Aus den Augen, aus dem Sinn?

Social distancing Die Verwendung von „räumlicher“ statt „sozialer“ Distanzierung unterstützt die Illusion, man könne Menschen mittels sozialer Medien nah bleiben. Eine Sprachanalyse
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Aus den Augen, aus dem Sinn?
Auch viele Kirchen versuchen mit den Sozialen Medien, ihren Anhänger „näher“ zu sein

Foto: Lisa Maree Williams/Getty Images

„Ich möchte, dass du vorbeikommst und wir uns sehen!“

Vashti blickte auf sein Gesicht in dem blauen Bildschirm.

„Aber wir sehen uns doch!“ rief sie. „Was willst du noch mehr?“

Dieser kurze Austausch könnte so täglich in irgendeinem Wohnzimmer stattfinden. Er stammt allerdings aus dem Werk Die Maschine steht still von Edward M. Forster, zuerst veröffentlicht: 1909. In der Geschichte sind Menschen nicht mehr in der Lage, an der Erdoberfläche zu leben; Reisen und Besuche sind möglich und erlaubt, aber riskant und durch Videokonferenz-Software unnötig geworden; Menschen verbringen ihren Tag damit, über Videobeiträge zu verschiedenen Themen ihr Wissen zu teilen. Die dystopische Kurzgeschichte hat im Zeitalter von Facebook, Skype, Youtube und Instagram ihr prophetisches Potenzial bewiesen wie nie zuvor, bekommt aber gerade jetzt in der durch die Corona-Krise vorgeschriebenen Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren eine neue Relevanz. Die Distanzierungsmaßnahmen, zu der wir aufgefordert werden, rücken mehr als zuvor die Möglichkeiten und Grenzen von Technologie in menschlichen Beziehungen ins Licht.

Seit Beginn der Corona-Krise hat sich der Begriff der „sozialen Distanzierung“ etabliert; das Robert-Koch-Institut rief am 11. März dazu auf. Der deutsche Begriff ist eine Entlehnung vom Englischen social distancing. Hierbei wird zunächst einmal eine Übersetzungsproblematik sichtbar, die auch schon bei der Übertragung des Begriffs social network/media als „soziale Netzwerke/Medien“ auftritt: Während im Englischen und im Deutschen die Grundbedeutung von social bzw. sozial gleich ist („die Gesellschaft, das Zusammenleben betreffend“, Duden), gibt es im Englischen bei dem Wort social die zusätzliche Bedeutung „relating to meeting people, forming relationships with them, and spending time with them“ (Longman Dictionary).

Im Duden findet sich eine solche Bedeutung nicht, dafür hat das Deutsche die Zusatzbedeutung „dem Gemeinwohl, der Allgemeinheit dienend“. Dieser kleine aber feine Bedeutungsunterschied wird deutlicher, wenn man die Verbformen dieser Adjektive betrachtet: to socialise hat als erste Bedeutung „to spend time with other people in a friendly way“ (Longman), eine Bedeutung die es beim deutschen Wort sozialisieren nicht gibt (Duden). Auch die unterschiedlichen Konnotationen des Adjektivs in soziale Einrichtungen und soziale Netzwerke verdeutlichen die Lage.

Aus übersetzungswissenschaftlicher Sicht ist die angenommene Äquivalenz zwischen social distancing und soziale Distanzierung also interessant. Während man den englischen Begriff sowohl als „Distanzierung, die dem Allgemeinwohl dient“, als auch als „Distanzierung bezogen auf unsere Beziehungen“ verstehen kann, bleibt im Deutschen eigentlich nur die erstere Bedeutung, es sei denn man behält die semantische Erweiterung von sozial im Begriff soziale Netzwerke im Kopf und leitet daraus die zweite Bedeutung ab.

Social oder physical distancing?

Nun gibt es Stimmen, die den Begriff social distancing kritisieren. Sie behaupten, das, was wir bräuchten, sei nur physical distancing („räumliche Distanzierung“); die moderne Technologie erlaube es uns, den sozialen Kontakt aufrecht zu erhalten und die soziale Isolation einzelner Personen zu vermeiden. Es wird zum Beispiel dazu geraten, soziale Kontakte per Telefon und sozialer Medien zu pflegen, obwohl man sich auch ein Limit für die Nutzung letzterer setzen sollte. Man könnte entgegnen, dass dieser Kritik eine Einengung des Begriffes social distancing auf den oben beschriebenen ersten Sinn zugrunde liegt, während die Bedeutung „Distanzierung, die der Allgemeinheit dient“ vergessen wird.

