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Jakob Augstein „SABOTAGE - Warum wir uns zwischen Demokratie und Kapitalismus entscheiden müssen“
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Ein „offener Aufruf zu Gewalt“ sei das Buch, geiferte Friede Springers Scheiben- Welt vor einigen Tagen – und machte damit eingangs konterkarierend sofort klar, warum dieses Buch derzeit doch sehr notwendig ist.

Man kann dem Autor sicherlich eine Menge vorhalten. Bestimmt aber nicht, dass er „offen zu Gewalt aufruft“; das ist rabulistisch, dumm und gefährlich. Vielmehr nähert sich Jakob Augstein in seinem aktuell vorliegenden Buch diesem gesellschaftlichen Tabu doch sehr differenziert, in einer Art inneren Dialogs; man spürt, wie er selbst schwanger geht mit diesem Thema, wie er den Geist schon aus der Flasche, aber noch nicht ganz in den eigenen Körper lassen will. Es liegt in der Natur des Dialogs, dass man sich widerspricht (sonst wäre es ja ein thesenhafter Monolog, der x-te zu diesem Thema). Diese Widersprüche bleiben ungeklärt, werden gleichsam als offene Fragen an den kritischen Leser durchgereicht. Das stört, verstört – und soll es wohl auch. Das kann ärgerlich machen – das kann aber auch sehr erfrischend sein.

Gewalt – ein Begriff, der Anomie (vom Mainstream oft fälschlich als „Anarchie & Chaos“ bezeichnet und damit letztere Begriffe absichtsvoll diffamierend) oder, schlimmer noch, Terrorismus konnotiert. Hier will Jakob Augstein versuchen zu unterscheiden. Er führt dabei einige einleuchtende Beispiele ins Feld und zeigt u.a., dass das, was in Deutschland schon als ein „Anschlag“ („Attentat“, „Terrorismus“) gälte, z.B. in Frankreich noch als „Sabotage“ („aktive Störung“, „politisch motivierte Sachbeschädigung“) bezeichnet wird.

Der Grund der ganzen Übung besteht für Jakob Augstein vor allem darin, dass offensichtlich alle legalen demokratischen und rechtsstaatlichen Verfahren und Methoden bislang nicht einmal ansatzweise dazu geführt haben, das zielsichere Rasen der kapitalistischen Lokomotive auf den mit Gewähr alles vernichtenden Abgrund hin zu stoppen oder auch nur zu verlangsamen. Daraus formuliert er (die nicht ganz neue; gleichwohl notwendige) Überlegung, ob es neben legalen Mitteln nicht auch legitim und geboten sei, bestimmte, ausgewählte Regeln bewusst zu brechen, ohne gleich komplett Zivilisation und Kultur in den Orkus zu senden (Das verweist, immanent & dankenswerterweise, damit auch noch einmal auf den realen, gesellschaftlich kaum wahr genommenen, inhaltlichen Widerspruch zwischen Legalität und Legitimität; eine begriffliche Unschärfe, auf welcher üblicherweise die neokonservative „Law-And-Order“-Fraktion jeglicher politischen Couleur ihre demagogischen Denkfiguren erfolgreich aufbaut). Das Buch ist wahrscheinlich vor den Enthüllungen Edward Snowdens abgeschlossen worden: Der Autor hätte hier sonst einen gewaltigen Beleg für die grundsätzliche Richtigkeit seiner augenblicklichen Überlegungen erhalten, welcher sich wohl auch im vorliegenden Buch niedergeschlagen hätte.

Wer nun eine Gebrauchsanleitung zum wirkungsvollen Widerstand gegen das befremdliche Überleben des Neoliberalismus (C. Crouch) erwartet, wird sicherlich enttäuscht sein beim Lesen (immerhin aber wird genau erklärt, wie man Farbbeutel richtig befüllt). Das Buch ist weniger ein politisches Manifest, dass das Zeug zur bundesdeutschen Résistance-Fibel des 21. Jahrhunderts hätte, als vielmehr ein Appell an die weitestgehend absente Renitenz der deutschen Citoyens angesichts eines auch in Deutschland völlig durchgeknallten Kapitalismus, eine eindringliche Petition an das sedierte Gewissen der Einzelnen, der Ver-Einzelten, angesichts der kommenden, kapitalen Katastrophen. Auch eine Aufforderung, den realen, eigenen Körper (statt des virtuellen Like-Klicks mit dem Körperteil Zeigefinger) gemeinsam wieder in die politische Auseinandersetzung einzubringen (nein, nicht als Selbstmordattentäter, aber bspw. als Demonstrant oder Blockierer).

Obwohl auf Deutsch ist das Buch über weite Stecken angenehm un-deutsch geschrieben – viele Passagen entziehen sich dem rechten, deutschen Winkelmaß, passen in keine akademische DIN-Norm. Es gibt bspw. Redundanzen, bei denen man sich zunächst fragt, ob denn ein Lektorat stattgefunden habe. Ein deutsches Attribut wie „schlampig“ könnte einem dabei in den Sinn kommen. Hier aber waltet offensichtlich eine andere Disziplin: die des Verstandes UND die des Herzens. Hier kämpft jemand öffentlich mit sich, exemplarisch. Und das ist – um ein dem Französischen entlehntes Attribut zu verwenden – charmant. Auch das macht dieses deutsche Buch von 2013 sehr lesenswert.

SABOTAGE von Jakob Augstein (Verlagsinformation bei Hanser)

13:30 09.08.2013
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