S21 - Peter Grohmann: Bürgerbrief 47

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Der Autor des Freitag Peter Grohmann lebt in Stuttgart. Er gehört zur Stuttgarter Initiative „Die AnStifter“ und arbeitet u.a. als Autor und Kabarettist.

Jeden Montag läuft er mit einem kleinen, hölzernen Bauchladen durch die Menge der Montagsdemonstranten und verteilt, laut und vernehmlich rufend wie ein Fliegender Händler, freundlich lächelnd, seinen aktuellen und frischgedruckten „Bürgerbrief“ auf knallgelbem Papier in handlichem Format. Eine Art analoges und auch sehr herzliches Networking, dass ohne Facebook und Twitter auskommt. Und -vielleicht auch und gerade deswegen- immer sehr gehaltvoll ist.

An dieser Stelle sein „Bürgerbrief 47“ als vollständiges Zitat, verteilt letzten Montag vor dem Stuttgarter Hauptbahnhof, zur 80. Montagsdemo mit 7.000 Teilnehmern.

Danke, Peter Grohmann!

Liebe Bürgerinnen und Bürger,

wie bezeichnend, dass Sonntag aktuell und andere Medien vor allen anderen am „Prozeß“ Beteiligten“ wussten, daß S 21 (angeblich) den Stresstest bestanden haben soll. Winfried Herrmann tappt derweil gemeinsam mit Heiner Geißler im Dunkeln - und wir alle, die Wut- und Mutbürger, möchten ihnen heimleuchten, finden aber den Stecker nicht.


Es ist - wieder einmal! bezeichnend, wie arrogant und selbstherrlich diese Herrschaften mit uns umgehen - wir sind für sie der letzte Dreck. Noch peinlicher finde ich, wie anbiedernd und kratzfüßig sich die Journaille gibt: Keine Spur von „vierter Gewalt“, kein Schimmer von der aufklärerischen Funktion der Medien, weit, weit weg von jeder Art eines investigativen Journalismus! Dass es da eine SMA gibt, die das Ganze noch prüfen soll, interessiert die Schlagzeilen-Manipulateure nicht im geringsten: Streßtest bestanden! Und warum interessiert es sie nicht? Weil die eine Zeitung so lahmarschig ist wie die andere, weil sich die LeserInnen fast alles bieten lassen, weil es (noch) keine wirksame Print-Alternative gibt,die die ganze Stadt, die Region, ja, Deutschland erreicht. Denn das tut der Konzern, der hier die Meinungsführerschaft, die Meinungsherrschaft hat. Ab und an werden dann die Gegner des Milliardengrabs angekotzt, von der Redaktion als Übeltäter und Volksaufständler diffamiert und madig gemacht - das bringt Stimmung in die Stadt und könnte sogar den einen oder anderen anstacheln, dem Protest die Hütte abzubrennen.


Natürlich, mit einem Stoßseufzer stellen die Kollegen von der schreibenden Zunft, die ich nicht alle über einen Kamm schere, da und dort auch „Defizite“ bei der Kommunikation fest und schimpfen mit Großmeister Grube: „Dududu, wenn Du das noch mal machst, werden wir aber sehr, sehr ärgerlich!“


Unsre Wünsche an die Medien sind vergleichsweise bescheiden: Wir brauchen einen (anderen) Rundfunkrat, eine ganze neue Mischung - und Leute (im swr), die sich nicht gleich in die Hose scheißen, wenn der Intendant Peter Boudgoust mal schlecht geschlafen hat. Zugegeben - beim swr wird mit harter Hand regiert, und der eine oder andere Trotzkopf bekam da schon mal was auf den Deckel, wenn er muckte. Bei den Printmedien wünschte ich mir das, was die StZ alt Leitmotiv großkotzig im Titel führt: „eine unabhängige Zeitung“. Ich hätte es gern, wenn die Tagespresse nicht die Polizeimeldungen nachplappert, sondern eigenständig vor Ort recherchiert, vorurteilsfrei gegenüber allen Seiten. Ich würde mich freuen, wenn die StN oder die StZ selbst auf die Idee kämen, die Leistungsfähigkeit des Kopfbahnhofs zu prüfen, zu schauen, wer hinter der „sma“ steht, wie abhängig oder unabhängig die Schweizer von den Aufträgen der DB sind.


Ich würde mich freuen, wenn die Presse hinter die Kulissen der Gutachterfirmen schaut, sagt, welche Uni-Professoren von welchen Netzwerken profitieren, wer welche Interessen an dem „neuen Stadtteil“ hat. Ich fände gut, wenn sie herausfände, wie und ob die Auftragnehmer der Bahn hunderte von Fledermäusen vergast haben (Nordflügel), wenn sie uns sagte, von welcher Art jener Kanonenschlag war, der ein halbes Dutzend Polizisten taub machte, nahestehende Demonstranten aber wie ein Wunder unbeschädigt ließ. Ich fände toll, wenn die Presse sich mit uns wundern würde, wie ein schwer verletzter Polizist leichten Fußes zum Krankenwagen läuft, dort minutenlang erst mal telefoniert und dann nach zwei Tagen - wieder leichten Fußes - schon das Krankenhaus verläßt.

Ich tät mich saumäßig freuen, wenn die Presse fragen würde, was bewaffnete Beamte in einer Demonstration verloren haben - wo doch das Tragen von Waffen ausdrücklich verboten ist. Ich würde mich freuen, wenn die Presse vor Provokateuren warnen würde, vor Scharfmachern (die gelegentlich in den Reihen der Presse sitzen, gelegentlich bei der Politik, gelegentlich bei sogar bei mir auf dem Schoß).

Ich würde mich freuen, es gäbe eine unabhängige Presse, einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der das Ohr am Volk hat statt am Hintern der Regierenden. Ich würde mich über Medien freuen, die über den Pumpensumpf21 schreiben, über die Millionen, die im Dunkeln versickern, und die ohne Hass in der Schreibe feststellen: Gewalt ist kein Mittel der Auseinandersetzung - weder am 30.9. noch am 20.6. . Denn oben bleiben in Stuttgart werden wir nur gewaltfrei - und mit neuen Medien.

Herzlich Ihr

Peter Grohmann

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Foto: Monika Zucht

22:47 29.06.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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