mcmac
25.06.2013 | 02:07 23

Bedenken- und gewissenlos

Deutschlandfunk Wie der öffentlich-rechtliche Rundfunk die letzte Ausfahrt verpasst, wenn es darauf ankommt

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied mcmac

Bedenken- und gewissenlos

Denkt! Denkt!

Foto: Jocian / Wikipedia

Und das zuerst: Das Gute an dieser Geschichte ist, dass Trennendes erkennbar wird, wenn die Hütte erst mal richtig brennt.

Einen katastrophal dummen politischen Kommentar zum Thema Whistleblowing/Edward Snowden brachte gestern Abend der Deutschlandfunk. Ausgerechnet! Und zur besten Sendezeit. Autor des Kommentars ist der seit August 2012 als Korrespondent in Washington für den Sender arbeitende Journalist und dortige Büroleiter Marcus Pindur.

Die Argumentation des Kommentars gründet auf der haltlosen Eingangsbehauptung, dass Edward Snowden kein Whistleblower sei: Er habe lediglich hinlänglich Bekanntes und mithin der breiten Öffentlichkeit wohl Bewusstes zu Protokoll gegeben „[...]Er hat keine einzige illegale Praxis der amerikanischen Regierung enthüllt, keinen illegalen Übergriff der Sicherheitsbehörden belegt.“

Und weiter ebenda, quasi als Generalabsolution: „All das, was wir von ihm erfahren haben, passiert innerhalb des amerikanischen Rechtsstaates und amerikanischen Rechts.[...]“ Spätestens seit Guantanamo kann man so etwas eigentlich nur noch als völlig irre und idiotische Begründung abtun.Eigentlich ein Brüller – wenn es denn der Deutschlandfunk nicht als politischen Kommentar gesendet hätte. Und da wird es ernst und ist darüber hinaus explizit nicht mehr zum Lachen.

Ein kurzer Blick in eine einschlägige Online-Enzyklopädie hätte dem Autor klar verdeutlicht, dass er bezüglich seiner willkürlichen Whistleblowerdefinition möglicherweise inhaltlich und faktisch extrem schief liegt; eigentlich könnte man aber auch erwarten, dass solche Rückversicherung in einem Nachschlagewerk auf Grund eines gesunden Menschenverstandes erst gar nicht nötig sein sollte. Von einem geübten, seriös recherchierenden, kompetenten politischen Journalisten eines solch' immens wichtigen Senders ganz zu schweigen... „[...]Ein Whistleblower [...] ist eine Person, die für die Allgemeinheit wichtige Informationen aus einem geheimen oder geschützten Zusammenhang an die Öffentlichkeit bringt. Dazu gehören typischerweise Missstände oder Verbrechen wie Korruption, Insiderhandel, Menschenrechtsverletzungen, Datenschutzmissbrauch oder allgemeine Gefahren, von denen der Whistleblower an seinem Arbeitsplatz oder in anderen Zusammenhängen erfährt.[...]“

Snowden, so Pindur weiter, hätte doch den Rechtsweg beschreiten und sich u.a. an den Geheimdienstausschuss des US-amerikanischen Repräsentantenhauses wenden können. Statt dessen habe er sich nun, Pindur wörtlich, „versündigt“. Das ist fast schon fundamental verblödet, mittelalterlich.

Nachdem der „Sünder“ vom Polit-Kommentator als solcher dergestalt geteert und gefedert wurde, unterstellt ihm der hochbezahlte Qualitäts-Journalist vom öffentlich-rechtlichen Deutschlandfunk Theatralik, Selbstinszenierung, bestenfalls Naivität („ein geistesgestörter, paranoider Narzisst“ soll dies wohl konnotieren; Gustl Mollath lässt grüßen) um Snowden anschließend in die Jauche seines eigenen Zynismus zu tunken „[...]Dass er für seine Flucht die Hilfe Chinas, Russlands, Kubas und Ecuadors in Anspruch nimmt, alles Länder, die die Meinungs- und Pressefreiheit mit Füßen treten, unterstreicht bestenfalls seine politische Naivität, schlimmstenfalls seinen Zynismus. Und den Zynismus derer, die sich seiner bedienen.[...]“

