Auf einer Tagung in Berlin

Polizeiruf 110 Etwas um die Ecke gemacht: Der grundsolide und angenehm sachte Brandenburger Polizeiruf "Eine andere Welt" motiviert zu Seitenblicken auf das Management der Macht

Vom Feeling her herrscht eher so ein Gefühl von Winterschlafbedürfnis vor, aber der Sonntagabendkrimi dreht zwischen den sogenannten Jahren auf, als organisiere er seine own private Wiener Festwochen. Polizeiruf am 4. Advent, Olga Lenski returns from Maria Simons Schwangerschaftsunterbruch, und die Formkurve zeigt weiter nach oben: Nach der etwas mühsamen Olga-Lenski-Einführungsveranstaltung  folgte der lahme, aber stabilisierende zweite Teil  und nun ein ansprechender Part 3: Eine andere Welt ist von jener weit verbreiteten Durchschnittlichkeit, gegen die sich Gefühle wie Zorn oder Ärger schlecht aufbringen lassen. Kann man machen.

Zu den in diesem Format mitunter – und nicht zu unrecht! – beklagten Auslassungen zählt "seit je" (Adorno) die Schauspielerwürdigung. Die fällt hier leicht, weil die Besetzung mit einigen Stars der Szene gespickt ist. Ronald Kukulies qualifiziert sich derart frisiert eindeutig für die Hauptrolle der "singenden Doppelhaushälfte" (Christiane Rösinger) im hoffentlich bald zu drehenden Roland-Kaiser-Biopic Santa Mania - Die Sehnsucht in mir auf ein Leben mit dir (AT). Hier spielt er den einfältigen Fleischermeister Domke, der als ehrliche Haut des darbenden Mittelstands keinen Schimmer vom übetriebenen Partylife seiner Tochter hat. Der gebeutelte Unterprivilegierte steht Kukulies zweifellos ebenso gut wie der bodenständige, Ressentiments geladene Swinigel, der er etwa in der Münsteraner Folge Spargelzeit war.

Kein episches Engagement hat auch Christina Große, die im Polizeiruf als Mutter der Domke-Tochter-Freundin Hanna (Lotte Flack) in Erscheinung tritt – vermutlich kann man von der paradigmatischen Christina-Große-Rolle sprechen, da die Schauspielerin es wie keine andere versteht, die nicht ignorante, dosiert besorgte Brandenburger Mittelstandsmutter mit Herz zu geben (siehe auch der Auftritt in Tom Tykwers Drei  – die dazugehörige Oma müsste fast folgerichtig von Christine Schorn übernommen werden). Vermutlich würden die sozialen Verwerfungen in der Wirklichkeit des Landes leichter zu handlen sein, wenn dort nur Christina-Große-Mütter mit den Problemen ihrer pubertierenden Kinder auf du und du wären, ohne Respekt für einen eigenen Lebensentwurf vermissen zu lassen.

Mit Rainer Strecker, der sich als Christina-Große-Gatte und Hanna-Vater beim Versuch von ein bisschen bürgerwehrbemobten Durchgreifen in eigener Sache eine blutige Nase holt, steht überdies ein sympathischer Underachiever bereit, den der interessierteste Kinogänger aus dem beinahe legendären Kurzfilm Ludenmann macht fertig kennt.

Games with Names

Von den Schauspielern zu den Rollennamen: Bildung ist heute, wie der aufmerksame Zeit-Leser immer wieder lernen muss, nichts mehr, womit man rechnen könnte, und also ist nicht sicher, ob sich die anspielungsreiche Namenswahl der Figuren tatsächlich aus so etwas wie Intention resultiert (Drehbuch: Clemens Murath). Lustig ist es dennoch, dass hier ein Beziehungsgeflecht sich ereignet zwischen dem Triangle aus Dramatiker/Literaturtheoretiker alter Manier (Gottsched), Olli-Dittrich-Figur (Ditsche) und nationalsozialistisch vereinnahmbarem Heide-Dichter (Löns) – und am Rande der Hardcore-Ausschlusspolitik, wie nur die Pausenhofhierarchie sie in konsequenter Grausamkeit hervorzubringen vermag, der sozialistische Ökonom (nicht ganz richtig buchstabiert: Kuscinsky) situiert ist.

