RE: „Das wurde nie gemacht“ | 12.10.2017 | 16:40

Naja, bisschen ist ja heißer Brei auch deshalb, weil wir vor der Premiere gesprochen haben. Aber das schien mir in dem Fall möglich, weil die grundlegende Idee so klar und leicht verständlich ist. Das hat Konzeptkunst, die man nicht mögen muss, die ja aber doch auch eine legitime Form der Kunstausübung ist, nun mal so an sich. Wenn Sophie Calle sich ihren exquisiten Schmerz über das Verlassenwerden in einem 92-tägigen Tagebuch losschreibt, dann versteht man das auch sofort, dann ist das auch Meta, aber wenn man dann im Museum steht und dem Text folgt, dann wird eben erst erfahrbar, wie das funktioniert. Um ein Beispiel zu nennen, das mir jetzt sofort einfällt. Und die Abweichung in der Kopie, die findet sich von Warhol bis zum Fotorealismus in der Bildenden Kunst. Und bei "bloß" Whiteness bloßgelegt werden soll, würde ich sagen, dass das ziemlich grundstürzend sein kann, das ist, wegen dieser schwierigen Geschichte des Rassismus, schon was anderes, als wenn da alle Schauspieler aus der mit einem roten Fähnchen an der Hose auflaufen würden.

RE: Jeder ist 1 Volk | 11.09.2017 | 07:57

Vielleicht hilft zum Verständnis ja, was Antje Vollmer hier über ihn erzählt.

http://www.deutschlandfunkkultur.de/antje-vollmer-ueber-christoph-schlingensief-er-wollte-kein.2156.de.html?dram:article_id=395354

Das Befremden kann ich verstehen, das ging mir damals auch so. Aber gerade in der Rückschau sieht man nur, wie weit Schlingensief mit seinem Ensemble, mit seiner Vorstellung von Repräsentation.

RE: V-Mann Temme in der „Mausefalle“ | 01.09.2017 | 13:46

Bei allem, wo Sie Recht haben - ich finde, der Hinweis auf Russland (so sehr die Wahrnehmung der anderen sich stark unterscheidet von der Binnensicht, da bin ich völlig d'accord) nicht hilfreich, vor allem weil er in meinen Augen auch nicht produktiv ist - wenn man das feststellt, dann ist damit nichts gewonnen für die Aufklärung der blinden Flecken hier. Und in der Detailtiefe, wie hier über den Prozess und zum Teil auch die Ausschussarbeit berichtet wird, würde nie im Leben über russische oder andere Fälle berichtet werden, da würde man sich mit einfacheren Beschreibungen zufrieden geben.

Der Vorteil dieser Detailtiefe ist aber, das damit sehr viel Wissen zugänglich gemacht wird, das merkt man in München auch an den Pausengesprächen - es gibt da so viele Leute, die sehr genau Bescheid wissen, wie man das vor dem NSU-Komplex im Leben nicht hatte. Das ist auf jeden Fall positiv (und zeigt sich etwa auch daran, dass jetzt langsam, breiter die Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik überhaupt in den Blick gerät - fragen Sie mal gebildete, informierte Leute, wann der Oktoberfest-Anschlag oder wer Gundolf Köhler war).

Es stimmt sicherlich, dass es in Medien insitutionelle Blindheiten gibt, dass man den Verfassungschutz, auch im Wissen, was da alles schief gelaufen ist, immer noch zu wenig hinterfragt, wenn er heute Sachen vermeldet. Oder dass die Setzung der Bundesanwaltschaft von bürgerlichen Medien kaum/nicht kritisiert wird, die ja den Prozess so eingeengt hat, wie wir ihn jetzt erleben - auf das Trio bezogen, uninteressiert an Hintergründen (auch wenn es juristische Gründe gibt, weil dieses Mammut-Ding überhaupt schwer zu kontrollieren ist und ich aus richterlicher Sicht verstehen kann, dass die Hauptsorge ist, es so durchzuführen, dass es hinterher juristisch nicht angreifbar ist).

