Eine Metapher, sie zu knechten

Sprache & Politik Die Benutzung der Metapher “Hausaufgaben machen” suggeriert ungleiche Machtverhältnisse und ersetzt Debatte durch moralische Verpflichtung. So fördert sie den Populismus
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Eine Metapher, sie zu knechten
Im englischen Sprachgebrauch etablierte sich der Ausdruck in den 1960er Jahren

Foto: George Marks/Retrofile/Getty Images

Die Wendung, jemand habe „seine Hausaufgaben (nicht) gemacht“, erfreut sich immer wieder einer großen Beliebtheit in Diskursen über Wirtschaft, taucht aber auch zuverlässig in politischen Debatten und Wahlkämpfen auf. Die Bandbreite der Anwendung geht von einzelnen Personen bis hin zu ganzen Zivilisationen, wenn z.B. Hamed Abdel Samad im FOCUS schreibt, „die arabische Welt hat jahrhundertelang ihre Hausaufgaben nicht gemacht“. Auch in anderen Sprachen findet sich die Wendung: Donald Trump wird immer wieder dazu aufgefordert („Trump should do his nuke deal homework“) und Südeuropäer, die immer wieder zu hören bekommen haben, dass sie endlich ihre Hausaufgaben machen sollen, erinnern mittlerweile daran, dass nicht nur sie Hausaufgaben machen müssen.

Neu ist der Ausdruck nicht; er kann zum Beispiel in Reden im britischen Parlament schon in den 30er Jahren nachgewiesen werden und wird in den 60er Jahren dort konventionell verwendet. Deutsche Kanzler wie Helmut Kohl und Gerhard Schröder verwendeten ihn regelmäßig und auch Wolfgang Schäuble wird immer wieder damit zitiert. Auch unter Journalisten findet er häufig Anwendung, wie man mit einer einfachen Archivsuche in Zeitungen verschiedener Sprachen bestätigen kann.

Basierend auf einer Studie öffentlich zugänglicher Sammlungen englischer und deutscher journalistischer Texte sowie Reden des britischen Parlaments des letzten Jahrhunderts lässt sich folgendes über die Entstehung der Metapher sagen: Im untersuchten englischen Sprachgebrauch etabliert sich der Ausdruck in den 1960er Jahren, während er in den deutschen Quellen erst in den 1980er Jahren häufig verwendet wird. In den englischen Texten wird der Ausdruck zumeist dazu verwendet, zu sagen, dass man selbst oder jemand anders seine Hausaufgaben gemacht hat, was die Absicht einer positiven Eigendarstellung verfolgt. In den deutschen Texten dagegen finden sich mehr Belege für die Verwendung, dass jemand seine Hausaufgaben nicht gemacht hat, also in Form einer Kritik.

Die Wendung „Hausaufgaben machen“ hat in der deutschen Diskursgemeinschaft möglicherweise starken Anklang gefunden, da man, wie Robert Marquand im Christian Science Monitor argumentiert, der Überzeugung ist, durch „harte Arbeit, Kenntnis von Nischenmärkten und, wie man hier oft sagt, das Erledigen seiner Hausaufgaben“ zu einer starken Industrienation aufgestiegen zu sein und dies nun auch von anderen Ländern erwartet.

Mehr als nur eine Floskel

Während es allerdings ein Leichtes wäre, die Wendung als harmlose Floskel abzutun, zeigt eine eingehendere Analyse ihres Effekts, dass sie potentiell weitreichende Auswirkungen haben kann. Schon Rita Süssmuth kritisierte ihre Verwendung dafür, dass sie der Öffentlichkeit vermittele, dass „komplizierteste ökonomische und strukturelle Vorbereitungen für die Weiterentwicklung der EU“ von „faulen Schülern“ verschleppt würden. Weiterhin suggeriert die Wendung Arroganz: „Diese Überheblichkeit, der Schulmeisterton, dieses ewige ‚Die anderen müssen ihre Hausaufgaben machen.‘“; so wird Helmut Kohls Kritik 2011 am außenpolitischen Stil Merkels im Freitag zusammengefasst. 2015 war der Begriff unter den Kandidaten für das Unwort des Jahres. In der Begründung schrieb die Jury, durch seine ständige Verwendung als „breiter politischer Konsensausdruck“

degradiert das Wort souveräne Staaten bzw. deren demokratisch gewählte Regierungen zu unmündigen Schulkindern: Ein Europa, in dem „Lehrer“ „Hausaufgaben“ verteilen und die „Schüler“ zurechtweisen, die diese nicht „erledigen“, entspringt einer Schule der Arroganz und nicht der Gemeinschaft. Das Wort ist deshalb als gegen die Prinzipien eines demokratischen Zusammenlebens in Europa verstoßend zu kritisieren.

Rhetorisch betrachtet kombiniert der Ausdruck „Hausaufgaben machen“ zwei sprachliche Mittel: Er ist metaphorisch, da wirtschaftliche oder politische Vorgänge mit einem Wort aus dem Bereich der Pädagogik beschrieben werden, und er drückt eine Untertreibung aus, da potentiell komplexe und weitreichende Umstände einer politischen oder wirtschaftlichen Forderung als Schularbeit dargestellt werden. Vielleicht ist es diese doppelt vereinfachende Wirkung des Ausdrucks „Hausaufgaben machen“, die sie besonders effektiv macht: Mit ihrer Anwendung wird der öffentlichen Wahrnehmung suggeriert, dass die Erledigung bestimmter Angelegenheiten nicht zu hinterfragen und eigentlich ganz simpel ist, wenn die anderen nicht so faul wären.

