Matthias Dell
12.12.2010 | 21:45 54

Also, ja

Tatort Less than lala: Der Leipziger Tatort "Schön ist anders" pflegt einen unbefriedigenden Privatismus, hat aber tolle Schauspieler inklusive des allertollsten Martin Wuttke

Die Martin-Brambach-Wochen gehen weiter. Der unbestrittene Darling der letzten Zeit hat in dem Leipziger Tatort: Schön ist anders, wie vom Vorgucker vorhergesagt, schon wieder einen Auftritt. Soll nur recht sein, denn Brambach beherrscht wie kein zweiter die Kunst nassforscher Dusseligkeit ("Ist was lustig?"). Hier darf er außerdem zeigen, dass er ernste Rollen auch spielen kann: Brambachs Uwe Fischer ist Herr in einem Hause, in dem vieles im Argen liegt. Frau Moni (Jule Böwe mit beeindruckender Maske) ist Alkoholikerin, arbeitet als – sagt man dem, wie es im Schweizerdeutschen heißt, eigentlich noch – Dispatcherin bei den lokalen Verkehrsbetrieben und ist von der dritten Abmahnung bedroht. Sohn Tobi (Philipp Gerstner) ist erst 17, aber ebenfalls schon in gesundheitsgefährdenden Promillebereichen aktiv.

Damit wäre das – einzige – Thema von gesellschaftspolitischer Relevanz schon benannt: Es ist der Alkoholismus, der den trockenen Keppler zu sozialpsychologischem Engagement motiviert. Allerdings, und das ist charakteristisch für die Folge, beschränkt sich der Umgang mit dem Thema auf den familiären Fall.

Wie überhaupt der Leipziger Tatort sich von dem, wofür der Tatort gehasst und geliebt, vor allem doch aber gebraucht wird, merkwürdig fernhält: Die Gesellschaft, die dort präsentiert wird, wirkt zumeist relativ steril und lebensfremd, zugezogenes Bürgertum, unhinterfragter Wohlstand, der sich in charmant gealterten Vorstandhäusern (hier: Fischers Domizil, zuletzt das von Familie Holst) selbst bei eher einkommensschwachen Gruppen zeigt. Die seltsame Entrücktheit von Wirklichkeit zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es in Leipzig immer nur Wohlstandsmigranten aus dem Westen zu geben scheint, Dialekt spricht diesmal immerhin andeutungsweise die junge und fesche Straßenbahnlenkerin Mandy (Susanne Bormann) sowie in gefälliger Ausprägung der Wirt vom Seestern, wo am Ende dann alles geschah. Gedealt wird mit der Wende, insofern Peter Kurth als Ossi firmieren und den Zusammenhalt beschwören muss.

Anschaulich wird der Leipziger Privatismus auch in dem Liebesverhalten seiner Protagonisten, das diesmal etwas Fahrt aufnimmt: "Sono" Keppler (Martin Wuttke) verlustiert sich mit italienischen Herbergsbewohnerinnen, und Eva Saalfeld (Simone Thomalla) flirtet den Arzt mit den unglaublichsten Augen an, der passender- oder unpassenderweise zur Problemlage der Folge, Dr. Holsten heißt ("Holsten knallt am dollsten"). Das immerhin ist mal zart inszeniert.

Man kriegt das Burgtheater nicht raus

Die Pfunde, mit denen in Schön ist anders gewuchert wird, finden sich auf der Besetzungsliste: neben Brambach, Bormann, Böwe und Kurth steht da auch die große Harfouch, die fehlbesetzt ist als Chocolatristinnen-Gattin des Mordopfers, weil Corinna Harfouch naturgemäß nie verlassen werden darf – und erst recht nicht von midlifecrisenden Männern, die ohne ihre Freiheit nicht leben können. Die Männerunstetigkeit verleitet die Simone-Thomalla-Figur zu Bemerkungen ("Die Herren suchen sich immer was Jüngeres"), die mit dem Simone-Thomalla-Image in echt (nach der Trennung vom älteren Macho Assauer in Love mit einem Jüngeren) korrespondieren.