Die wirre Conclusio des Autors kommt natürlich nicht ohne den final beabsichtigten Arschtritt aus: „[...]Edward Snowden wird nicht von den amerikanischen Sicherheitsbehörden verfolgt, weil er sich gegen die USA gestellt hat. Sondern weil er sich bedenken- und gewissenlos über den Rechtsstaat hinweggesetzt hat. Mal sehen, wie glücklich er im ecuadorianischen Exil wird.“ - Fast fragt man sich: Hätte ein stilbewusster, kultivierter Julius Streicher die letzte, "rhetorische" Frage hämischer formulieren können? Edward Snowden, das ist nun klar nach Pindur, ist so vogelfrei wie der letzte Steinzeit-Lumpen-Taliban. Das muss dem ungläubig Dummen tief im Westen unbedingt getrichtert, gestopft werden.

Bedenken- und gewissenlos zeigen sich hier lediglich der inkompetente Autor und ein öffentlich-rechtlicher Sender, der solchen Irr-Sinn auch noch ausstrahlt. Aber das ist wohl insgesamt dem #Neuland und der dieser dumm-populistischen Denkfigur innewohnenden Verantwortungslosigkeit geschuldet. - - - „Ick kann jar nich so ville fressen, wie ick kotzen möchte.“

***

Coda: Jens Berger hat auf den NachDenkSeiten ebenfalls einen Kommentar zum Thema veröffentlicht. Titel: „Jagd auf Edward Snowden – Die Rückkehr des hässlichen Amerikaners“

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (23)

Costa Esmeralda 25.06.2013 | 04:52

Danke für den Beitrag! Er drückt leider exakt aus, was in der Republik herrschende Meinung des von BT-Parteien usurpierten Staatsapparates ist. Dass Ecuador kein Musterstaat in Demokratie ist, wissen wir alle. Aber im Gegensatz zu unseren Möchtegern-Musterdemokraten in Berlin hat die dortige Regierung, und vor allem der Präsident, Zivilcourage, wenn es um die Souveränität gegenüber den US geht, deren jahrhundertelange Ausbeutung Lateinamerikas langsam ein Ende findet.

LG, CE

JR's China Blog 25.06.2013 | 10:36

Mit dem Abstand ist das so eine Sache. Der Faktor wiegt bei Amerika-Korrespondenten möglicherweise besonders schwer, weil die familiäre, kulturelle und sprachliche Nähe besonders groß ist - und auch der wirtschaftliche Faktor bleibt nicht zu unterschätzen. Korrespondenten sprechen vermutlich überwiegend Englisch, egal, wo sie eingesetzt sind - in Washington, London, Hanoi oder in afrikanischen Ländern. Allenfalls Französisch- oder Spanischkenntnisse mögen im Korrespondentennetz noch weit verbreitet sein. Hier besteht eine Spannung: einerseits sollte ein Korrespondent ab und an den Standort wechseln, weil er sonst "betriebsblind" wird. Andererseits wird oft aus "exotischeren" Ländern ohne viel Hintergrundwissen berichtet.

Das gleiche Problem sehe ich bei vielen (durchaus nicht allen) Sinologen. Auch hier fehlt häufig der kritische Abstand. Die Tatsache, dass der zentrale Teil der chinesischen Wirtschaft und Öffentlichkeit - und der Zugang zu ihr - von einer totalitären Partei kontrolliert wird, ist im öffentlichen Bewusstsein ebenfalls nicht sonderlich präsent. Was es bedeuten kann, wenn sich ein Sinologe sich bei Beijing nachhaltig unbeliebt macht, lässt sich mit etwas Vorstellungsvermögen wohl denken. Da liegt dann ein Berufswechsel nahe.

JR's China Blog 25.06.2013 | 10:44

Noch'n Punkt: das "nordatlantische Netzwerk" im deutschen Journalismus scheint besonders umfangreich zu sein - ich fürchte allerdings, jedes Netzwerk, auch länderbezogen, funktioniert so. Viele Anhänger der chinesischen Kultur - und ich beziehe Politisches da mit ein - vergleichen sich da auch gerne mit dem pro-amerikanischen, allerdings ohne das leicht Mafiöse dabei zu thematisieren. Man klagt darüber, man finde mit seinen Positionen so wenig Gehör und werde gnadenlos übertönt.

