Eine Erinnerung

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Zum ersten Jahrestag des Amoklaufs von Winnenden gäbe es sehr viel zu sagen. Über die Opfer, über die Hinterbliebenen und ihren anhaltenden Schmerz, über die tieferen gesellschaftlichen Ursachen von Amokläufen. Aber auch über Kraft und Solidarität, die daraus erwuchsen und über den Willen, Träume nicht sterben zu lassen.

Ein wesentlicher Punkt, auf den ich mich an dieser Stelle beschränken möchte, betrifft die naheliegendste Ursache von Amokläufen dieser Art (sogenannten schoolshootings). Es ist der Zugang zu geeigneten Waffen, also zu Schusswaffen. So geschehen in Winnenden. Die Fakten sind bekannt.

Es ist erbärmlich und ein Skandal, wie die Verantwortlichen in Regierung und Bundestag mehrheitlich vor der Schützen- und Waffenlobby seinerzeit (und zum wiederholten Mal; Stichwort Erfurt) eingeknickt sind. Mit den Stimmen von SPD und CDU wurde letzten Sommer eine wirksame Änderung des Waffengesetzes verhindert. Die beschlossenen Maßnahmen waren reine Kosmetik – wahltaktisches Kalkül gegen das Leben von Kindern. Im Koalitionsvertrag der neuen FDP/CDU-Regierung ist ein Prüfauftrag festgehalten, der besagt, dass selbst diese Änderungen dahin gehend untersucht werden sollen, ob sie eine zumutbare Belastung seien. Für die Waffenbesitzer.

Man kann die tieferen Ursachen von Amokläufen nicht augenblicklich beseitigen. Man kann aber die Kausalkette sofort und sehr wirksam an einer Stelle unterbrechen. Indem man -als entscheidende Maßnahme- scharfe Schusswaffen in Privathaushalten verbietet. Das Beispiel Großbritannien beweist es. Es ist `technisch` lediglich eine Frage des politischen Willens. Abseits davon ist es eine Frage, ob man das Recht auf eine private Schusswaffe höher stellt als das Recht auf Leben, wie es in Artikel 2 des Grundgesetzes formuliert ist.

Der Zynismus der drei o.g. Parteien, wenn es darum geht, keine Wähler zu verlieren, wird an dieser scheinbar spezielleren, kleineren innenpolitischen Frage sehr gut sichtbar. Man könnte -zugespitzt, aber dafür um so deutlicher- auch sagen: Nachdem zunächst die Waffenlobby auf den noch frischen Gräbern von Winnenden herumtrampelte, die Erde darauf feststampfend, wurde dieser Grund der blutige Tanzboden der Bundestagswahlpartys dieser drei Parteien.

Bliebe noch der Bundespräsident. Er sprach zehn Tage nach dem Amoklauf mit tränenerstickter Stimme zu den Hinterbliebenen. Das ganze Land konnte es im Fernsehen sehen. Wie steht es um die Würde seines Amtes, wenn er ein Gesetz unterschreibt, welches offensichtlich unwirksam ist, solche Amokläufe zu verhindern - und damit im Widerspruch zur Verfassung und dem darin verankerten Recht auf Leben steht?

Diese Vorgänge sagen sehr deutlich und sehr viel aus über das herrschende geistige Klima in diesem Land, über seine derzeitige tatsächliche Verfasstheit. Wen wundert es da noch, dass dieses Land sich daran beteiligt, im fernen Afghanistan Bomben auch auf Zivilisten zu werfen? Oder dass ein amtierender Vizekanzler mit feister Demagogie Arme gegen Ärmste aufhetzen darf und ein ehemaliger Vizekanzler, letzter, erfolgloser Kanzlerkandidat und jetzt Fraktionschef einer der drei oben genannten Parteien, ihn dafür des Zynismus bezichtigen darf. („Haltet den Dieb; er hat mein Messer im Rücken!“) Wen wundert, dass ein junger Mensch möglicherweise so verzweifelt in diesem verlogenen, giftigen, alles durchdringenden Dunst, dass er sich am Ende nicht anders zu helfen weiß, als ...Amok zu laufen?

Meine Gedanken sind bei den Opfern und ihren Hinterbliebenen. Ich wünsche den Angehörigen der Opfer die Kraft und Zuversicht, die sie brauchen, um weiter leben und auch träumen zu können.

23:15 10.03.2010
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