Highlight der Folge sind aber, wie gewohnt, die Auftritte von Martin "Keppler" Wuttke. Bei dem lassen sich ähnlich wie bei unserem Freund Ulrich Tukur gewisse Standardsituation der Performance konstatieren: das dringliche Angrinsstarren eines Verdächtigen, den Saalfeld befragt; die arrogante Beiläufigkeit, ein Straßenbahnmodell versonnen zu betrachten und darüber eine Hammerfrage beziehungsweise -verdächtigung rauszulassen; der weltgrüblerisch-kalte Diss von Menzel (Maxim Mehmet), der sich kaum mehr in ein Zimmer mit Keppler traut; und nicht zuletzt, wenn einen ein übersprungshandelnder Verdächtiger gegen die Heizung schmeißt, einfach dort liegen zu bleiben statt aufzustehen. We call it Vollblutschauspieler. Man kriegt das Burgtheater aus Wuttke einfach nicht mehr raus. Aber es ist ja auch lustig. 

Kommentare (54)

Jörg Augsburg 12.12.2010 | 23:49

"weil Corinna Harfouch naturgemäß nie verlassen werden darf "
Danke für diese Anmerkung.

Ansonsten prangere ich das seltsame und ganz und gar verfälschte Sächsisch bei Mandy und Kneipenwirt an (so redet man in Leipzig ganz bestimmt nicht, als Leipziger weiß ich das natürlich), und warte immer noch vergebens auf so etwas wie eine glaubwürdige Story, die nicht nur als Stadtrundfahrt funktioniert.

Nelly 13.12.2010 | 00:57

Ich bin wohl die einzige hier, der der Tatort diesmal richtig gut gefallen hat.
Eigentlich ist das noch zu wenig gesagt, denn mich haben die Schicksale richtig mitgenommen. Und toll gespielt - warum hat noch keiner hier was zu Herbert Knaup gesagt. Ganz große Klasse in meinen Augen.
War das sächsisch nicht gut ? Schade, aber immerhin wurde gesächselt, was ich schon sehr, sehr lobenswert finde. Und das auch noch von einer jungen Frau, die durchaus sexy rüberkommen sollte.

Blinkfeuer 13.12.2010 | 01:19

@ Nelly , na gut, aber "wieso- weshalb- warum" mit dem o.g. Auto, das nicht mehr produziert wird? Kenne keine Frau, die solch eins kaufte. Leider.
Zündschlüssel in der Mittelkonsole! Als Frau? Von der Straßenbahn?
Und jetzt: Stimmung, yeah! (Das Drehbuch schrieb Frau...warum so?)
Und das Genre überhaupt: Irgendein Kriminaltechniker findet immer eine Spur, ....da hat ein 17jähriger , der vor 3 Wochen über den Gerlospass fuhr, nach Grappa- Genuss die Briefmarke angeschleckt, aber nie die Post abgeschickt, sondern in Bulgarien ein Klo benutzt....der Täter steht fast fest...gääähn...

Letztens eine Wiederholung aus 1971 gesehen: Kombinationsgabe war gefragt. Der Soziokram indes langweilt mich sehr. 60 Min. aufgeblasen für SO Abend. Für Probleme gibt es den Blues. Den hält das Radio außerhalb der Tatort- Sender durchaus vor. Der hochqualifizierte Ausländer eben. Der kommt aber nicht zur Piel- Intendanz. NIE!
Thema verfehlt? Ja, wie eben jeder zwote Tatortmurks...sorry, watt mut, datt mut!

lebowski 13.12.2010 | 01:25

Nö, Du bist nicht die Einzige. Ich finde, das war der beste Tatort seit langer, langer Zeit. Zwar gehören die Leipziger nicht gerade zu meiner Lieblingsbesetzung, aber das hat diesmal der Fall restlos wettgemacht. Gerade die Alkoholprobleme der Fischer kamen ziemlich glaubwürdig rüber. Und wenn dann das total besoffene Ehepaar Fischer der Tochter erzählt, dass man morgen mit dem Saufen aufhören werden werde, dann war das das Deprimierenste und Glaubwürdigste, was ich seit "Hundstage" gesehen habe.

