Bahnhofs Mission

Porträt Vor 20 Jahren wollte die GSG 9 RAF-Mitglieder verhaften und der Bahnhof von Bad Kleinen hatte seine 15 Minuten Ruhm. Was macht er heute? Biografie eines prominenten Ortes
Matthias Dell | Ausgabe 26/2013 11
Bahnhofs Mission
Foto: Wolfgang Kroll für der Freitag

Das Erste, was man nach der Ankunft bemerkt, sind die Tauben. Sie flattern über den Bahnhof von Bad Kleinen und scheißen alles voll. Entlang der Bahnsteigkante zieht sich die Spur, die Spritzweite des Kots lässt die Abwurfhöhe erahnen. Dem Besucher schweben Federn entgegen, fallen Halme vor die Nase, mit denen die Vögel sich ihre Nester bauen im Gebälk der Bahnsteigüberdachung. Dort hängen weiße Abwehrgitter aus Plastik, die so armselig wirken wie Vogelscheuchen, an die keiner mehr glaubt: Nichts sieht trostloser aus als vergangene Größe. Die Tauben wohnen hier, die Menschen kommen vorbei, die Bahn verhält sich distanziert zu dem Ort, der ihr gehört. Das sind die Kräfteverhältnisse.

Man muss nichts gegen Tauben haben, noch sich an Verwahrlosung delektieren, um daraus etwas abzuleiten – über die Lage des Bahnhofs von Bad Kleinen. Deutsche Bahnhöfe bilden sowieso eine Zweiklassengesellschaft, es gibt die ICE-Welt und die „Alle-ohne-ICE“-Welt, wie der Button im Onlinebuchungsprogramm der Bahn heißt. Die ICE-Welt eint das gediegene Corporate Design des Unternehmens: das ruhige Dunkelblau der Schilder, auf denen in elegant schmaler Typografie die Stationsnamen stehen oder Richtungsangaben („Ausgang“, „Gleis 5-8“) angezeigt werden.

Hier ist es passiert

Die „Alle-ohne-ICE“-Welt ist ästhetisch uneinheitlicher. Hier findet man die älteren Schilder mit fetter schwarzer Schrift auf weißem Grund, hellblau umrahmt wie in Bad Kleinen. Der gestalterische Wildwuchs hat seine Vorteile: Er erinnert an die Geschichte. Die Souveränität der Bahn würde sich gerade darin zeigen, dass sie nicht wie ein Friseursalon den Moden der Zeit hinterherrennte, sondern mit ihrer stolzen Historie angeben könnte. Auf dem Bahnsteig von Bad Kleinen kann man diese Sätze nur im Konjunktiv vor sich hinmurmeln. Zumal die Geschichte Probleme für die Zukunft macht. Aber dazu später.

Erst mal ist der Ort ein Star. Eine Zeitlang war das hier eine Sehenswürdigkeit, sind die Busse mit den Touristen von der A 24 runter, damit die Leute Fotos machen konnten von: Treppe, Tunnel, Bahnsteig, Hier-ist-es-passiert. Wenn der Bahnhof in Bad Kleinen ein Mensch wäre, dann könnte man ihn sich wie Mathias Rust vorstellen, den Kremlflieger: 15 Minuten Ruhm, ein wenig suspekt, aber die Hand doch schon am Rad der ganz großen Geschichte.

Wobei Mathias Rust zu jung wäre als Analogie. Der Bahnhof in Bad Kleinen, 1848 eröffnet, ist erst auf seine alten Tage berühmt geworden. Am 27. Juni 1993 sollte hier die Führung der letzten RAF-Generation festgenommen werden: Wolfgang Grams, Birgit Hogefeld, in Begleitung von V-Mann Klaus Steinmetz. Der Einsatz lief aus dem Ruder, Grams wurde getötet, der GSG-9-Mann Michael Newrzella ebenfalls. Generalbundesanwalt und Innenminister traten in der Folge zurück. Das lückenhafte Wissen um die genauen Umstände lässt bis heute Raum für Projektionen.