Das lässt nicht unbedingt vermuten, dass sie es besser machen würden. Kritischer Abstand wäre immer ein Qualitätsmerkmal, egal um welche Sache oder Agenda es geht.

Ernstchen 25.06.2013 | 12:09

Wow, der Kommentar von Pindur ist tatsächlich ein Glanzstückchen.

All das, was wir von ihm erfahren haben, passiert innerhalb des amerikanischen Rechtsstaates und amerikanischen Rechts. [...] Edward Snowden wird [...] von den amerikanischen Sicherheitsbehörden verfolgt, weil er sich bedenken- und gewissenlos über den Rechtsstaat hinweggesetzt hat.

Das ergibt doch auch nur in den Köpfen von Geheimdienstlern einen Sinn. Wenn dem (Teil 1 des Zitats) so wäre, müsste Obama nur vor die Presse treten und sagen "Ja, das Projekt PRISM ist rechtens und wir führen es durch aus Überzeugung zum Schutze unserer Bürger und zwar aus folgenden Gründen: ..." Aber was geheim ist, darüber darf man nicht sprechen. Mein Bruder hat neulich gesagt: "Das gute daran ist doch: Jetzt wissen alle, dass wir längst komplett überwacht werden. Man braucht sich keinen Kopf mehr über Datenschutz und sichere Passwörter und dergleichen machen, es ist eh egal, die wissen eh schon alles." Das war natürlich zynisch.

Was dieser DLF-Kommentar wieder unterstreicht: Die Medien sind auf der Seite der Mächtigen. Sie wissen es manchmal selbst nicht aber sie sind es. Die Medien in diesem Land haben mit ihrer andauernden Kanzlerinnen-Huldigung und dem gleichzeitigen Oppositions-Bashing den Ausgang der BTW 2013 maßgeblich beeinflusst. And not in a good way. Mehr sog i ned.

Magda 25.06.2013 | 12:14

Na, das ist eher eine allgemeinei Loyalitätserklärung als ein kritischer Kommentar. Es gibt da so eine "Argumentationslinie", die von bestimmten Medien oder auch Publizisten verfolgt wird.

Hier bezichtigt der Welt-Autor Marko Martin die Kritiker der Praxis westlicher Demokratien als Kollaborateure menschenverachender Diktaturen.

Dann wird Assange noch als "mutmaßlicher Vergewaltiger" erwähnt, obwohl diese Geschichte nun wirklich reichlich bizarr ist, die da angeklagt ist.

Irgendwie verlieren Leute die Nerven und verfallen in einen Stil, der mich immer an die schlichtgestrickten Propaganda-Beiträge der DDR erinnert.

protestant 25.06.2013 | 15:23

Ähnlich dummschlussreich ist der wdr-kommentar vom Kläuser-Horst in prominenter tagesschau-platzierung... Vorsätzlich habe er beim NSA angeheuert! Vorsätzlich für Transparenz und Demokratie... gibts denn sowas? Und gefährden tut er die "sensiblen Beziehungen" all der Länder, die sich doch ohne seinen Fackelzug nicht so arg in die Haare kriegen würden... Naiv ist hier nur der Horst, der Kläuser.

Achja, die Transatlantiker und ihre Große-Bruder-Mentalität...

Dimitrios Grigoriadis 25.06.2013 | 15:43

für den Meinungsmacher in NY von Deutschlandfunk und seiner Unkenntnis zu Fakten... GOOGLE löschte nach US-Recht in den USA Strafanzeigen zu schweren Wirtschaftsverbrechen in Deutschland - die in deutsch von mir und hier veröffentlicht wurden - fragt mal Juristen, was das ist... ich zitiere hier und die Beweise sind online bei mir: ZITAT:
"GOOGLE und NSA wie USA löschen öffentliche Strafanzeigen gegen Wirtschaftsbanden im Euroraummeine Strafanzeigen sind immer wieder gelöscht worden - schaut mal HIER und das sind BEWEISE!!!
Sie sind gesichert und jede Löschung jetzt geht gegen meine Berechtigten Schadenersatzansprüche an USA und GOOGLE - und vielleicht bequehmt sich Frau Merkel und die Kauder Brüder, oder die SPD Hochheiten oder gar die Piraten - endlich nach dem Recht amerikanischer Dienste und Dienstleister Eigentum europäischer Bürger wie staatlich und rechtlich relevanter Dokumente nach US-Recht als Beweise und Eigentum des Besitzanzeigenden zu vernichten???