Soziale Distanzierung scheint mir jedoch langfristig der bessere Begriff zu sein als räumliche Distanzierung. Dies liegt nicht nur daran, dass letzterer den „sozialen“ Zweck der Distanzierung, der besonders im Deutschen durchaus so interpretierbar ist, unterschlägt. Man könnte außerdem aus sprachwissenschaftlicher Sicht behaupten, dass jede soziale Distanzierung immer auch eine räumliche Distanzierung beinhaltet. Wer sich im Alltag räumlich distanziert verhält, verhält sich dadurch auch sozial distanziert, was das gesellschaftliche Zusammenleben betrifft. Wer sich zu seinen sozialen Beziehungen und Partnerschaften räumlich distanziert, distanziert sich unweigerlich auch sozial. Wer schon einmal eine Fernbeziehung geführt hat, oder auch nur vom Ausland aus mit befreundeten Menschen in Kontakt bleiben wollte, weiß, dass emotionale Beziehungen, die gerade jetzt so wichtig sind, über Technologie nur schwer aufrecht zu erhalten sind. Die Redensart „Aus den Augen, aus dem Sinn“, die dieses Grundproblem menschlicher Beziehungen ausdrückt, existiert wohl in beinahe jeder Sprache („out of sight, out of mind“; „ojos que no ven, corazón que no siente“; „眼不見,心不煩“, „البعيد عن العين بعيد عن القلب“; „с глаз долой — из сердца вон“).

Beziehungen ohne räumliche Nähe: Eine Illusion

Was bei der Befürwortung des räumlichen Distanzierungsbegriffs wohl eher gemeint ist, ist die Vermeidung einer „kommunikativen Distanzierung“, dass man also den Kontakt mit Leuten nicht abbrechen sollte, obwohl man sich nicht sieht. Natürlich ist dies eine wichtige Botschaft, gerade in dieser Zeit. Allerdings halte ich es für falsch, darüber hinaus einen Zustand der Kontaktsperre zu normalisieren, indem man darauf verweist, dass man ja nur räumlich distanziert sei. Eine Unterscheidung der Begriffe räumliche Distanzierung bzw. physical distancing von sozialer Distanzierung drückt die Illusion aus, dass man soziale Kontakte aufrecht erhalten kann, während man sich räumlich fern bleibt. Und dies ist, machen wir uns nichts vor, nur schwer, wenn überhaupt, möglich.

An die Notwendigkeit der Nähe für menschliche Beziehungen zu erinnern ist wichtig in Zeiten, wo Menschen immer mehr Zeit in sozialen Medien verbringen und wir uns soziale Vernetztheit vorgaukeln, uns jedoch einsamer als je zuvor fühlen. Die Alterseinsamkeit ist eine immer größere Sorge alter Menschen und ein Problem, das jetzt in Form von Covid19-Opfern, die in Altenheimen und Privatwohnungen zurückgelassen wurden, deutlich zu Tage tritt. Die Wichtigkeit menschlicher Nähe sollte gerade in diesen Zeiten, wo mit Kontaktsperren und Zwangsquarantäne experimentiert wird und #StayTheFuckHome einen immensen sozialen Druck aufbaut, nicht vergessen werden. Eines Tages könnte die globale Erwärmung, die wir auch weiterhin ignorieren, das von E. M. Forster entworfenen Szenario tatsächlich herbeiführen. Solange wir allerdings noch einen Einfluss darauf haben, sollten wir die Maßnahmen, die wir zur Zeit erleben, auf absolute Notfälle beschränken. Wir sollten die Coronakrise nicht dafür nutzen, die Illusion der sozialen Vernetzung auf Distanz zu untermauern, sondern gerade aus der Distanzierung wieder zu lernen, wie wichtig der persönliche Kontakt zu unseren Mitmenschen ist.

Dies ist eine etwas erweiterte Form des Beitrags Eine Kritik der Begriffe “soziale” und “räumliche” Distanzierung, zuerst erschienen bei Lingdrafts: Linguistische Werkstattberichte (lingdrafts.hypotheses.org/1551).

14:39 08.04.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mario Bisiada

Als Linguist interessiere ich mich für vergleichende Analyse von Sprache in politischen Diskursen Europas, z.B. zu Metaphern oder Framing
Mario Bisiada

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