Stuttgart21 - lediglich eine Provinzposse?

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Um es vorweg zunehmen: Nein.

'S21' ist ein Projekt, welches in der Zeit aufstrebenden neoliberalen Größenwahns geplant wurde. Schätzungen gehen von Kosten von bis zu 11 Mrd. € aus. Nun da es sogar schwäbischen Hausfrauen dämmert, dass die neoliberalen Wolkenkuckucksheime nicht das 'Ende der Geschichte' sein können, soll es gegen den Willen eines Großteils der Bürger doch durchgesetzt werden. (Zugegeben, diese Bürger haben sich lange einlullen lassen, gehörten doch auch sie phasen- und teilweise zu den Gewinnern – oder glaubten dies zumindest.)

Bei der Auseinandersetzung um 'S21' ist evident, dass es inzwischen nicht mehr nur um einen Durchgangs- oder Kopfbahnhof geht, sondern darum, dass die real existierende Demokratie nicht mehr funktioniert. Jedenfalls nicht im Sinne der Verfassung. Dass sie beängstigend schnell pervertiert, sie zu einem Mittel der Mächtigen und Wohlhabenden mutierte, die sich einer wirksamen Kontrolle immer erfolgreicher entziehen - 'Demokratur21'.

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Die Gegner der Gegner von 'S21' werfen diesen auch vor, dass es pietätlos und vermessen sei, auf die Bürgerbewegung '89 in der DDR Bezug zu nehmen. Sie vergessen dabei, dass es ihre Arroganz und Ignoranz ist, ihre plumpe Sophisterei, ihre polit-bürokratische Betonköpfigkeit, die diese Parallelen evoziert. 'Von der DDR lernen heißt siegen lernen' -irren jene. Aber wissen die anderen.

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Die bundesweiten Proteste im Juni d.J. gegen das sogenannte Sparpaket der Regierung wurden von den 'üblichen Verdächtigen' initiiert. Die Beteiligung an diesen Protesten indes war eher spärlich, gemessen am Gegenstand. Oft wird darüber orakelt, warum die Menschen in diesem Land nicht endlich auf die Straße gehen. Fest steht, dass in Stuttgart die Menschen auf die Straße gehen. Ohne dass sie politisch-ideologisch mobilisiert werden müssten. Sie begreifen sich als Bürger, denen dieser Staat als Instrument ihrer Interessen eigentlich gehört. Und sie begreifen sich dabei weniger als „bürgerlich“, denn als Citoyen.

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Die überregionalen Mainstream-Medien wissen das – und arbeiten hart und erfolgreich daran, diesen Aspekt nicht all zu sehr in den Vordergrund treten zu lassen. Wenn sie ihn nicht gleich ganz verschweigen. Oder, so nicht möglich, diffamieren. Jedoch: Nur weil man im Schwäbischen vorzugsweise und gerne fürchterliche Teigwaren gekocht verspeist, merkwürdige Zischlaute produziert beim Sprechen und bei den Demos nicht mal ein Papierkorb angerempelt wird, heißt dass eben noch lange nicht, dass es sich hier lediglich um lauter werdendes, provinzielles Zänkischsein im Sommer-Theater-Loch handelt.

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Sollte diese Bürgerbewegung scheitern, wäre möglicherweise eine große Chance für das ganze Land vertan. Die Wende '89 hat -um ein Wort Volker Brauns zu zitieren- die 'Verhältnisse vom Kopf auf den Bauch gelegt'.

In Stuttgart findet nicht weniger als ein Versuch statt, sie endlich auf die Füße zu stellen.

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MITMISCHEN (auch als Nicht-Stuttgarter! -denn es sind auch die Steuern aller, die 'steuern', ansatt zu steuern)

15:09 14.08.2010
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