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Medientagebuch "Schauprozesse. Genossen vor Gericht" erzählt am Fall von Wolfgang Harich und Walter Janka aus dem Aufbau-Verlag die Geschichte dieses Instruments der Machtdemonstration

Im Hintergrund prangen noch Hammer und Zirkel im Ährenkranz, März 1990, Kassationsgericht. Ein Richter beschließt sonor und unaufgeregt eine Verhandlung, da schnipst, wie in der Schule, der Arm eines weißhaarigen Mannes empor. „Moment“, ruft der Mann, dem gerade verspätet Recht gegeben wurde, und fährt binnen dreier Sätze einen gehörigen Wutanfall hoch, weil er seine politische Geschichtenicht recht gewürdigt sieht. Am Ende schmeißt er mit einem Mikrofon und schreit: „Verdammter Dreck und Mist.“

Der Mann ist Wolfgang Harich, einst Lektor im Aufbau Verlag und intellektuelles Wunderkind im Ostberlin der Nachkriegsjahre. 1957 wurde er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt – gemeinsam mit seinem Verleger Walter Janka und Gustav Just, dem stellvertretenden Chefredakteur des Sonntag (der Vorgängerzeitung des Freitag). Die Anklage lautete auf „Umsturzpläne und Boykotthetze“, die Urteile standen vorher fest.

Schauprozesse. Genossen vor Gericht heißt die 45-minütige Dokumentation von Thomas Grimm, die nun im RBB zu sehen ist. Sie erzählt, ausgehend vom Harich-Janka-Prozess, eine kleine Geschichte des Schauprozesses als inszenierter Machtdemonstration aus der Zeit des Stalinismus. Als „Gegenteil“ des Grundsatzes „In dubio pro reo“, im Zweifel für den Angeklagten, beschreibt der Historiker Fabian Thunemann die juristische Farce, die dazu diente, Machtverhältnisse zu ordnen – in den 30er Jahren in der Sowjetunion und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg in den sozialistischen Satellitenstaaten. Das Überraschende und Bedrohliche war das Cast für die Aburteilung zumeist angeblicher Verräter – je prominenter, desto wirkungsvoller.

Wobei der Harich-Janka-Prozess in dieser Hinsicht ein Desaster war. Die drei Angeklagten erhielten zwar ihre vorbestimmte Strafe (Harich zehn Jahre, Janka fünf, Just vier), die Verhandlung verlief aber uneinheitlich. Während Harich aus Angst vor einer Todesstrafe zugab, was er zugeben sollte, erwies sich vor allem Janka als „Steher“ (Rechtsanwalt Friedrich Wolff) und unterminierte damit die Botschaft, die von dem Theater ausgehen sollte.

Das entwickelt die Dokumentation in ziemlicher Klarheit und mit den Mitteln des Fernsehfeatures: schwarzweiße Archivbilder, Off-Sprecherin, dramatische Musik, Talking Heads vor blauem Hintergrund. Besonders ist der große Anteil von Interviews mit den mittlerweile verstorbenen Protagonisten. Harich, Janka, Just geben Auskunft, und selbst eine heute vergessene, lässige Lady wie Erica Glaser-Wallach kann so selbst Angaben zu ihrer Geschichte machen. Für die Adoptivtochter des angeblichen Spions Noel Field ergab sich ihre Verhandlung aus dessen Verurteilung.

Die Aufnahmen stammen aus Grimms Zeitzeugen-TV-Archiv. Seit über 25 Jahren nimmt der Journalist und Filmemacher die (Lebens-)Erzählungen von prägenden Figuren der jüngeren Geschichte auf. Das Gespräch mit Harich war eines der ersten, es wurde noch im November 1989 mit einer von einem Westberliner Freund geliehenen Videokamera gedreht. Und die Bilder vom Wutanfall Harichs vor dem Kassationsgericht gäbe es ohne Grimms umfangreiches Interesse an der Geschichte nicht.

Schauprozesse. Genossen vor Gericht ist am 2. Dezember um 23.15 Uhr im RBB zu sehen und am 28. November um 20 Uhr an der Berliner Akademie der Künste (Plenarsaal am Pariser Platz)

06:00 27.11.2014
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