Matthias Blümke

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RE: „Himmler war ein Moralist“ | 02.05.2010 | 11:57

Entschuldigung, Frau Pauer-Studer, es hat sich in meinem Kommentar eine maskuline Form eingeschlichen, wo keine hätte Verwendung finden dürfen.

RE: „Himmler war ein Moralist“ | 02.05.2010 | 11:52

Insgesamt ein sehr interessantes Interview mit Tiefgang und Weitblick.

Für historisch mißverständlich, weil unscharf formuliert in Frage und Antwort, halte ich folgende Passage:

F: Aber es gab auch Länder, sogar Achsenmächte, da war es anders. Wie muss denn eine Moral beschaffen sein, damit das, was in Deutschland geschehen ist, nicht funktioniert?

A: Man sieht an Nachkriegsdeutschland, dass ein breiter Konsens über die Berechtigung liberal­demokratischer Grundsätze und Verhältnisse unumgänglich ist.

F: Den gab es in Vorkriegs-Italien aber nicht. Trotzdem haben sie keine Juden ausgeliefert.

A: Hätte das Regime dort so wie in Deutschland den Antisemitismus vertreten und politisch durchgesetzt – wer weiß, was dann dort auf der Alltagsebene passiert wäre?

Die Mißverständlichkeit beruht auf den eingangs unklaren Fragesubjekten und -objekten des Interviewers, der fehlenden Zurückweisung einer Prämisse der Interviewers/Fragestellers durch den Interviewpartner sowie dessen fragwürdigen Aussage zum fehlenden Vertretungs- und Durchsetzungswillen antisemitischer Politik im faschistischen Italien.

Unter der Annahme, dass es sich beim Fragekontext vorrangig um (ehemalige) "italienische Gebiete" und keine weiteren Achsenmächte handelt:

Hier wird meiner Meinung nach unterschwellig die These einer soziostrukturellen Andersartigkeit der italienischen Bevölkerung/des Staatsapparates als hinreichender Grund für einen andersgearteten, geringgradigeren (?) Verlauf der Judenverfolgung vertreten, die ich für fragwürdig halte.

Hier frage ich mich bzw. den Autor und Interviewpartner:

Was genau war anders in den Achsenmächten als das, was in Deutschland geschehen ist? Was war "es", das in Deutschland geschehen war? Wer sind "sie", die wann (?) und wo (?) keine Juden ausgeliefert haben sollen?

Hatte Mussolini keine antisemitischen Tendenzen bereits in den zwanziger Jahren bekundet?

Gab es keine Suche des Polizeifunktionärs Ercole Conti im Jahre 1933, der geeignete Stätten für Konzentrationslager für Ausländer und Antifaschisten in Kriegs- und Friedenszeiten aufspürte (Michael Ebner)?

War im Königreich Italien nicht die strengste antijüdische Gesetzgebung eingeführt worden, mit der Preisgabe der Juden aus ehemals schützenden Lebens-, Arbeits- und Besitzverhältnissen - lange vor der deutschen Besatzung?

Gab es also keinen gesellschaftlichen Konsens und institutionelle Zuarbeit (Beamte!) hinsichtlich terroristischer Maßnahmen des Regimes, u.a. auch gegen "Asoziale" (z.B. "Zigeuner")?

Selbst wenn man Gellately und Mallmann/Paul nicht hinsichtlich des Ausmaßes an Überwachung der Bevölkerung durch die Bevölkerung selbst folgt: Gab es keine Denunzianten in der oberitalienischen Bevölkerung und keine unterstützende Exekutive (Behörden) in der Italienischen Sozialrepublik in Oberitalien, die bei der Aufspürung und Auslieferung von Juden an die deutsche Besatzung zum Zwecke des Abtransports in Vernichtungslager halfen?

Vielleicht nachdenklich stimmende Lektüre:

Michele Sarfatti: The Jews in Mussolini's Italy. From Equality to Persecution. University of Wisconsin Press, Madison 2006.

Armin Nolzen und Sven Reichardt (Hrsg.) Faschismus in Italien und Deutschland. Studien zu Transfer und Vergleich. Wallstein Verlag 2005.

Ansonsten: Sehr interessantes Interview.