, I've been searching everywhere, and I can't find them anywhere, where have you hidden them?

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Kevin Rowland und die Dexy Mindnight Runners zur Entstehungszeit von „Fame“
Kevin Rowland und die Dexy Mindnight Runners zur Entstehungszeit von „Fame“

Foto: Imago/Zuma Wire

Es begann mit Schaulandt. Dorthin machte ich Ende der 1980er Jahre Freitags auf dem Weg von der Arbeit häufiger halt, um für mein knappes Gehalt erschwingliches Vinyl zu erstehen. Das waren vor allem schon nicht mehr ganz frische Alben, die dann über das Label „Fame“ günstig zu haben waren. Und so traf es sich, dass ich dort eher zufällig etwas kaufte, was, wie sich später herausstellte - ungelogen! - das beste Album aller Zeiten war.

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Das fing mit dem Cover an. Es hatte einfach alles: Drama, Tragik, dabei aber auch Aufbruch. Sänger und Kopf der Band Kevin Rowland hatte nach einem Bild von Aufruhr gesucht. Und genau das war dieses Photo von 1971, das einen durch Unruhen aus seiner Heimat in Belfast vertriebenen 13-jährigen katholischen Jungen zeigte. Folgerichtig bekam das beste Album aller Zeiten nun auch noch das beste Cover aller Zeiten. Gut, das ist meine Sicht der Dinge, aber Rowland, von dem ein übertriebener Hang zur Bescheidenheit nicht überliefert ist, wäre dieser Sicht vielleicht nicht ganz abgeneigt, sollte er das hier je zu lesen bekommen.

Schon die Entstehungsgeschichte dieses dann schließlich 1980 veröffentlichten Meisterwerks war voller Drama. Dexys Midnight Runners hatten vor Beginn der Aufnahmen bereits einige Jahre existiert und es mit Liveauftritten zu einiger Bekanntheit gebracht. Dreh- und Angelpunkt war Sänger und Songwriter Kevin Rowland, der die in einem Castingprozess zusammengestellte Gruppe auf diktatorische Art leitete. Rowland hatte eine sowohl musikalische wie auch visuelle Vision, in der sich Elemente aus Pop, Punkrock und Northern Soul trafen. Die neunköpfige Rockband mit drei Bläsern probte angetrieben vom pedantisch auf jedes Detail achtenden Rowland 9 Stunden am Tag, und die Mitglieder mussten sich einem detaillierten Verhaltenskodex unterwerfen.

Für bessere Bezahlung die Aufnahmen stehlen

Nachdem im frisch mit EMI unterzeichneten Vertrag die Musiker nur sechs Prozent als Tantiemen erhalten sollten, stellte Rowland kurz vor Abschluss der Studioarbeit seine Plattenfirma vor ein Ultimatum: mehr Geld, oder die Band würde die Aufnahmen zum Album stehlen. Das tat die Band dann auch tatsächlich – in einem unbemerkten Moment rannten die Musiker mit den Tonbändern beladen durch das Studio und warfen alles in einen Fluchtwagen, mit dem sie dann das Weite suchten. Erst nachdem EMI schließlich einer Erhöhung auf (immer noch eher bescheidene) neun Prozent zugestimmt hatte, wurde das Material zurückgegeben und konnte veröffentlicht werden.

Das Resultat war grandios und rechtfertigte all das Drama, Pedanterie und diktatorischen Führungsstil. „Geno“, eine Hommage an den Soulsänger Geno Washington, wurde ein internationaler Hit, der wochenlang an erster Stelle vieler Hitparaden stand. Aber das eigentliche Kunstwerk war das ganze Album, seine Intensität, sein Spannungsbogen und seine stilistische Originalität, was ihm vollkommen verdient einen Eintrag in 1001 Albums You Must Hear Before You Die einbrachte.