http://zu-recht.blogspot.de/2011_02_01_archive.html?zx=6c5384993b66d433" Zitat-Ende und das ist KEIN SPAM -

mymind 25.06.2013 | 19:07

Die USA, ihre Verbündeten & helfenden Medien verhalten sich im Fall Snowden nicht anders als sie agieren, wenn sie ihre geostrategischen Interessen durchsetzen: Sie personifizieren das Problem. Es gelingt auch so gut wie immer, so auch dieses Mal. Kaum jemand redet darüber, inwieweit das Ausmaß der Prism- & Tempora-Programme sich tatsächlich im Rahmen der geltenden Gesetze bewegt. Es wird auch nicht thematisiert, was mit den Daten genau passiert, den privaten aber auch geschäftlichen Inhalten, die u.U. auch relevante, interne Substanz beinhalten. By the way: Die deutsche Wirtschaft wird seit langem durch US-Wirtschaftsspionage stärker geschädigt als die seitens China!

Nein, es wird darüber debattiert & gestritten ob Snowden ein Verräter oder ein Held ist. Ganz nebenbei wird sich auch noch echauffiert, dass Snowden in Ländern untertaucht, die allgemein als undemokratisch, menschenrechtsverletzend etc. betrachtet werden. Was bedeutet die hysterische Vefolgung der Whistleblower? Keine Menschenrechtsverletzung? Nein! bzw. nur wenn dies in RU, CH & einigen anderen No-Friend-States geschieht! Hätte irgendein EU-Land Snowden Asyl gewährt? Mit Sicherheit nicht, denn die Repressalien des ´grossen Freundes´ wären prompt erfolgt & der Vorfall lange nicht verziehen!

US- Senator Chuck Schumer scheint vor lauter Wut die Realität nicht mehr zu peilen:

“The bottom line is very simple: Allies are supposed to treat each other in decent ways, and Putin always seems almost eager to put a finger in the eye of the United States, whether it is Syria, Iran and now, of course, with Snowden,” he said. “I think it’ll have serious consequences for the United States-Russia relationship.”

Wenn es nicht so bitter wäre, könnte herzhaft über so viel doppelmoralische Gedanken- & Meinungsmatsche gelacht werden.

schorsch klunie 25.06.2013 | 23:51

der kläuser horst bekam heute beim deutschlandfunk ebenfalls platz dummfug zu verbreiten. in seinem kommentar "taugt snowden zum helden" (19.09uhr) stellt fest dass snowden, falls nicht einfach nur publicity-geil, naiv und unbedacht handelt und verweist auf die gefahren die whistleblowing haben köntte.

als treuer hörer bin ich sehr enttäuscht dass solch pubertär-reaktanten ansichten eine plattform geboten wird....

h.yuren 26.06.2013 | 10:22

Statt dessen habe er sich nun, Pindur wörtlich, „versündigt“. Das ist fast schon fundamental verblödet, mittelalterlich.

liebe mcmac,

das ist die sprache der rückwärtsrepublik unter federführung der c-parteien. es wimmelt hierzulande nur so von wundern, schutzengeln, umwelt- und verkehrssündern, geheimnissen...

danke für die entkleidung des nazionalsenders.

liebe grüße, hy

protestant 26.06.2013 | 19:13

es ist wirklich unfassbar wie plump sich die so genannten öffentlich-rechtlichen in diesem fall verhalten. was für ein hysterisches geblubber! immerhin hat die tagesschau-seite den kommentar relativ schnell durch ein etwas substanzielleres interview eines staatsrechtlers aus göttingen ersetzt. dennoch: ich glaube, dass diese zunehmende enttarnung amerikanischer methoden kindlichem verhalten ähnelt, indem sie ihren trinkenden und schlagenden vater in der schule reflexhaft verteidigen...