Aber es bleibt nicht so, wie's ist

Tatort Ludwigshafener Klassik der späten Odenthal-Jahre: Die Folge "Zirkuskind" ist ein Buchhalter, der permanent damit beschäftigt ist zu erklären, was er wie gemeint hat

Die schlechte Nachricht lautet: Der Tatort: Zirkuskind (SWR-Redaktion: Melanie Wolber, Manfred Hattendorf) spielt, wie der Titel vermuten lässt, im Zirkusmilieu. Die gute: Ulrich Tukur ist nicht dabei. Hohoho, ein Schenkelklopfer für die Disliker von totalenthemmter Virtuosität. Tatsächlich sieht man im Vergleich der Murot-Episode vom Ende letzten Jahres‎ und der Ludwigshafener Folge von jetzt sehr schön, wie zwei prominente Möglichkeiten des Sonntagabendkrimis im Golden Age des Redakteursfernsehens aussehen: Die eine (Tukur) wäre die als "Kunst" freigestellte Ausnahme von der Regel, die sich vollständig dem Onanismus eines geschätzten Schauspielers unterwirft.

Die andere (Ludwigshafen) ist die Durchverwaltung des "Themas", bei dem der Einsatz der bestimmenden Akteure (Ulrike Folkerts, Andreas Hoppe) sich lediglich zu einer Runde auf dem Seil aufschwingt (Tukur-Murot undercovert als Bandmitglied gleich die ganze Zeit). Weil Ludwigshafen sich aber unter keinen Umständen dem Verdacht von "Kunst" aussetzen darf, muss der exzentrische Balanceakt in der Drehbuchhaltung als Dienstreise aka Ermittlung auftauchen: Lena Ödenthal quetscht bei ihrem Kabinettstücken nebenher das putzige Mädchen aus.

Die Anhänger der breitesten Vorstellung vom Tatort werden bei Zirkuskind finden, was sie nicht stört: Verdächtigenarithmetik, Ermittlungsdynamik, Sozialkundelektion (Antiquitätenhandel) und vor allem keine Überforderung. "Zirkuskind" ist eher underwhelming. Macht irgendwas bei hochgerechneten 9 Millionen Zuschauern in den Quotenmeldungen von Montag früh und das Gefühl, dass das alles immer so weitergehen kann, man fällt nicht unangenehm auf mit solchen Zahlen.

NSA auf zwei Beinen

Alle anderen könnten dagegen zu einem relativ frühen Zeitpunkt auf die Idee kommen, das überaus beliebte Merkste-selber-Bingo zu spielen, also bei den Dialogsätzen aufzumerken, die das kommode Elend von "Zirkuskind" treffen beschreiben: "Begeisterung sieht anders aus." "Das Leben ist hart." "Mir wird's jetzt echt zu blöd." Denn das, wenn man sich aufregen mag, Langweile an diesem Tatort ist, dass er so scheinbar schick daherkommt, weil die Bilder von Andreas Schäfauer (Kamera) hübsch ausschauen, die Stadt ein paar Auftritte hat.

Es routiniert vor sich hin, was man Ludwigshafener Klassik nennen könnte, der reife Standard eines Lena-Ödenthal-Films, der zum Krimi eine Beziehung hat wie die Reisekostenabrechnung zur Reise: Es wird nix erlebt, es wird sich nur gerechtfertigt. Die Geschichte (Drehbuch: Harald Göckeritz) kriegt von der ersten Sekunde den Kopf nicht mehr hoch und verfummelt sich in den Vorwürfen, von denen sie glaubt, dass man sie ihr machen könnte. Unentwegtes Reden, seltenes Handeln, ein Bauerntheater (Regie: Till Endemann), bei dem die Ermittler immer Gewehr bei Fuß stehen – Lena Ödenthal als NSA auf zwei Beinen. Als Verdächtiger hat man in Ludwigshafen gar keine Chance mehr, ein Geheimnis zu entwickeln, weil Tag und Nacht am Zirkusplatz Ermittler rumstehen, um wichtige Gespräche zu belauschen und merkwürdige Bewegungen zu beobachten.

