Ach, endlich, ja!

Tatort Saarbrücken gibt alles: Oscar-prämierter Regisseur, tolle Jungschauspieler, Afghanistan als Thema - aber das ist leider viel zu viel. J.A. Freydanks Tatort: "Heimatfront"

Saarbrücken ist nur einmal im Jahr dran mit dem Tatort. Da kann die Versuchung groß sein, etwas Besonderes machen zu wollen – wenngleich die letztjährige, sehr gute, kammerspieleske Folge eigentlich für das Gegenteil spricht. Man muss es ausprobieren, und danach ist man immer klüger: Wären sie mal bei ihrem Leisten geblieben in Saarbrücken. Stattdessen darf Jochen Alexander Freydank ran, der sich auf Nebenwegen in der deutschen Fernsehfilmlandschaft zum Kurzfilm Oscar 2009 hochgearbeitet hat.

Das ist Freydank zu gönnen, leider nur sieht der Tatort: Heimatfront so sehr nach großem Wurf aus, das man bald nicht mehr hinschauen will. Der Oscar-prämierte Regisseur, der recht prominente Cast aus poshen deutschen Jungschauspielern (Constantin von Jascheroff, Robert Gwisdek, Ludwig Trepte, Friedrich Mücke, Martin Kiefer), der Cameo-Auftritt von formerly known as Harald-Schmidt-Sidekick Manuel Andrack als Bierzapfer und das big Thema Afghanistankrieg (Buch: Christiane Hütter, Christian Heider, Bearbeitung: Uwe Wilhelm) – man hat schon etwas Mühe, hier nicht zu viel Kalkül zu wittern.

Seinen Oscar-Glanz übersetzt Freydank in Wucht: ungewöhnliche Kamerabilder (Wolf Siegelmann) und eine Musik (Ingo Ludwig Frenzel, Lars Loehn), die einem zumeist sagt, wo's langgeht. Dass das Spiel mit den Totalen und extremen Brennweiten mitunter mehr dem Effekt als dem Stoff geschuldet ist, zeigt sich etwa gegen Ende, wenn Kappl (Maximilian Brückner) und Deininger (Gregor Weber) im Park den vernünftigsten der Afghanistan-Traumatisierten, Lars Leroux (Trepte), auf der Parkbank nach dem Aufenthalt der eher devianten Böcking (Jascheroff) und Weitershagen (Mücke) befragen – und die Kamera die Szene vom Dach eines Hauses zeigt, als wären wir am Anfang von Coppolas Der Dialog – das ist, in diesem Kontext, die Freischärler-Perspektive, aber da oben sitzt gar kein Freischärler, sondern nur die Kamera, und deshalb ist es: Schnickschnack.

Kerner strikes back!

Die tote Performance-Künstlerin, deren Installation als schwebender Engel zwischen lauter Bildschirmen mit Traumatisierungstherapiegesprächen uns dem Urteil Deiningers beipflichten lässt ("Also, ich hab' echt kein'n Bezug zu so Kunstzeuch"), führt schnurstracks in die Bundeswehrkaserne von Oberst Claasen (den der Lindholm-Vorgesetzte Torsten Michaelis spielt). Schön entwickelt ist aber was anderes: Weder das mit dem Motiv noch mit dem Verdacht erklärt sich so recht, und auch deshalb tritt Heimatfront 50 Minuten lang auf der Stelle, ehe der Friedensaktivist Schwarz (Gwisdek, in dem wir immer das Beste aus seinem Vater Michael und seiner Mutter Corinna Harfouch sehen) ein bisschen Privatissimo in die politische Affäre einführt.

Was das big Thema Afghanistan angeht, kann man sagen: Kerner hätte es auch nicht schlechter gemacht. Die Stephanie-zu-Guttenberg-Fans werden sagen, es sei doch wichtig, für das Leid und die Verlorenheit der Heimgekehrten zu sensibilisieren, und das Perfide daran ist dann weniger, dass keiner was dagegen haben kann – inklusive uns –, sondern dass das alles arg kurzschlüssig ist, weil dahinter die Frage nach Sinn und Unsinn des Einsatzes am Hindukusch verschwindet. Traumatisierung von Soldaten, die lebensuntauglich an die – sic – Heimatfront zurückkehren, ist zweifellos ein Problem – nur wünschte man sich eine Politik, die sich das vielleicht auch mal vorher überlegte. Stattdessen wird hier mit dem Trauma hausieren gegangen, dass man sich fragen kann, ob es wirklich ums Trauma geht oder nicht doch um Durchhalteparolen, bei denen die vom Kriegsversehrten in den eigenen Reihen gegen eine als verlottert-kiffend-radikal gezeichnete Friedensbewegung in Gestalt von Schwarz ausgespielt werden. Etwas mehr Ratlosigkeit in solchen Fällen würde der fernschauenden Zivilbevölkerung womöglich weiter helfen als diese KT-Propaganda im Namen der einfachen Soldaten (bis hin zu den Tatort psychologischen Anschuldigungen gegen den Oberfeldwebel Weitershagen als Versager).

Womit wir nichts gegen die einfachen Soldaten sagen wollen – das sind die ärmsten Schweine von allen.

Eine Ortsangabe, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wäre: die Hütte neben dem Solarfeld

Eine Kulturtechnik, die überrascht: Mutter Böcking hat freshe Fotos von der Love-Affair ihres Filius mit der toten Künstlerin – die druckt doch heute keiner mehr aus

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21:45 23.01.2010
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