Alkohol, Rauchen, Pommes

Polizeiruf 110 What an Auftakt! Matthias Brandt feiert als neuer Münchner Polizeiruf-Kommissar in "Cassandras Warnung" unter Dominik Grafs Regie schon beim Debüt den höchsten Saisonsieg

Eigentlich bräuchte es hier jetzt den in dieser Sonntagabendkrimikritik geschätzten Jürgen Klopp, um dem ungeniert Ausdruck zu verleihen, was das gerade war: Hammer, irre, Wahnsinn – wären mögliche, relativ unvermittelte Vokabeln der Begeisterung, mit der Klopp nicht hinterm Berg halten würde. Wir auch nicht.

München hat einen neuen Polizeiruf, nach Edgar Selges Tauber, nach dem – wegen des Tods von Jörg Hube – leider nur kurzen Zwischenspiel von Stefanie Stappenbeck. Matthias Brandt ist Hanns von Meuffels und Anna Maria Sturm soll als Dorfpolizistin Anna Burnhauser seine Kollegin werden, und der Bayrische Rundfunk hat in der ersten Folge nicht gespart: Der große Dominik Graf hat Günter Schütters Buch Cassandras Warnung verfilmt, Florian von Volxem und Sven Rossenbach haben dazu eine Musik geschrieben, die sich nicht als Illustration begreift. Und so wird einmal vorgeführt, was mit dem Format möglich sein kann, wenn man sich nicht an die Formatierungen hält, sondern über den Sonntagabendkrimi als Routine improvisiert.

Allein im Kommissariat steht eine Mannschaft von Edelhelfern zur Verfügung, die in der ersten Folge aufgeraucht werden wie weiland das US-Postal-Team von Lance Armstrong am Schlussanstieg nach Alpe d'Huez. Ronald Zehrfeld als Gerry Vogt werden wir schon deshalb nicht mehr wiedersehen, weil er der Täter war. Die Besetzung McFlys mit Philipp Moog, der sein Leben seit Ende der achtziger Jahre als suspekter Jungdynamo in Derrick- und Der Alte-Folgen zugebracht hat, ist eine schöne, selbstironische Beförderung. Samir Fuchsens Kavallerist Ari Ben Kanaan führt – das gelingt, wenn kritteln erlaubt ist, vielleicht eher so halb, wirkt ein wenig bemüht – den Israel-Palästina-Konflikt gut gelaunt in die Folge ein. Dazu eine Schar von erstklassigen Komparsen, die das Polizeirevier zu einem lebendigen Ort machen.

Das alte München!

Die große Doris Kunstmann hat dazu einen Auftritt, der diesen Namen verdient, als Lehrmeisterin Taubers, was von Traditionsbewusstsein zeugt. Sie führt Meuffels in die Ermittlungen des Subfalls ein, den der Neue quasi nebenbei löst. Eigentlich führt sie den aus Bremen, mit einem Skoda Gekommenen aber in dieses München ein, mit einer literarischen Suada über die geleckte Jetztzeit, die genau genommen ein eigener, kleiner Film ist. Ein Spaziergang durch die gewandelte Welt, und man muss Schütter hoch anrechnen, dass er den abgewichsten Topos der Gentrifizierungs-Kinderwagen-Latte-Kritik durch eine Sprache von eigener Qualität wieder rückbindet an die nachempfindbare Wehmut einer persönlichen Geschichte.

Mit ein bisschen Abstand mag man Grafs Tempo, seine Auflösungen der bisweilen tänzerischen Dialogszenen (Meuffels Verhör der Vogt-Frau auf die Korruption ihres Mannes hin! Wie Vogt Vernehmungsszenen nachspielt!), seine Spielfreude mit dem Material als ein wenig effekthascherisch empfinden, denn natürlich fällt der Verdacht – auch wenn die zuständige BR-Redakteurin Dr. Cornelia Ackers im Presseheft frohlockend wirbt, es sei der Polizeiruf mit der "überraschendsten Wendung, die ich je in einem Film erlebt habe" – doch irgendwann auf Vogt selbst, und es reift die Vermutung, dass seine Frau (Alma Leiberg) gar nicht seine Frau ist, sondern seine Geliebte. Aber das ist lässlich.

Denn Schütter traut sich Sätze wie Meuffelsens Herkunftsbeschreibung, die man normalerweise, zumal so konzentriert wie von Brandt gesprochen, eher in einem Roman, aber nie in einem Fernsehfilmbuch verorten würde: "Bei mir ist es eher so eine Sippe, deren sinnentleertes Macht- und Pietätsgehabe nach der Verarmung weitergelaufen ist wie Störtebeker ohne Kopf." Cassandras Warnung ist häufig Überforderung, auch weil hier die Dialekte mehr sind als Lokalkoloritbehauptung.

Produzentenfantum

Matthias Brandt, der große Schmerzensmann des deutschen Films, kann in diesem überreichen Setting zu einer Männlichkeitsanlage finden, die im engen Rahmen der meisten Sonntagskrimi-Ermittler ein neues Feld erschließt zwischen einsamem Wolf und putzigem Alten, zwischen Richy Müller und Jaecki Schwarz. Brandts Meuffels ist, was Ulrich Tukurs Murot gerne wäre, ein Mann der alten Schule, der seinen Stil aber nicht als Ornament begreift, sondern dezent auslegt. Der Konservatismus von Meuffels kommt ohne den leicht beleidigten Zug ins Regressive aus, der aus dem Konservatismus of our days zumeist ein trotzig-naselaufendes Auf-die-Hinterbeine-Stellen vor der Gegenwart macht. Und am Ende tanzt der Kommissar wie weiland der einzigwahrerichtige Kommissar in der allergrößten Zbynek-Brynych-Verfilmung (ab 5:40), die je einem Reinecker-Buch zuteil geworden ist.

Der einzige Wermutstropfen, wenn auf diese beliebte Floskel zurückgegriffen werden darf als Stabilisator gegen den Rausch des Inkommensurablen, in den uns Cassandras Warnung getrieben hat, sind die Bewunderungsbekundungen von BR-Redakteurin Dr. Cornelia Ackers im Presseheft, die ihre Dominik-Graf-Anhimmelung unbedingt als Sein-größter-Fan-Dasein darstellen muss: "Dominik Graf ist ein Künstler, vor dem ich mit erhobenen Händen stehe mich irgendwie gen Mekka bzw. gen Graf neige, um zu sagen: 'Großer Meister, mach' einfach!' Und auch Günter Schütter verehre ich sehr – für mich stehen die beiden kurz vor der Vollerleuchtung (lacht)."

Das mag auf den flüchtigsten Blick vielleicht sympathisch klingen, auch wenn es grammatikalisch und metaphorisch nie Sinn ergeben hat. Aber man fragt sich dann doch, ob die mächtigen ARD-Redakteurinnen nicht eigentlich grundsätzlich ein derart euphorisches Verhältnis zu ihren "Künstlern" unterhalten und ihr Wirken besser denn als quasireligiöse Bewunderung als nüchtern-kritische Ermöglichung begreifen sollten – schließlich tragen sie einen Großteil der Verantwortung an der Konfektionsware, von der sich Graf und seine Kollegen hier so deutlich abheben.

Wohltuende Abweichungen von Kommissarstandardanweisungen (1): "Können wir uns bei der Suche jetzt mal wirklich auf das Handy konzentrieren."

Wohltuende Abweichungen von Kommissarstandardanweisungen (2): "Stellen Sie sich geschickt an, Esprit, Sie wissen, was ich meine."

21:45 21.08.2011

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