Jörg Augsburg 13.12.2010 | 02:25

Die Leipziger Tatorte sind unter halbwegs aufgeklärten Leipzigern als verfilmte Stadtansichten verrufen bis gefürchtet. Der erwähnenswerte Aspekt diesmal waren die italienischen Backpackerinnen, die offensichtlich einen Hinweis auf die weltweit wachsende Rolle Leipzigs im Kultur/Kreativtourismus darstellen soll. Ansonsten gab's wieder jede Menge vollsanierte Häuserfassaden und die üblichen – hier schon erwähnten – quasiwestlichen Quasi-Villen.

Und nein, ich würde Corinna Harfouch ganz bestimmt nicht verlassen - schon gar nicht für eine falsch sächselnde 24-jährige "Mandy"! ;-)

Rene Artois 13.12.2010 | 02:32

Nö, nö, lieber Backzpulver: Die Tatörterei, die aktuelle, geht mir mit ihrem Deutsche-Filmförderung-Missionsgetue auf der einen und dem verkrampften Möchtegern-Slapstick-Gehampel der Münsteraner Kleinkunsttruppe schon seit geraumer Zeit auf den Docht.
Und diese "tollen Schauspieler" sind doch nur darin "toll", sich selbst zu spielen – immer und überall. Wie übrigens auch dieser Brambach und der Dings und der Bums ... – öffentliche-rechtliche Verödung eben. Was aber nicht heiszt (!), daß ich zu etwelchen privaten abwanderte. Ich werde vielmehr, getz mit fast 60, meinem 20-jährigen Filius nachfolgen, der sich gar nicht erst vom TV abkoppeln mußte, weil er nie angekoppelt war.
Wenn ich mir vorstelle, wie viel sinnvoller die heutigen Tatörtchen-90-Minuten bleistiftsweise mit Messiaen, Händel, Smetana – ganz zu schweigen von Bob Dylan, Eric Clapton oder Mozart AUSgefüllt worden wären. Ich glaube, ich schmeiße die TV-Karte aus meinem PC. Aber erst, nachdem der derzeitige Schimanski-Lauf auf WDR vorbei ist. "Scheißßßeee!!!"

Rene Artois 13.12.2010 | 02:41

Wie wahr ... – schon am 27. März 2009 schrieb H.Sf. in der Neuen Zürcher Zeitung unter dem Titel "Traurige Kommissare" (Untertitel: "Seichte Talkshow-Soziologie prägt den ARD-Tatort" unter anderem: "Der ganze zeitgeistige Quatsch einer seichten Talkshow- und Feuilleton-Soziologie hat im «Tatort» seine Abladestelle gefunden. Politische Unkorrektheiten, wie sie sich zum Beispiel der Wiener Polizeimajor Kottan noch leisten konnte, sind heute undenkbar. Es dominieren, mit wenigen Ausnahmen, Gutmenschen, Allesversteher und Betroffenheits-Betschwestern. Wer einmal in das vom Leiden an dieser Welt schwer melancholisch umflorte Auge der Kommissarin Odenthal (Ulrike Folkerts) geblickt hat, der fühlt sich auch vor dem Bildschirm irgendwie schuldig. Wenn das Adolf-
Grimme-Institut, das solchen Gesinnungskitsch immer wieder auszeichnet, darin eine «spannende Verhandlung zeitkritischer Stoffe» sieht, dann sagt das nichts über die Qualität der Krimis, wohl aber viel über das Elend einer trendigen Fernsehkritik. Bisher hat diese Entwicklung nur den
«Tatort» ruiniert und spannende Fernsehunterhaltung durch die Langeweile ersetzt. Wirklich schlimm würde es, wenn die echten Polizisten sich ihre Fernsehkollegen zum Rollenvorbild nähmen."

Nelly 13.12.2010 | 07:56

@Blinkfeuer:
Für Autofragen im Tatort ist mein Liebster zuständig, und der war gestern nicht da. Normalerweise werde ich auch (ob ich will oder nicht) sofort darüber aufgeklärt, welches Baujahr Koppes Oldie hat usw. Ich wußte deswegen auch sofort, daß Tukur neulich einen Sowieso 80 fuhr und erfuhr die gesamte Geschichte dieses Modells und seines Herstellers (hab leider alle Namen vergessen, nur nicht, daß alles im Ruin endete).