Nun muss man sagen, dass die Verwendung von Metaphern im öffentlichen Diskurs im Prinzip nichts Verwerfliches ist. In ihrem Buch Leben in Metaphern erklären die Sprachwissenschaftler George Lakoff und Mark Johnson, dass Metaphern dazu dienen können, mit einem klar definierten und abgegrenzten Begriff einen anderen zu erklären, der vielleicht nicht so leicht zugänglich ist. Dies macht metaphorische Sprache bisweilen unumgänglich im Journalismus oder in der Wissenschaft, wo komplexe Sachverhalte vereinfacht dargestellt und erklärt werden sollen. Gleichzeitig bedeutet dieses vereinfachende Potential aber auch, dass die Leserschaft absichtlich manipuliert werden kann. Die Aufforderung dazu, „Hausaufgaben zu machen“, lädt eher nicht zu einer Debatte von Argumenten ein, sondern stellt Forderungen als moralisch unanfechtbar dar. Der Nutzer dieser Metapher erhebt sich somit in eine Art pädagogische Position, die ihn zur Erziehung des Adressaten berechtigt darstellen soll.

Pädagogische Metaphern gegen die Debattenkultur

Metaphern aus dem Bereich Pädagogik haben gemeinsam, dass sie eine Schüler-Lehrer-Situation schaffen und somit ein Machtgefälle zwischen den Parteien, die Hausaufgaben „aufgeben“ einerseits, und denen, die sie machen sollen andererseits, erzeugt, wie Irene Bernabeu für den sprachwissenschaftlichen Blog El lenguaje de(sde) la crisis anhand vieler Beispiele aus dem Kontext der Wirtschaftskrise in Spanien illustriert. Wird also eine komplexe politische Debatte als Klassenzimmersituation betrachtet, verschwindet die Notwendigkeit an Diskussionen darüber, ob eine bestimmte Forderung gerecht, gut durchdacht und passend für ein bestimmtes Land ist, da man im Klassenzimmer nichts hinterfragt, sondern tut, was der Lehrer sagt.

Nils Markwardt schreibt in der ZEIT, dass Metaphern, die den derzeitigen Stand einer Krise beschreiben, normalerweise aus den Bereichen Gesundheit oder Natur stammen, während der Diskurs über Lösungen der Krise eher auf hauswirtschaftliche oder eben pädagogische Metaphern zurückzugreifen scheint. Er nennt hier „Hausaufgaben“ machen und „Lektionen“ lernen. In einer sprachübergreifenden Untersuchung findet sich weiterhin häufig der Ausdruck Musterschüler in deutschen, englischen (model pupil) und spanischen (alumno modelo) Presseartikeln, oft in Verbindung mit dem Hinweis auf eine „Klasse“, in die die anderen zurückkehren sollen, die nicht als Musterschüler gelten.

Man könnte das Auftauchen dieser pädagogischen Metaphern darauf zurückführen, dass einfach versucht wird, im Wortfeld der Metapher „Hausaufgaben machen“ zu bleiben. Doch in bestimmten Verwendungen pädagogischer Metaphern steckt immer auch ein gewisser Ausdruck von Konkurrenzdenken und Freude darüber, den anderen übertrumpft zu haben, vor allem wenn die Metaphern von denen aufgegriffen werden, gegen die sie zuvor verwendet wurden. So schreibt zum Beispiel Andrea Affaticati im Freitag:

Von wegen Dominostein: Mit der Erledigung von Berlin und Brüssel diktierter „Hausaufgaben“ empfiehlt sich Italien als eifriger Musterschüler.

Hier wird die herabwertende Konnotation der „Hausaufgaben“-Metapher aufgegriffen und in Verbindung mit dem Wort Musterschüler gegen die anderen Länder angewandt, die eigentlich europäische Partnerländer sind. In dem Satz klingt ein gewisses „Ha!“ mit und es wird ein Diskurs der Konkurrenz geschaffen. Der Satz vermittelt das Bild eines „eifrigen“ Strebers, der sich mit allen Mitteln gegen seine Mitschüler durchsetzt und diese schlecht aussehen lässt. Ein Effekt einer solchen Unterscheidung von guten und schlechten Schülern ist somit, dass von den wirtschaftlichen Forderungen betroffene Länder sich gegeneinander ausspielen lassen, anstatt solidarisch einen Konsens über angemessene Lösungen zu fordern. Wieder wird suggeriert, dass, wer kein Musterschüler ist und keine Hausaufgaben macht, wohl einfach nicht eifrig genug war und daher selbst schuld ist, wenn er bestraft wird.

Wie Studien der Politikwissenschaftler Yannis Stavrakakis und Giorgos Katsambekis sowie Aristidis Tsatsos verdeutlichen, spielt dieser Diskurs populistischen Bewegungen geradezu in die Hände, die Wählerstimmen gewinnen wollen, indem sie den Menschen vermitteln, dass sie Opfer ungewählter Technokraten seien. Die übermäßige Verwendung pädagogischer Metaphern wie „Hausaufgaben“ oder „Musterschüler“ kann also eine faire Debatte unter demokratischen Partnern in Gefahr bringen. Wer daran interessiert ist, den europäischen Dialog auf gleicher Ebene und mit dem gebührenden Respekt unter Partnern aufrecht zu erhalten, sollte sich des herabwürdigenden Effekts dieser Metaphern bewusst sein und sie vermeiden.

Die vollständige Studie unter dem Titel A cross-linguistic analysis of the “homework” metaphor in German and English political discourse ist soeben online in der Zeitschrift Discourse & Society erschienen (doi:10.1177/0957926518802916). Eine frei zugängliche Version („Post-Print“) der Studie kann hier heruntergeladen werden.

11:12 23.10.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Mario Bisiada

Als Linguist interessiere ich mich für vergleichende Analyse von Sprache in politischen Diskursen Europas, z.B. zu Metaphern oder Framing
Mario Bisiada

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