1946: Schiff, Kind, Tier

Zeitgeschichte Im Kino läuft erstmals die Defa-Wochenschau „Der Augenzeuge“ und will Aufklärung statt Agitation bieten. Auf Dauer jedoch wird die Konkurrenz des Fernsehens zu stark
Matthias Dell | Ausgabe 10/2016 4

Gerade weil im Internet alles zu finden ist, fällt einem auf, was fehlt. Youtube etwa funktioniert wie ein riesiges Medienarchiv, aber was es dort fast nicht gibt, sind Filme der Defa-Wochenschau Der Augenzeuge. Oder auch ihrer Konkurrenten aus den westlichen Besatzungszonen wie Welt im Film, Blick in die Welt sowie Neue Deutsche Wochenschau. Prominent vertreten ist und in nennenswerter Zahl abgerufen wird auf Youtube nur Die Deutsche Wochenschau, die als NS-Propaganda zwischen 1939 und 1945 vor allem vom Krieg berichtete. Bis heute wird damit ein nicht selten merkwürdiges Interesse an deutschen Militaria befriedigt.

Dass Der Augenzeuge auf Youtube fehlt, kann kein Problem der Materialbasis sein – vor gut zehn Jahren wurden acht DVDs mit Defa-Wochenschauen in einer Gesamtlaufzeit von 24 Stunden veröffentlicht. Es kann natürlich Zufall sein, dass davon bislang nichts ins Netz gelangt ist. Es kann aber auch damit zu tun haben, dass die Wochenschau nach 1945 ein Format war, das dem, was in den Kanälen von Youtube produziert wird, medienhistorisch nur für eine relativ kurze Zeit vorausging und rasch obsolet zu werden drohte.

Als das Fernsehen in den frühen 50er Jahren seinen Betrieb aufnahm und bald zum Massenmedium wurde, begriff es sich auch als konsequente Aktualisierung der Wochenschau, wie man dem Titel der bekanntesten deutschen Nachrichtensendung noch anhören kann. Dabei startete die Tagesschau 1952 nicht einmal mit täglichem Betrieb.

Stellvertreter des Zuschauers

Andererseits ging auch Der Augenzeuge am 19. Februar 1946 mit seinen zehn Kopien nicht als Wochenschau in strenger Auslegung des Begriffs an den Start. Bis zum August 1946 erschienen neue Ausgaben im Zwei-Wochen-Rhythmus. Streng genommen handelte es sich anfangs nicht um ein Defa-Produkt, denn die Filmgesellschaft wurde erst im Mai 1946 gegründet. Vorgänger war ein sogenanntes Filmaktiv in der Zentralverwaltung für Volksbildung (ZfV), geführt von Herbert Volkmann, einem Überlebenden der Widerstandsgruppe um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack („Rote Kapelle“), der später zum Direktor des Staatlichen Filmarchivs der DDR wurde. Als Chefredakteur des Augenzeugen firmierte dann allerdings Kurt Maetzig, dessen wichtigste Mitarbeiterin Marion Keller de facto die Geschäfte führte, als der Regisseur mit seinem ersten Spielfilm Ehe im Schatten (1947) beschäftigt war.

Bei seinem Aufbruch in die Kinosäle begriff sich Der Augenzeuge, wie der Name nahelegt, als Stellvertreter des Zuschauers, um durch Informationen in Bild und Wort für Aufklärung zu sorgen. „Sie sehen selbst, Sie hören selbst – urteilen Sie selbst“, so der Slogan, den Maetzig dem Projekt mit auf den Weg gab. Daher wählte die Redaktion für die filmischen Sujets „diejenigen typischen Ereignisse aus aller Welt aus, die oft geringen Sensationsgehalt, dafür aber größere Bedeutung haben. Nicht das Exzeptionelle zu bringen, ist uns wichtig, sondern das Typische. Wir wollen den Zuschauer ja nicht verwirren, sondern ihm helfen, klarer zu sehen – und sich dafür ein eigenes Urteil zu bilden“, wie Marion Keller 1947 programmatisch schrieb. Der Dokumentarist und Filmhistoriker Günter Jordan bringt das Ziel des frühen Augenzeugen auf die Formel, das Bedürfnis des Publikums nach „Zuwendung und Ablenkung“ stillen zu wollen.

Notwendigkeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit gehorchte die Reihe Kinder suchen ihre Eltern, die bis 1949 am Anfang jedes Augenzeugen zu sehen war. Marion Keller hatte eine Idee Erich Kästners aufgegriffen. Auch wenn fast 400 Kinder auf diese Weise ihre Familien wiederfanden, hatte das Format doch Grenzen. Schließlich durfte Der Augenzeuge nur in der sowjetischen Besatzungszone gezeigt werden, für die er lizenziert war. Für einzelne der durchschnittlich acht Beiträge in einer Ausgabe wurde in den 50er Jahren ein Austausch mit anderen Wochenschauen vereinbart, neben der sowjetischen und denen anderer sozialistischer Länder auch mit französischen und amerikanischen.

