S21 - "Stuttgart ist überall"

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Selbst wenn man der gesamten Schlichtung zu S21 nur oberflächlich oder bruchstückhaft folgte, hat sie eines recht eindeutig klar gemacht: Eine Tieferlegung des Bahnhofs ist weder jetzt noch künftig notwendig oder sinnvoll. Im Gegenteil: Es wäre eine „Weiter-so“ der falschen und schlechten Politik der letzten 20-30 Jahre, ein neoliberales „Die Party-geht weiter“. Rückwärts gewandter und mehr „Dagegen-Politik“ geht gegenwärtig kaum. Es sei denn man entscheidet sich für 'Chilenische Verhältnisse', sprich: Faschismus.

Es wäre aber nicht nur eine einfaches „Weiter-so“, sondern angesichts der in dieser Zeit aufgelaufenen gesellschaftlichen Probleme ökonomisch falsch und moralisch verwerflich, zutiefst schädlich für den längst bedrohten gesellschaftlichen Frieden.

Hätte sich in der Schlichtung herausgestellt, dass eine Tieferlegung für die Zukunft unumgänglich ist, etwa weil sie einen wesentlichen verkehrlichen Nutzen generierte und nur diese Tieferlegung in der Lage ist, die künftigen Verkehre ökologisch sinnvoll zu bewältigen, wäre darüber mit Sicherheit -initiiert durch die Schlichtung möglicherweise- Konsens erzielt worden.

Die Tieferlegung ist ein Projekt neoliberalen Größenwahns eitler und mächtiger Provinzpotentaten. Gespeist aus genau dem Un-Geist, der u.a. die Landesbanken an den Rand des Ruins (und darüber hinaus) brachte. Es ist ein Mega-Denkmal für diesen Wahn, dessen Realisierung vielen schadet und die Gier sehr weniger (zeitweise) befriedigt. Es wäre eine weitere Konsequenz, der inneren Logik einer Politik folgend, wie seit mindestens 1998 in Deutschland ganz offen betrieben wird: Verluste sozialisieren, Gewinne privatisieren.

Diese Tieferlegung, dieses weitere Privatisieren öffentlicher Mittel also, der Schenkung von Steuergeldern an Reiche (wollen die sich und ihren Kindern ganz zum Schluss einen eigenen Planeten kaufen dafür?) angesichts der Sparorgien bei HartzIV, bei Bildung, bei Kultur und in vielen anderen öffentlichen Bereichen wäre zutiefst unmoralisch und zutiefst demokratieschädlich – es wäre eine weitere, offene Kampfansage an das eigene Volk. Denn die objektiven Interessen einer großen Mehrheit werden, gelinde gesagt, grob vernachlässigt. Und zwar nicht durch Schlamperei, sondern ganz bewusst. Moderne Wegelagerei, kriminelle Vorteilsnahme. Unter Inkaufnahme der zunehmenden kulturellen und sozialen Verelendung immer weiterer Schichten der eigenen Bevölkerung.

Sich vorzustellen, dass dieser kalte, innere Krieg der Mächtigen weiter zu einem heißen Frieden und darüber hinaus eskalieren könnte, fällt vielleicht im Moment noch nicht jedem ganz so leicht. Wenn die derzeitig heftigst gerittenen rechten Attacken aber nicht gestoppt werden, könnten sie selbst dem rechten Lager irgendwann so aus dem Ruder laufen, dass im Nachhinein (wenn es das diesmal geben sollte...) alle wieder barmen, wie „das“ denn nur passieren konnte.

Die Verhinderung oder Nichtverhinderung der Tieferlegung des Bahnhofs in Stuttgart könnte aus dieser fiktiven Zukunftsperspektive heraus betrachtet als ein überaus wichtiger Markstein in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Auseinandersetzung erscheinen. Sie hängt unmittelbar zusammen mit der Verlängerung der Atomlaufzeiten, den Kürzungsorgien im Sozialen und der insgesamt reaktionären Politik bis hin zu Bundeswehreinsätzen im Ausland.

Noch einmal: Es macht weder jetzt noch zukünftig ökonomisch, ökologisch sowohl als auch verkehrlich Sinn, den Stuttgarter Bahnhof für sehr, sehr viel öffentliches Geld tiefer zu legen. Daran verdienen wenige sehr viel. Sehr viele aber werden es teuer bezahlen.

Links:

Stuttgart ist überall

Kopfbahnhof21 PM

Offene Fragen, vom 26.11

Resümee von seriousguy47

12:23 29.11.2010
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