Es wäre auf jeden Fall wünschenswert, wenn es mehr journalistische Energie gäbe (aber das sage ich dann ja auch zu mir selbst), die blinden Flecke zu bearbeiten, die Frustrationen, die darüber ja auch im Bundestags-UA artikuliert wurde (den Ausschüssen fehlt eben auch die Handhabe, die Leute mit Lügen nicht durchkommen zu lassen; das aber immerhin haben sie von CDU bis Linkspartei deutlich markiert), umzuwandeln in Druck auf die Behörden, die Politik, wie sie Bouffier in Hessen repräsentiert.

Aber es gibt eben auch hoffnungsvolle Entwicklungen, Leute wie den genannten Laabs (von dem es mehrere bräuchte, die nichts anderes machen, klar), oder die FR, die in Hessen eine sehr umsichtige Berichterstattung zum Ausschuss (und dem ganzen Komplex) macht. Nicht zu vergessen die vielen Anwälte der Nebenklage, die die Probleme auch medial beim Namen nennen (wenn auch nicht auf der ersten Seite der Bild-Zeitung). Deshalb fand ich die Vorführung des Videos in Wiesbaden ja so bemerkenswert, auch wenn das wie ein Detail wirkt, das im Moment auch nicht gleich was gebracht hat - als Zeichen dafür, dass die Leute, die sich in der Aufklärung bemühen (gerade in Kassel gibt das viel bürgerschaftliches Engagement), eben mit solchen anderen, künstlerischen, aktionistischen Formen Aufmerksamkeit herzustellen zu versuchen.

RE: V-Mann Temme in der „Mausefalle“ | 01.09.2017 | 11:23

Da würde ich Ihnen zum Teil doch widersprechen: Richtig ist, dass der Skandal am großen Ganzen aus der deutschen Binnensicht nicht so perspektiviert wird, wie das mit Blick auf andere Länder geschähe - dass man "Menschenrechtsverletzungen" anderswo schneller diagnostiziert, als so einen Begriff auf den Umgang etwa mit den Hinterbliebenen hierzulande zu applizieren, was der Leiter von Forensic Architecture in diesem Feature zu bedenken gibt (http://www.br.de/radio/bayern2/sendungen/zuendfunk/kolumnen-sendungen/generator/sie-klagen-an-das-nsu-tribunal-am-koelner-schauspielhaus-102.html) - das ist sicherlich richtig. Es ist aber auch so - und das zählt auf den Fall zu den positiven Seiten der Geschichte -, dass die Berichterstattung doch sehr ausführlich und genau ist, dass sich mehrere Medien es leisten, den Prozess zum Beispiel komplett abzubilden (die Pressetribüne ist da konstant voller als die Zuschauerseite); dass Medien selbst auch Sachen rausfinden, Dirk Laabs, um nur einen zu nennen, der das dann in Springers Welt veröffentlicht; dass es unglaublich viel zivilgesellschaftliche Arbeit an dem Thema gibt - von den diversen NSU-Watch-Gruppen (die man finanziell bei ihrer ehrenamtlichen Arbeit auch unterstützen kann - (https://www.nsu-watch.info/nsu-watch/spenden/) bis zum NSU-Tribunal von Köln.

Das Problem ist vielleicht eher, dass in der breiteren Öffentlichkeit das Interesse an dem Thema zurückgegangen ist; das hat einerseits auch zu tun damit, dass es im Prozess und in den Ausschüssen unglaublich kleinteilig wird (aber prozedual anders nicht sein kann), und natürlich auch dass gewisse Bereiche ausgeklammert bleiben, die sich dann mit Verschwörungstheorien, Mutmaßungen und Frust füllen lassen.