Die Figuren agieren wie USB-Sticks, von denen immer die Information gezogen wird, die man gerade braucht. Die Polizei stellt sich grundsätzlich dämlich an – Kopper in der Einzelverfolgung von Robbi, gespielt von Hanno Koffler; Odenthal beim Niederschlagenlassen vom freundlichen Profikriminellen, gespielt von Carlo Ljubek; täten sie es nicht, würde der Film nicht auf seine 90 Minuten kommen. Die Sozialkundelektion (Antiquitätenhandel) wird nicht erst ausgepackt, sondern gleich in den Sätzen serviert, die in der Rechercheliteratur zu finden waren und die sich vor Wikipedia nicht verstecken müssten: "Der Antiquitätenschmuggel ist ein weitgehend von mafiösen Strukturen bestimmtes, internationales Geschäft."

Der Zirkus-Opa

Die Kommissare reden permanent alles, was erklärt werden muss, vor sich hin, als müssten sie ein Hörspiel bestreiten und wie Sabine Töpperwien in der Samstagskonferenz alles beschreiben, weil der Zuhörer ja nichts sieht. Dabei ist es Fernsehen. Besonders hervorzuheben sind hier Koppers "Telefonate", die gar nicht mehr versuchen so zu tun, als seien sie etwas anderes als Monologe zur Zuschauerinformation. Außerdem kann man sich darauf verlassen, dass alles Vulgärkulturwissenschaftlich-Zeitgenössische, was zum Zirkus als Institution gesagt werden kann, auch gesagt wird – und was man nicht in die Dialoge der Zirkusleute selbst reinkriegt, wird an den putzigen Opa outgesourcet, der Lena Ödenthal unter der Brücke das Restereferat hält.

Die "Psychologie", die Motive motiviert und Taten erklärt, ist in Zirkuskind ersetzt durch die Verständnisprotokolle der Drehbuchbesprechungen zwischen Autor, Produzenten (Nils Reinhardt, Sabine Tettenborn von der Maran Film) und den SWR-Redakteuren. Wie am Ende sich Ödenthal und Kopper zusammenreimen, dass nicht young Feli (Liv Lisa Fries) "es" war, sondern die sogenannte Patriarchin Louisiana ("Hatte Louisiana nicht genauso viel zu verlieren wie Feli?"), das gibt für Außenstehende Stand und Niveau solcher Gespräche recht gut wieder. Die Aktennotizen übersetzen sich dann nicht in Film, sondern Bedienungsanleitungen. Goldener Schnitt heißt für diese Ästhetik nach zwei Dritteln der Zeit zum ersten Mal penetrant "Du bist ein Zirkuskind" zu sagen, damit bis Ende des Films noch ein Motiv draus wird, von dem man nachher behaupten kann, es würde den Titel rechtfertigen.

Autorschaft ist in solch geordneten Zusammenhang wiederum lediglich, die drei Takte Pearl-Jam-Song in der Kneipe als Referenz an die eigene Jugend durchzusetzen und dem Anwalt mit dem Kuchen zu sagen, er soll mal ein bisschen komisch tun in der Weise, wie Charaktere aus den Filmen der Leute machen, die man vielleicht selbst gut findet (Coen, Taratino, irgendwas in der Richtung).

Bannerwerbung

Seinen Höhepunkt findet "Zirkuskind" folglich nicht in der wunderbaren Schlussszene, in der Überraschungsei-esk drei Dinge auf einmal performt werden (Aufklärung, Action, großes Gefühl – wie Minnesota, gerade angeschossen vor aller Augen, noch mal fix in die Manege ausbüxt, weil da dann zu magic Bildern vom magic Zirkusgefühl gestorben werden kann, das ist ganz, ganz großer deutscher Fernsehfilm).

Nein, das Highlight dieser Ludwigshafener Folge ist der 360-Grad-Schwenk mit Kopper aus dem Betonplatz mit Straßenmusiker, bei der allen Ernstes jemand auf die Idee gekommen ist, im Hintergrund mit einer lausig aufgehängten SWR-Fahne Werbung für den eigenen Sender zu machen. Man weiß nämlich nicht, was am traurigsten ist – a) die Hoffnung, im eigenen Programm mit so 'nem Stückchen Stoff, das vom Sponsoring der Jazzmeile in Ulm über war, "Synergieeffekte" realisieren zu können; b) zu glauben, dass so etwas nicht peinlich wäre oder c) das Selbstvertrauen, dass ein Film wie Zirkuskind Werbung für irgendwas machen könnte.

Sternstunden der Gruppenkonstruktion: "Wir sind ein kleiner Zirkus"

Etwas für den Grabstein: "Vielleicht war das nur das Arschloch aus der Kneipe"

Ein Satz, der im Kopenhagener Zoo nicht zu jedem gesagt werden sollte: "Kümmer' dich um die Zebras!"

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13:24 17.02.2014
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