Am interessantesten ist nun Eine andere Welt tatsächlich, wenn man den Fall von der Seite des Machtmanagements her anschaut. Mit Jan Gottsched (Jannik Schümann) und Ditsche Kummert (Max von der Groeben) stehen zwei Charaktere im Mittelpunkt, deren körperstrotzendes Selbstbewusstsein sich vor dem unguten Figurenarsenal der deutschen Geschichte lesen lässt. Man kann sich die beiden gut in den Jahren 1933 bis 1945 vorstellen: Der – what an Antlitz! – rein äußerlich unbedingte Vorzeige-Bürgersohn Gottsched fungierte als der kultivierte Opportunist, der von der Macht auch dann nicht lässt, wenn sie ihm zuwider sein müsste, und für alle Schweinereien, die er nicht selbst durchziehen will, seinen Gewehr bei Fuß stehenden SS-Kleinbürgerschläger entfesselt.

Im Lichte der Gegenwart besehen zählen beide zur innerlich verderbten Pest des Immer-schon-Oben, die so unangenehm macht, dass ihre Angehörigen aus den Selfempowermentbefehlen des Kapitalism die Lehre gezogen haben, ihnen gehöre einfach alles (hier: der Körper der Domke-Tochter). In der realen Welt, die wenn jemand fragt, "Leistungsgesellschaft" sagt, um, wenn keiner hinguckt, unbeirrt ihre Günstlingswirtschaft zu betreiben, möchte man mit solchen Leuten einfach nichts zu tun haben.

Der ohnmächtige Trickster

Stark für sich ein nimmt dagegen der traurige Dennis Kuscinsky (Joel Basman), dessen kurz-karierte Hemden zugleich Ferne und Dazugehörigenwollen zum High Style der verwöhnten Oberschichtskinder mustergültig zum Ausdruck bringen. Dieser Dennis rührt ans Herz, weil man ihm immer nur wünschen möchte, dass er die Zeit im Widerstand aka im toten Winkel des Tonangebens überlebe, um danach Künstler oder Kronzeuge der guten Sache zu werden (In Thomas Heises Film Stau von 1992 wird aus solch einer familiär verwaisten Figur der führende Neonazi von Halle-Neustadt). Um so bitterer ist deshalb, dass Olga Lenski bei allem Verständnis für Prinzipien und die Trennung von Privat- und Berufsleben den traurigen Dennis von ihrem Herd umgehend vor die Tür befördert (und das Drehbuch ihn halbfinal noch in die Nähe der Psycho-Pathologie rückt, wenn auch Basman Ähnlichkeiten zum jeune Anthony Perkins aufweist).

Ebenfalls ein Sympathieträger ist der Schrottplatzwächter Bogdan Kuljakow (Lenn Kudrjawitzki). Dem Kampf gegen das mit High-End-Anwalt bewehrte Böse, das in geschmackvollen Häusern wohnt (bei Herbert Knaups Gottsched-Vater muss man irgendwie auch immer daran denken, dass Herbert Knaup schon Eichmann in Buenos Aires gespielt hat), versucht Kuljakow mit subversivem Pokergestus eine Aufenthaltsgenehmigung abzutrotzen: Wenn man den deutschen Behörden schon nicht mit Vernunft kommen kann, dann eben mit dem geschickten Move, dass, wer nichts zu verlieren hat, auch seine Abschiebung in die Wagschale werfen kann, um sein Bleiben zu gewinnen. Staatstragend wie nun auch der Polizeiruf ist, geht das Manöver nicht ganz auf. Was aus Kuljakow wird, ist nicht endgültig geklärt – für die Seismografen des deutschen Asyl-Diskurses bleibt aber festzuhalten, dass die Figur mit gewisser Bauernschläue ein Thema auf die Agenda setzt, das die Gesellschaft permanent zu ignorieren versucht.

Weil nun aber der Sonntagabendkrimi ein Weihnachtsfest der "Gesamtsozialdemokratie" (Tom Strohschneider) ist, wird die Zuschauerberuhigung durch Schuldumverteilung angeleiert: Kuscinsky ist doch kein krankhafter Stalker, und krasser drauf als der stolze Sohn der alten Macht ist nur dessen Vater. Der käme im richtigen Leben wohl ungeschorener davon, aber dafür schauen wir ja Fernsehen – dass wenigstens da noch vom gerechten Leben im ohnmächtigen geträumt werden kann.

Ein unversöhnter Blick auf die Zeitläufte: "Nichts ist vorbei"

Eine Aussage, mit der man Neueigentümern eine Freude machen kann: "Na, ist ja gut, dass Sie den Laden übernommen haben"

Eine betriebswirtschaftliche Weisheit, die leider schwer zu objektivieren ist: "Man braucht aber die richtigen Leute, ohne die richtigen Leute läuft überhaupt nüscht"

Ein Standardmotiv des jüngeren Sonntagabendkrimi: das wieder zugenähte V-Brustkasten-Dekolleté in der Pathologie

21:45 23.12.2012

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