Alkoholiker?

Tatort Ein Film mit Ulrich Tukur ist ein Ulrich Tukur mit Film: Das ist beim Debüt "Wie einst Lilly" des neuen "Tatort"-Manns Felix Murot, den Tukur spielt, nicht anders

Nach dem Ende des Ermittlerduos Dellwo/Sänger im Frankfurter Tatort – dem wir über die Jahre in einer Form von wechselhafter Zuneigung verbunden waren, die sich erst am Schluss als Liebe erkennen ließ – sind für den Hessischen Rundfunk in der föderalen Krimireihe künftig gleich zwei Nachfolger am Start. In Frankfurt werden künftig Nina Kunzendorf als Conny Mey und Joachim Król als Frank Steier Verbrechen aufklären – und man darf davon ausgehen, dass sie mit dem Tagesgeschäft befasst sein werden.

Denn der Mann für besondere Fälle ist für den HR seit diesem Sonntag Ulrich Tukur als LKA-Mann Felix Murot, der von Wiesbaden aus auf Verbrecherjagd geht. Wie lange, bleibt vorerst ungewiss: Tukur genießt das Privileg, nur einen Tatort pro Jahr zu drehen und sich danach entscheiden zu können, ob ein weiterer folgen soll. Wie einst Lilly heißt die erste Folge, auf die, so viel ist sicher, eine zweite folgen wird. Das ergibt Sinn, insofern Wie einst Lilly dazu dient, die Kollegin des LKA-Manns zu etablieren: den eigenen Gehirntumor. Zu Beginn der Folge wird er diagnostiziert, am Ende ist er so weit akzeptiert, dass Murot ihn mit einem Namen versieht, eben Lilly, und mit ihr ein erstes Zwiegespräch führt. Wie ich lernte, den Tumor zu lieben oder: heitere Aussichten für möglichst viele Folgen mit Felix Murot, bei dem schon der überkodierte Name höchste Ansprüche formuliert.

Murot ist die Kür für den HR, die mit dem Schauspieler und Tausendsassa Tukur verbunden ist. Zum einen darf Murot an die ganz großen ungelösten Fälle ran – die Spur des toten Sensationsreporters, der selbst einmal Mitglied einer terroristischen Vereinigung war, führt zum ungeklärten Fall des mit einer Autobombe ermordeten Wirtschaftsführers Lohmann, der die Welt besser machen wollte (und damit unverkennbar die Züge des Alfred-Herrhausen-Mordes von 1989 trägt).

Mit vollem Munde spricht man gut


Zum anderen bringt Tukur naturgemäß in den Film von seinen persönlichen Vorlieben so viel ein, dass in den Rückblenden selbst die siebziger und achtziger Jahre in Sepia erstarren, als wären sie die zwanziger: Murot trägt nicht nur die Anzüge, die Tukur trägt, er begeistert den Tukur-Aficionado auch mit dem Dreiklang des höheren Tukurismus. Erstens: genüsslich mit vollem Munde artikulieren. Zweitens: die Musik vergangener Zeiten rehabilitieren (watch out den Titel der Folge!). Drittens: sich an jeden Flügel setzen, der nicht bei drei aus dem Bild geräumt worden ist. Die Ausstatter künftiger Murot-Tatorte (diesmal: Börries Hahn-Hoffmann) können also schon mal den Konzertflügel buchen, die Sounddesigner in den Backlists der goldenen Jahres des deutschen Schlagers kramen und die Drehbuchschreiber dialoglastige Szenen an Esstischen erfinden.

Nebenbei streicht die Tukur-Figur ihren geschmacklich höchstvollendeten Konservatismus durch einen gewissen Hang zum gebildeten Kalenderspruch ("Es nimmt kein gutes Ende mit denen, die keinen Respekt vor den Toten haben") und mutige Invektiven gegen eine ästhetisch wie moralisch verrottete Gegenwart heraus: der Faktenfanatismus der CSI-Serien wird auf die Schippe genommen, die Boulevardpresse mit Goethe oder Wilhelm Busch in ihrer Verkommenheit kritisiert ("Leserreporter!"), die Finanzdienstleistungssorgen der Sekretärin (selbstverständlich nicht: Assistentin) Magda Wächter (Barbara Philipp) als Ventil für eine Kapitalismuskritik oder so etwas ähnliches genutzt. Und den Automobilentwicklern von heute dreht Murot/Tukur eine lange Nase, wenn er sich kurzerhand für einen gebrauchten NSU RO 80 entscheidet – was uns das Herz so sehr wärmt, wie die tiefstehende Sonne über Essen es nie vermochte, hat doch niemand geringerer als der Größte von allen einst gemeinsam mit Walter dafür geworben.

Zum Fall bleibt angesichts solcher Detailfülle in der Ermittlerfigur nicht viel zu sagen. Die Spannung ist, tukurbedingt, so lala, die Besetzung dafür nicht von schlechten Eltern (Martina Gedeck, Lars Rudolph, Vadim Glowna, Fritzi Haberlandt, der herrliche Martin Brambach, der erst vor zwei Wochen gefiel) und in gewisser Weise schlüssig: Von Martina Gedeck wissen wir, dass sie Bernd Eichingers Ulrike Meinhof war, und Vadim Glowna hat in Christopher Roths Baader (2002) einst eine Horst-Herold-Figur namens Kurt Krone gespielt – hier heißt er nun Paul Krafft, ist gewesener Vorgesetzter Murots und scheint ebenfalls nicht unbeeindruckt zu sein vom Vorbild des realen BKA-Chefs. Wenngleich wir Horst Herold damit nicht unterstellen wollen, er würde von seinem Häuschen auf dem Gelände einer BGS-Kaserne aus mit Hilfe blond-kalter Handlanger Sachen tun, die Zweifel an der offiziellen Lesart der Geschichte weiter zerstreuen sollen.

Der schönste Kalenderspruch: "Rechtfertigung ist die kleine Schwester des schlechten Gewissens."

Die häufigste Replik: "Kein Thema."

21:45 28.11.2010
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