Natürlich hatte ich, bevor ich bei Schaulandt das Cover bewunderte, bereits die Hitsingle „Geno“ gekannt, die mir seinerzeit gefallen, mich aber nicht gleich zu einem Fan der Band gemacht hatte. Gut, ich war 1980 auch noch ein wenig zu jung, um die Klasse allein dieses Lieds wirklich begreifen zu können. Tatsächlich war es das schon oben erwähnte beste Cover aller Zeiten, welches mich nicht losließ, so dass ich dann um 9 Mark 90 erleichtert mit einer flachen Plastiktüte in der Hand nach hause kam. Als mir dann wenig später die ersten Töne entgegenschlugen, wusste ich, dass ich alles richtig gemacht hatte:

(....grmzwlsl...)
we all came out to Montreux

(....grmzwlsl...)
now I got a reason, now I got a reason, now I got a reason and I'm still waiting, now I got a reason, now I got a reason

(....grmzwlsl...)
working for the rat race, you're no friend of mine, you plan your con...

Jimmy (yeah!)
Al (yeah!)
For God's sake, burn it down.

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Whooosh. Shut it You don't understand it / Shut it That's not the way I planned it / Shut your fucking mouth 'til you know the truth. Kann man hiernach überhaupt noch ein Wort sagen, geschweige denn singen, ohne am Ende vielleicht alles zu verderben? Man kann, zumindest wenn man Kevin Rowland heißt.

Es geht etwas souliger weiter mit Tell me when my light turns green, bevor dann bereits das aus ganzen drei Titeln bestehende Finale von Seite 1 (ja, so etwas gibt es bei Vinyl) eingeläutet wird: The Teams That Meet in Caffs, der einzige Instrumentaltitel des Albums, gefolgt von so etwas wie einem Blues, der durch die aprupten Einsätze der Bläsersektion – sicher nicht unbeabsichtigt – die legendären Blood Sweat & Tears zitiert:

Youre looking to win it, but not taking it in...

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People are saying, youre losing your feel / Pretend you dont hear / Holed up in white Harlem, your conscience and you /You might need sympathy but thats not what Id tell you / Your winning day was long ago / Dont let it show.

In allen Playlisten der Welt muss eingemeißelt sein – jawohl! – dass nun, unmittelbar danach, nichts anderes kommen darf, nein: kann, als:

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Es passt zur Einzigartigkeit dieses Albums und auch zu dieser Band, dass danach nie wieder etwas vergleichbares kam. Rowland beschloss nach einigen wenig schmeichelhaften Artikeln in der Musikpresse einen Boykott: Keine Interviews, nicht einmal Anzeigen durften noch geschaltet werden. Es folgten Konflikte innerhalb des Kollektivs, woraufhin einige Musiker ausstiegen. Nur wenige Monate nach Veröffentlichung des Albums waren "Dexys Mark I" bereits Geschichte. Es folgten weitere Inkarnationen in jeweils neu zusammengestellten Besetzungen, mit denen sich auch der Stil der Band änderte. Bei dem nächsten großen Hit der Band, Come on, Eileen, dominierte musikalisch eine Violine und optisch eine Art New-Romantic-Vagabunden-Look - keine Spur mehr von der Fusion aus Northern Soul und Punk. Aber eigentlich war das auch gut so, denn nach diesem Meisterwerk konnte alles, was eine Fortsetzung sein wollte, nur in einer Enttäuschung enden.

Wir überspringen einige großartige Titel auf Seite 2, um ganz an deren Ende einem Brief zu lauschen. Der Adressat ist der fiktive Musiker Robin, der die wahren Ideale verraten hat und für Rowland die Unehrlichkeit in der Musikszene symbolisiert:

Dear Robin, I would explain but you'd never see in a million years.
Well, you've made your rules, but we don't know that game, perhaps I'd listen to your records but your logic's far too lame and I'd only waste three valuable minutes of my life with your insincerity.

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P.S. Old clothes do not make a tortured artist.

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Geschrieben von

mbert

Ukraine, Musik

mbert