Ja, die Fälle werden mehr und mehr durch die SpuSi und ihre Molekularbiologen gelöst. Vielleicht tritt deswegen das Privatleben der Kommissare zunehmend in den Vordergrund.

Matthias Dell 13.12.2010 | 11:51

den kneipenwirt würde ich, ohne genaue kenntnisse der dialektalen unterbezirke des sächsischen, schon nicht so weit entfernt verorten, via grimma richtung dresden oder so. mandy hingegen muss man wohl eher im thüringischen ansiedeln - für sie nahm ich gerade die zartheit der sprachlichen färbung ein, zumal diesem dialekt eine leicht stullige selbstverständlichkeit eignet, bei der einem immer warm ums herz wird

DanielW 13.12.2010 | 17:51

Nun, was den Dialekt angeht, fand ich die Mandy (Susanne Bormann stammt aus Brandenburg) schon sehr nahe dran. Natürlich hört man als Leipziger, daß sie es als Fremdsprache spricht, das aber auf recht beachtlichem Niveau. Zudem ist es hübsch, daß auch im Leipziger Tatort der Dialekt zu seinem Recht kommt.
Der Kneipenwirt stammt tatsächlich, wie mir scheint, aus der Gegend, und der alte Pensionswirt sowieso.
Matthias Dell hat ja: "Die seltsame Entrücktheit von Wirklichkeit zeigt sich nicht zuletzt daran, dass es in Leipzig immer nur Wohlstandsmigranten aus dem Westen zu geben scheint" bereits angesprochen, was mich am Leipziger Tatort stört. Sämtliche Figuren repräsentieren ein Leipzig, das meiner Meinung nach kaum repräsentativ ist für die Stadt. Leider, denn was böte sie für ein Potential!
Statt dessen scheint es der MDR ganz offensichtlich für seinen Auftrag zu halten, Stadtmarketing für Leipzig zu treiben: Den City-Tunnel hatten wir schon, und auch den Universitätsneubau, nun die Leipziger Verkehrsbetriebe, und mir scheint die Story drumrumgestrickt. Das ist in seiner Penetranz doch etwas peinlich.
Die Familie Fischer war großartig dargestellt, und auch Corinna Harfouch und Susanne Bormann waren fantastisch, aber was mich doch ein wenig stört, ist die Frau Thomalla, deren Augenbrauen sich nicht bewegen, was den Verdacht von Botox nahelegt, und ihre streitsüchtig und stets auf Konfrontation angelegte Rolle, und auch Wuttke steht ihr da nicht viel nach. Der arme Kriminaltechniker hat nichts zu lachen, und wenn ich bei der Polizei anfinge, dann wohl lieber in Köln...

Grundgütiger 14.12.2010 | 19:27

Meine Liebe zum deutschen Fernsehen versiegt nimmermehr, ehrlich.
In jede Zeit passt nunmal auch der Tatort. Er passt sich an.
Händel und Smetana signalisieren ein romantisches Gemüt. Da hat man doch diese profane TV Unterhaltung nicht mehr nötig. Stimmt, man überlebt auch ohne Tatort.
Nur, was soll er leisten, der deutsche Krimi? Herbert Reinecker? Hol schon mal den Wagen?
Ich finde das Angebot Tatort sehenswert.Hat er sich doch allen Zeiten angepasst.Ob Schimmi heute noch passte? Ich zweifele, seine Stammkneipe hat schon lange zu.
Corinna Harfouch war viele Jahre meine heimliche Liebe, da zählt doch so etwas wie Handlung nur am Rande.
Und das Angebot von mindestens 3 Verdächtigen soll uns erstmal einer nachmachen.
Da ich Sonntag Abend selten fernsehe , warte ich immer auf Matthias Dell, der mich neugierig auf den Videorecorder macht.
Sonntag Abend hab ich was besseres vor, ich gehe arbeiten.