Nord-Süd-Relation

Dem Bahnhof von Bad Kleinen ist diese Geschichte nur passiert. Aber wenn man sich sein langes, reiches und auch erfülltes Leben anschaut, dann ist das vielleicht kein Zufall. Es hat auch etwas mit diesem Bahnhof zu tun, dass die Dinge hier und so ihren Lauf nahmen. Anders gesagt: Der Bahnhof von Bad Kleinen kann seine Geschichte selbst erzählen. Es ist eine aufregende Geschichte, auch wenn sie unscheinbar wirkt und sich wie jedermanns Bahnhofsgeschichte zu lesen scheint – entlang der Wegmarken, die seit der Industrialisierung Kultur abgesteckt haben.

Kein Zufall etwa ist, dass sich Hogefeld und Steinmetz mit Grams damals in Bad Kleinen verabredet hatten. Bad Kleinen, das klingt nur putzig in den Ohren von Leuten, die den Namen zum ersten Mal hören wie 1993 die gesamte Republik. Bad Kleinen, das ist bloß ein Synonym für Provinz, wenn man die Topografie des Landes snobistisch von der Hauptstadt aus betrachtet. Unter Szenekennern ist Bad Kleinen eine nicht unbedeutende Nummer im Bahnverkehr.

Der Ort mit den 3.500 Einwohnern bildet nämlich einen Knotenpunkt im mecklenburgischen Streckennetz, ein Umsteigebahnhof. Hier trifft die Ost-West-Verbindung von Rostock nach Lübeck auf die Nord-Süd-Relation Schwerin-Wismar. Man kommt gut hin und wieder weg, was für Leute, die klandestin leben, interessant sein kann, aber auch für Wohlstandsmigrantismus: in Schwerin arbeiten, in Bad Kleinen im Eigenheim leben. Das Dorf schrumpft nicht. Und es herrscht hier ein schweizähnlicher Stundentakt, in dem die Züge aufeinander warten.

400 Angestellte 

Schweizähnlich ist auch der Stolz auf die Bahn. Oder muss man sagen: war? Stolz machte: Was durch Bad Kleinen fährt, muss in Bad Kleinen halten. Diese Regel ist heute gebrochen, Bad Kleinen vom Fernverkehr abgekoppelt. Und wenn die Gleise erst „ertüchtigt“ sind, wie es in der Sprache der Bahner heißt, dann kann mit noch höherer Geschwindigkeit durchgefahren werden.

Das ist die Bahnpolitik seit 1990: Ein Bahnhof ist kein Organismus mehr, den es als Ganzen zu erhalten gilt. Man konzentriert sich auf die Glieder, die man braucht. Einzelne Gleise, einzelne Weichen für den Güterverkehr nach Wismar. Der Torso kann dann bedient werden von einer Servicekraft, die die Züge abfertigt, Fahrkarten gibt es am Automaten, und was man sonst noch braucht, hält ein Container bereit, der dort hingesetzt wurde, wo vor ein paar Jahren noch ein Kiosk stand.

Zu Hochzeiten der jüngeren Bahnhofsgeschichte, in den sechziger, siebziger Jahren, als die Bahn unverändert Symbol des Fortschrittsglaubens war, haben hier 400 Leute gearbeitet, hat ein Drittel des Ortes vom Bahnhof gelebt. Die Menschen sind sonntags zum Essen in die Mitropa-Gaststätte gekommen. In der Reichsbahndirektion in Schwerin gab es eine Fraktion aus Bad Kleinen, die an verkehrspolitischen Entscheidungen beteiligt war. Bad Kleinen war Rangierbahnhof für die Häfen in Rostock, vor allem den im nahegelegenen Wismar, mehrere 100 Wagen in 24 Stunden. Hier eröffnete 1975 das 300. elektronische Befehlsstellwerk der DDR, hierher führte 1986 der 1000. Streckenkilometer der Elektrifizierung.

