Anschauliches Radio

Geschichtskunde Im SWR2-Forum kann man "Historische Radio-Diskussionen" finden, im DLR eine Unterhaltungssendung mit Hans Rosenthal: Was man durch Hören über die Geschichte erfährt

Warum muss denn jede Fabrik früh um sieben anfangen und die Mutter das Kind um sechs wecken und schnell anziehen? Warum können die nicht um neun anfangen? Warum machen wir nicht ganz neue Denkmodelle? Immer ist irgendwo nicht Geld da.“ Derart empört sich Dr. Helga Thieme vom Deutschen Frauenrat. Derart könnte man sich weiter empören, da man die ganz anderen Denkmodelle in der Familienpolitik vergeblich sucht. Zu vernehmen ist Frau Dr. Thiemes Empörung von 1985 auf SWR2 Forum, wo aus Anlass von 60 Jahren Bundesrepublik Historische ­Radio-Diskussionen aus verschiedenen Jahrzehnten und zu unterschiedlichen Themen zum Nachhören auf der Senderhomepage vorliegen.

Dass das bilderlose Radio einen plastischen Eindruck von der Vergangenheit liefert, macht seit geraumer Zeit die Deutschlandradio-Sendung Aus den Archiven nachvollziehbar. Dort wird sonntags um 8.05 Uhr ein mit heiterem Sachverstand abwechselnd von Claus Bredel und Olaf Kosert kommentierter Zusammenschnitt von Allein gegen Alle präsentiert. Hans Rosenthal moderierte die von 1963 bis 1977 ausgestrahlte Live-Show, in der Kandidaten fünf Fragen an Städte stellten. Gewann der Kandidat, trat er nächstens gegen eine größere Stadt an und durfte sich nach drei ­Erfolgen „Männeken“ beziehungsweise „Mannequin Quiz“ nennen; umgekehrt winkte der Stadt das bezaubernde Attribut „Unschlagbare Rätselstadt“.

In Allein gegen alle kann man der Mehrheitsgesellschaft beim Amüsement zuhören. Während die APO auf die Straße geht, säuselt hier Easy Listening, und Roberto Blanco hat seinen ersten Auftritt. Hans Rosenthal scherzt mit Hans Filbinger, der als Baden-Württembergs Ministerpräsident zu Gast ist. Das abgefragte Wissen rekurriert auf klassische Bildung, die Menschen, die bei den Städteaufgaben vors Reportermikrofon treten, wirken medial unbeleckt auf eine Weise, die man heute ­naturgemäß nicht mehr findet.

Dass die Zeit im Fluss ist, merkt man eigentlich nur an den „Frauenfragen“. Alle Witze der väterlichen Außenreporter basieren darauf; das Geschlechterverhältnis ist eine Spielwiese des Wirklichen, auf der die Linien der abgesteckten Claims sich scheinbar unmerklich ändern. Irgendwann gibt es eine erste Außenreporterin. Und Fragen wie: „Welcher Boxverein hat eine Frau als Vorsitzende?“


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17:29 14.05.2009
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Ausgabe 41/2021

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