Alles beim Alten

Komödie Ralf Westhoffs WG-Generationen-Film „Wir sind die Neuen“ kommt einfach nicht vom Fleck
| Ausgabe 29/2014

Die demografische Entwicklung beschert dem Film ein neues Genre. Das eigentümliche Phänomen, dass die Menschen älter werden und dabei länger jung bleiben, verschafft der auf ewige Jugend fixierten Begehrensproduktion des Kinos neuen Spielraum. Schauspieler – und das Maskulinum ist kaum je generisch gemeint –, die eigentlich als Großvaterfiguren an die Ränder der Handlung rutschen würden, werden als Protagonisten reaktiviert: Clint Eastwood, Donald Sutherland, Tommy Lee Jones und James Garner in Space Cowboys (2000), Bruce Willis, Morgan Freeman und John Malkovich in R.E.D. (2010, Teil zwei 2013), Robert De Niro und Sylvester Stallone in Zwei vom alten Schlag sowie Michael Douglas, Robert De Niro, Morgan Freeman, und Kevin Kline in Last Vegas (alle 2013).

Aus dem Buddytum des Rat Packs ist das Buddytum des Rentner Packs geworden (oder AARP Pack, wie es in den USA nach dem gleichnamigen Lobbyverband für ältere Menschen heißen müsste), die das Immer-noch variieren (ins All fliegen, Verbrecher jagen, boxen, feiern können).

Die Filme treffen auf ein – statistisch gesehen – wachsendes Publikum, das dem Kino als Ort wie den Stars auf der Leinwand bereits ein Leben lang verbunden ist. Auf Deutschland bezogen heißt das dann, Heiner Lauterbach wiederzusehen. In Ralf Westhoffs Komödie Wir sind die Neuen zieht er als Frauenheld Eddi gemeinsam mit der Biologin Anne (Gisela Schneeberger) und dem altruistischen Anwalt Johannes (Michael Wittenborn) als die Wohngemeinschaft zusammen, in der alle schon zu Studientagen gelebt haben.

Für 68er, die als Sinnbild idealistischer, freizügiger und politisierter (Groß-)Elternfiguren stünden, sind alle drei zu jung. Und für die Babyboomer, denen sich wohlstandsstatistisch die generationelle Ideallinie bot, zu arm (was den erneuten Zusammenzug motivieren soll). Was nebensächlich ist, weil es dem Unterhaltungsfilm naturgemäß nicht um ein präzises Sittenbild geht, sondern um Kontrast zur Gegenwart. Die muss von der drüberwohnenden WG aus Kunsthistorikerin Barbara (Karoline Schuch) und den Jura-Studenten Katharina (Claudia Eisinger) und Thorsten (Patrick Güldenberg) repräsentiert werden.

Rollkofferlamento

Es geht also um das Spiel mit Klischees, was heißen würde, das Allgemeine originell zu individualisieren. Möglichkeiten dazu hätte der Film kraft seiner Darsteller: Gisela Schneeberger kann – nicht nur wegen des jahrelangen Zusammenspiels mit Gerhard Polt – den Nuancen des Bayrischen mit einer Ironie nachspüren, deren Reiz darin besteht, als solche kaum erkennbar zu sein. Und Michael Wittenborn ist ein Ritter von tapferer Gestalt, er bringt eine sehr eigene Körperlichkeit ein.

Der Regisseur Westhoff macht davon allerdings kaum Gebrauch; und der Autor Westhoff zielt sowieso immer nur ins Allgemeine: Kaffee „to go“ und Rollkoffer haben sich als Symbole eines Das-sagt-man-jetzt-so-Gegenwartsmokierens schon seit Jahren verbraucht, was hier kein Grund ist, damit nicht noch mal auf kulturpessimistisches Nicken im Publikum zu setzen. Die Jungen sind naturgemäß Schluffis – dass sie deswegen aber nur einen Gesichtsausdruck vorzeigen dürfen (selbst dann, als ihnen geholfen wird), erschließt sich nicht.

So tritt Wir sind die Neuen immer nur auf der Stelle. Der Film macht sich etwa nicht die Mühe, kleine Erzählungen für die Unterstützung der Jungen durch die Alten zu erfinden, also genauer zu sagen, was der alte Anwalt (Wittenborn) der jungen Studentin (Eisinger) rät oder was Barbara vom Macho (Lauterbach) über den Umgang mit Männern lernen kann. Dem Film geht es wie seinen wiedervereinten WG-Bewohnern, unter denen alte Streits ausbrechen: Er kann sich nicht entscheiden, ob er die Idee wirklich gut findet.

Wir sind die Neuen Ralf Westhoff Deutschland 2014, 91 Minuten

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