RE: V-Mann Temme in der „Mausefalle“ | 31.08.2017 | 09:36

Gute Frage. Was auf jeden Fall ein Problem der ganzen Geschichte ist: der strukturelle Rassismus in allen Bereichen. Dass solche Morde quasi in Kauf genommen werden und hinter dem Quellenschutz rangieren, wenn dieses V-Mann-System nur behauptet, zu wissen, was die beobachteten Nazis machen - so was wie Mord sollte durch diese Beobachtung doch gerade verhindert werden. Das mit dem Rassismus zeigt sich aber auch daran, dass damals keine Journalistin, also keiner von uns, auf die Idee gekommen ist, mal Polizeiarbeit kritisch zu hinterfragen, statt von "Döner"-Morden zu reden, oder mit den Hinterbliebenen zu sprechen (die ja die Botschaft verstanden hatten und der Polizei sagte, sie soll bei den Nazis suchen). Bei der Documenta in Kassel ist auch das Video von der Demonstration nach dem Mord an Halit Yozgat in Kassel zu sehen ("kein 9. Opfer"), aber die ist medial gar nicht wahrgenommen wurden. Dabei hätte man da viel erfahren können. Immerhin, da sind die guten Seiten der Aufklärung seither, gibt es heute so was wie das NSU-Tribunal, das dieses Wissen zusammenträgt, formuliert. (Wenn auch mit weniger Screentime als die Auftritte der Angeklagten in München.)

RE: V-Mann Temme in der „Mausefalle“ | 31.08.2017 | 09:06

Man konnte den Börger so verstehen, muss dem aber auch noch mal nachgehen, weil es bei der der Ermittlung auch um Alibis (er sagte eben komischerweise da: Alibi, Einzahl) ging - es wurde, wie andere Zeugen vorher berichtet ja tatsächlich untersucht, ob Temme der Täter gewesen sein könnte, also der ganzen Ceska-Mordserie gewesen sein könnte. Da gab es dann auch Daten, bei denen er es nicht in Frage kam. Und ein bisschen offen wäre auch, was ein Alibi in Kassel gebracht hätte - denn da ist ja klar, dass er im Café war bis auf die 35 Sekunden, die die Arbeit von Forensic Architecture so anschaulich herausstellt, in denen - theoretisch - er hätte rausgehen können, ohne Halit Yozgat zu sehen, der dann aber fix wieder in den Laden hätte zurückkehren müssen (wo ja vier Kunden waren, warum sollte er rausgegangen sein) und die Mörder nach ihm. Eine theoretisch mögliche Choreografie der Bewegungen, die im Theater inszeniert hätte werden können, aber in echt sehr zufällig gewesen wäre. Und dann ist der entscheidende Move der Sperrvermerk von Bouffier, dessen Begründung die Aufklärungsversuche in der ganzen Sache dominiert: Quellenschutz geht vor. Auch vor Ermittlungen in Mordsachen. Dabei zeigt ja gerade der NSU-Komplex die Absurdität der Verfassungsschutzarbeit: Wozu noch Quellen schützen, wenn die mit ihren Erkenntnissen gerade nicht helfen, den Tod von dann neun Menschen zu verhindern. Dann müsste man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass diese Form der Arbeit mit Quellen offenbar nichts bringt - und sie folglich auch nicht schützen (mal abgesehen davon, dass eine Befragung auch denkbar gewesen wäre, ohne dass die gleich auffliegen). Aber die Aufklärung der Verfassungsschutzarbeit wird ja nicht gemacht, und dann entstehen offene Fragen und Leute zitieren Uwe Steimle. Das ist arg.

RE: Kindergarten des Grauens | 03.08.2016 | 16:00

Das mit dem Hinwollen wird, fürchte ich, nix mehr, war doch der 23. Juli

RE: Sommer 1966 | 26.07.2016 | 12:45

der Kommentar von den Schulgeschichten sollte eigentlich hierhin, also noch mal, herrliche Geschichten

RE: Alte Schulgeschichten | 26.07.2016 | 12:43

Das ist aber sehr gern gesehen, herrlich Geschichten!