Zurück auf 1932

Gleichzeitig erzählt sich die Geschichte des Augenzeugen nur über die wechselhaften Bewegungen, wie sie auch für Defa-Filme prägend waren. Die Anerkennung der frühen Jahre (der Westberliner Kritiker Friedrich Luft lobte die „Wendung zu einem lebendigen und populären Filmstil“ der Defa in ihrer „sehr aktiven und neuartigen Wochenschau“) wurde ab 1948/49 relativiert. Als mit Günter Klein ein Chefredakteur mit klarem ideologischen Auftrag die Leitung übernahm, standen Parteilichkeit und Erziehung obenan. Marion Keller verließ die Defa 1950. „Statt die tastenden Versuche pratikabler, kommunistisch-sozialistisch intendierter Öffentlichkeit und Demokratie fortzuführen, fiel die SED in ihrer Massenarbeit – und nolens volens in ihrer Medienpolitik – auf die Aktivierungsagitation und Demonstrationspraxis der KPD von 1932 zurück“, resümiert Günter Jordan.

Der Kurs änderte sich erst wieder nach dem 17. Juni 1953, als Helmut Schneider Chefredakteur wurde, der 1947 gemeinsam mit dem Schriftsteller Stephan Hermlin und dem Literaturwissenschaftler Hans Mayer von Radio Frankfurt (Main) nach Ostberlin gegangen war. Mit ihm kehrte etwas vom Witz und der Ironie aus der Anfangszeit zurück, wenn sich Der Augenzeuge zum Jahresende mit „Weihnachten in einer Kirche an der Zonengrenze“ verabschiedete und das neue Jahr augenzwinkernd begann mit: „Wir fordern vom Augenzeugen mehr Bilder über Sitzungen, Tagungen, Konferenzen und Versammlungen! Tausende und Abertausende finden davon jeden Tag statt. Und was sehen wir davon? Höchstens zehn bis zwölf in jedem Augenzeugen“.

Schneider fasste die Wochenschau wieder journalistischer auf, führte wiederkehrende Rubriken ein und war sich des Zerstreuungswunschs der Zuschauer bewusst: „In jeder Wochenschau muss ein Schiff fahren, muss ein Tier zu sehen sein, muss ein Kind vorkommen“, meinte er. Jeweils ein Drittel war für Politik und Weltgeschehen vorgesehen, eines für innere Probleme und Berichte, eines für Sport und Unterhaltung, alles möglichst kurz und informativ präsentiert.

Das langsame Sterben der Defa-Wochenschau setzte in den 60er Jahren ein. Zum einen hatte das politische Gründe, wie Günter Jordan argumentiert, der spätestens mit dem Ende des Prager Frühlings 1968 auch die einst angedachte Funktion des Stellvertreters („Urteilen Sie selbst“) an ihr Ende gekommen sieht. Letztlich widerfuhr dem Augenzeugen, was für die gesamte DDR in der Honecker-Ära galt: Der Anschluss an die Gegenwart ging verloren. Zum anderen sprach der Medienwandel gegen die Wochenschau – das Fernsehen war den per Filmkopie durchs Land wandernden Augenzeugen-Filmen in Sachen Aktualität überlegen. Der Autor Egon Richter äußerte im Sonntag, der ostdeutschen Vorgängerzeitung des Freitag, schon 1961, als die 1957 eingeführte Freitags- und Dienstagsausgabe des Augenzeugen wieder zu einer wöchentlichen Sendung verschmolzen, die oft wochenlang durch die DDR-Kinos tourte, das Bonmot: „Es ist also durchaus möglich, dass die Bauern zu verstärktem Bemühen in der Heuernte aufgerufen werden, wenn die Kühe die Hälfte davon aufgefressen haben.“

Ende 1980 wurde Der Augenzeuge eingestellt. Ihm folgte im Defa-Dokumentarfilmstudio die Gruppe „kinobox“, in der Regisseurinnen wie Petra Tschörtner und Helke Misselwitz arbeiteten. Was konsequent war, weil die Defa-Wochenschau Nachrichten als ein eigenwilliges Hybrid aus Information und künstlerischer Darstellung präsentierte, dem 1966 bei den Oberhausener Kurzfilmtagen ausdrückliche Anerkennung gezollt worden war.

1957 hatten sich die Wochenschau-Macher im Westen mit einem Spiegel-Text über die Konkurrenz Fernsehen hinweggetröstet, Darin hieß es: „Die Tagesschau ist natürlich, genauso wie einst die Wochenschau, auf das Brandaktuelle abgestellt, während wir den Vorteil haben, über mehr Zeit für gründlichere Vorbereitung und Ausarbeitung jeder unserer Wochenschau-Ausgaben zu verfügen.“

06:00 23.03.2016
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