Antworten ins Nichts

DVD Klaus Kinski machte bei seinen Fernsehauftritten nicht nur Lärm, sondern das Interview zum Genre: Erklärungen zu einer Poetik des Denkens. Eine DVD-Edition geht dem nach

Klaus Kinskis dritte oder vierte Karriere, nach der Bühne, den Tourneen, dem Film, fand im Fernsehen statt. Kinski avancierte zu einem beliebten Interviewpartner, der vor allem deshalb eingeladen wurde, weil man sich von ihm einen Eklat versprach.

Man kann die Spur dieser Erregung heute auf Youtube nachvollziehen, wo sich einige von Kinskis Talkshow-Engagements zur Promotion des Films Kommando Leopard aus dem Jahr 1985 finden. Für die Kunstform „Kinski-Interview“ spricht dabei, dass sich die einzelnen Interviewer aufeinander beziehen, sie scheinbar versuchen, aus dem zu lernen, was die Kollegen vorher „falsch“ gemacht haben.

Dass diese Versuche aus zwei Gründen zum Scheitern verurteilt waren, kann man beim Studium der DVD-Edition Kinski Talks sehen, die Peter Geyer, der Nachlassverwalter des 1991 verstorbenen Schauspielers, besorgt. Die Rechtefragen geben sich komplex, die Finanzierung ist schwierig, bislang sind zwei DVDs mit einer Laufzeit von jeweils gut zweieinhalb Stunden erschienen, und man wünscht dem Projekt Vollständigkeit, weil sich in dieser quasi wissenschaftlich-strengen, kommentierten Ausgabe der Reiz Klaus Kinskis erst erschließt.

Dieser Schwachsinn

Zwar mag es sein – das wäre der erste Grund, warum die Interviewer scheitern mussten –, dass Kinski mit dem Krawall, den man sich von ihm erwartete, kalkuliert hat. Und doch ist das, was Kinski macht, nicht nur Show, sondern vielmehr Kritik, was die zweite Erklärung für das Scheitern der Fragesteller wäre, weil sie nur mit Antworten, nicht mit Gedanken rechnen. In der NDR-Talkshow von 1985 (Kinski Talks 2) erklärt Alida Gundlach zwar, gut vorbereitet zu sein, weil sie einen typischen Kinski-Satz auf eine Frage in die Kamera hält („Diesen Schwachsinn kann sich kein Mensch anhören“), aber nicht verstanden hat, dass damit auch ihr journalistisch routiniertes Pseudointeresse an seiner Rollenwahl gemeint ist. Kinski ist hier vor allem ein Medienkritiker, der die Inszenierungen der Interviewsituation nicht glaubt: „Du kannst mir nicht erzählen, dass es dich persönlich interessiert, ob ich den einen Film mache oder einen anderen.“

In ihrer Länge sind die auf Kinski Talks versammelten Interviews eigentlich freigehaltene Vorlesungen zu einer Poetik des Denkens. Kinski tritt als Radikalphilologe in Erscheinung, der Begriffe hinterfragt („Freiheit, Freiheit, wie kann man fragen, was Freiheit ist?“), und als Marktrealist, der die Beziehungen im Kapitalismus nicht mit Menschlichkeit verkleistern, sondern aufs Geld reduziert sehen will („Der Klempner muss froh sein, wenn er Arbeit hat“). Das Ziel seiner Kritik an den, wie einem in Kinski Gegenwart umso deutlicher auffällt: ewig dummen Journalistenfragen, ist die Skepsis gegenüber dem Gelingenkönnen von Kommunikation – und damit der Überwindung der Distanz zwischen den Einzelnen.

„Ihr hört weder zu, noch denkt ihr einen Gedanken“, sagt Kinski zur 17-jährigen Desiree Nosbusch in Zeit zu zweit (gedreht 1981, gesendet 1985), einem der schönsten Gespräche, weil es am Ende als etwas endet, wo eher die Körper reden als die Sprache: Flirt, Zärtlichkeit, Nähe.

Kinski Talks 1 (Je später der Abend, 1977, Wer bin ich?, 1985), 148 Min., Kinski Talks 2 (Zeit zu zweit, 1981, NDR-Talkshow, 1985, Dinocittà, 1986, Englisch mit UT), 139 Min., Kinski Productions/ Deutsche Grammophon, je 17,99 . Für das Frühjahr 2012 ist Kinski Talks 3 angekündigt mit bislang eher unbekannteren Gesprächen

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11:00 23.12.2011
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Ausgabe 42/2021

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