Auf der Suche ohne Schuh

Kino „Tangerine L.A.“ ist eine Aschenputtelkomödie von Sean Baker – gedreht mit einer Smartphone-Kamera und Trans-Sexarbeiterinnen
Matthias Dell | Ausgabe 27/2016 3

In dem Film Tangerine L. A. liegt die Sache mit Aschenputtel etwas anders. Hier sucht nicht der Prinz mit dem Schuh die richtige Braut, sondern Sin-Dee Rella (also Aschenputtel) die falsche Fuffzigerin, die mit ihrem Verlobten etwas hatte – als Sin-Dee Rella 28 Tage für ihren Verlobten im Gefängnis saß. Sin-Dee Rella weiß von der Betrügerin den Anfangsbuchstaben, „D“, was zu heiterem Vornamengerate führt, wenn sie Leute auf der Straße anspricht: „Delee, Delia, Daphnie?“

Die richtige Antwort lautet schließlich „Dinah“, und der Ort, an dem Sin-Dee Rella sie findet, ist ein krasser: Apartment Nummer 5 in einem billigen Motel, in dem in mehreren Zimmern parallel Bordellbetrieb herrscht. Sin-Dee Rella stürmt hinein und zerrt Dinah, die Freier-Würstchen verschreckend, aus dem Badezimmer auf die Straße. Diese Dynamik ist bemerkenswert, insofern es sich bei Tangerine L. A. um einen US-amerikanischen Independentfilm handelt und, wenn man das überhaupt so verallgemeinern kann, zur Ästhetik dieses Genres (Freitag 20/2016) zumeist eine gewisse Lakonik gehört, eine Langsamkeit, mit der die Hinterhöfe des amerikanischen Raums vermessen werden.

Vielleicht ist es zu plump, die abseitig-schäbigen Topografien des US-Indiekinos einfach als Gegensatz zum märchenhaften Sensationismus der Blockbuster und zum geschmackvoll-wohlständigen Mittelstandskino zu erklären (als Exponent von Zweiterem kommt Rebecca Millers Maggies Plan am 4. August in die deutschen Kinos). Und dementsprechend Lakonik und Langsamkeit als Reaktion auf Turbulenz und Eleganz der Kamerabewegungen in Großkino-Unternehmungen zu deuten. Aber man kann Lakonik und Langsamkeit auch mit Ökonomie begründen: Wer nicht viel Geld hat, schaut lange hin.

Tangerine L. A. hatte wenig Geld (100.000 Dollar), weshalb Regisseur Sean Baker beim Equipment gespart hat. Der kleine Film – und auch das rechtfertigt es, groß über ihn zu reden – wurde mit einem Smartphone gedreht (Kamera neben Baker: Radium Cheung), eine Vorstellung, die unmittelbar etwas Zartes auslöst, eben weil man gewohnt ist, sich hinter einem Kinobild einen großen, schweren Apparat vorzustellen.

Bakers Handhabung der Smartphone-Kamera ist dabei pragmatisch. Es geht gerade nicht um einen neoliberal-koketten Jeder-kann-einen-Film-drehen-Gestus (der etwa in der nächste Woche startenden, von Sönke Wortmann kompilierten Amateurfilmrolle Deutschland. Dein Selbstporträt national gedacht wird).

Showdown im Donut-Shop

Vielmehr benutzt Tangerine L.A. die Kleinsttechnik, um an dem Kino zu arbeiten, für das das Budget nicht reicht. So hat Baker mit neu entwickelten anamorphotischen Adaptern gedreht, die ein breiteres, kinohafteres Bild gestatten, mit weiteren Applikationen, die der notorischen, alles scharfstellenden Flachheit des Smartphone-Kamerabilds entgegenwirken, und in der Postproduktion etwa an der Farbsättigung gearbeitet. Tangerine L. A. will ein Film für die große Leinwand sein, der seine eigenen Aufnahmebedingungen kaschiert. Zugleich gestatteten die ihm erst Zugang zu Orten, die als Sets nicht abzusperren waren. Indem nämlich Baker sich an den gegenwärtigen, alltäglichen Mediengebrauch anschmiegte durch eine nur leicht aufwändigere Selfie-Stick-Konstruktion, war es ihm möglich, in der Wirklichkeit zu drehen, die in Tangerine L. A. abgebildet werden soll – das Gebiet um die Kreuzung von Highland Avenue und Santa Monica Boulevard, wo sich am Ende des Films das gesamte Personal zum Showdown in einem Donut-Shop trifft: die Transgender-Sexarbeiterin Sin-Dee Rella (Kitana Kiki Rodriguez) und ihre beste Freundin Alexandra (Mya Taylor), Sin-Dees Verlobter, Zuhälter und Drogendealer Chester (Ransone), die mitgezerrte Dinah (Mickey O’Hagan), der armenische Taxifahrer Razmik (Karren Karagulian), der seiner fordernden Schwiegermutter (Alla Tumanian) die Fluchten zu Trans-Prostituierten verheimlicht.

Die Besetzung von Tangerine L. A. mag ungewöhnlich wirken – Bakers Kamera filmt sie als Lebensrealität, in der keine anderen Gefühle den Aufstand proben als in weißen, heterosexuellen Vorstadtwelten. Der Witz dieses Verfahrens betrifft auch die Standardsituationen. Während Filme mit Transmenschen das männliche Geschlechtsteil am weiblich wirkenden Körper als Überraschung inszenieren (The Crying Game, Der Staat gegen Fritz Bauer), flucht Razmik wie ein Bierkutscher, als er im Höschen der Prostituierten Selena (Ana Foxx) gerade nichts findet. Tangerine L. A. (Buch: Baker und Chris Bergoch) verdichtet klassische Eifersuchts-, Betrugs- und Lügengeschichten in konventioneller Form. Das zeigt sich schon an dem Datum des Tages, an dem der Film spielt: 24. Dezember, Weihnachten, das Fest der Familie, das in der kalifornischen Sonne und Wärme kaum Gefühle von Einkehr vermittelt, wie ein armenischer Taxifahrer anmerkt.

Zu einem nicht unbeträchtlichen Teil ist Tangerine L. A. eine romantische Komödie, deren ansprechendes Tempo und gelungene Konstruktion in jedem Stadttheater für Unterhaltung sorgen dürften. Genauso wie der liebevolle Blick auf die Figuren, die mit Potenzial zu großem Drama (Sin-Dee Rella) letztlich nur um ihre Würde kämpfen – um Liebe und Zuneigung, auch wenn sie von einem konsequent zweifelhaften Pimp wie Chester dahingesagt werden. Als Trost bietet sich am Schluss die Möglichkeit eines besseren Morgens an, die Emanzipation vom falschen Hoffen – für Sin-Dee, Alexandra und natürlich den taxifahrenden Familienvater Razmik.

Info

Tangerine L. A. Sean Baker USA 2015, 88 Minuten

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06:00 08.07.2016
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