Der Bahnhof hat die längste Zeit seines Daseins eine Erfolgsgeschichte geschrieben, von der die Unternehmensberater träumen, die heute der Bahn das Fahren auf Verschleiß und das Kürzen des Personals verordnen. Bad Kleinen wäre nicht so groß geworden ohne den Bahnhof, was man sehr gut an Hohen Viecheln sehen kann, ein bisschen weiter nördlich am Schweriner See gelegen. Dort leben 640 Einwohner, die 2,5 Kilometer zum Bahnhof nach Bad Kleinen zurücklegen müssen, wenn sie in die Welt wollen. Und alles nur, weil Hohen Viecheln damals, als der Bau der landeseigenen Friedrich-Franz-Eisenbahn – die nationale, die Reichsbahn entstand erst nach dem Ersten Weltkrieg – sich von Süden näherte, abgelehnt hat.

Ruhefeuer macht Lärm

Ursprünglich sollte die Bahn über den See nach Schwerin fahren, aber das gab der Paulsdamm nicht her. Also Hohen Viecheln, Hohen Viecheln sagte aber: Nö. Was ignorant ist, aber verständlich. Lange Zeit haben Loks viel Dreck und Lärm gemacht. In seinem kulturgeschichtlichen Klassiker Geschichte der Eisenbahnreise von 1977 zitiert Wolfgang Schivelbusch ein Handbuch von 1865, das erstmals Erfahrungen mit dem neuen städtischen Ort bilanziert: „Man hat lange Zeit fälschlicherweise angenommen, die Bahnhöfe würden für die Bewohner der Städte zu Anziehungspunkten werden. Ganz im Gegenteil jedoch steht heute fest, dass man sich eher von diesen lärmenden Zentren fernhält. Die Hotels, die den Bahnhöfen am benachbartesten sind, gehen in der Regel schlecht.“

In Bad Kleinen, auf das nach Hohen Viecheln damals die Wahl für den Haltepunkt fällt, ist dem Gelände anfangs nichts benachbart. Der Ort selbst hält sich den Bahnhof auf Distanz wie jemanden, der eine ansteckende Krankheit hat. 1880 werden für Bahnangestellte Häuser am Rosensteig errichtet, die dem Bahnhofsgebäude auf der leicht erhöhten Dorfseite gegenüberliegen. Seither ist der Raum zwischen Ortskern und Bahnhof zugewachsen durch Besiedlung. Die Dampflokomotiven, die nachts unter Ruhefeuer gehalten werden müssen und mitunter Druck ablassen, wenn die Heizer etwas länger schlafen wollen und etwas mehr Kohle auflegen, stehen noch lang nach dem Zweiten Weltkrieg auf den Gleisen. Beim Zugang zum Bahnhof muss man zu der Zeit also auch auf Rauchschwaden achten, denn der Zugang erfolgt über eine Brücke – bis Anfang der sechziger Jahre ein Zug das Lademaß überschreitet und die Konstruktion einreißt.

So gelangt man zum Bahnhof nur mehr durch den Tunnel, der eigentlich eine Unterführung ist. Die ist so unpraktisch, dass die GSG 9 den Einsatz hier zuerst nicht machen wollte. Über eine mächtige Treppe aus Beton, die aus optimistisch-modernsten Motiven in den sechziger Jahren an die Dorfseite gegossen wurde, führt der Weg seither unter die Gleise. Man muss sich nicht einmal fragen, wie Menschen mit Rollstuhl oder Kinderwagen hier zu den Zügen kommen sollen, schon größere Gepäckstücke verursachen Plackerei. Und die Unterführung geht nicht durch zum See auf der anderen Seite des Bahnhofs, sie begnügt sich als Sackgasse.

Geist im eigenen Haus

Das ist das Problem. Der Knotenpunkt Bad Kleinen ist ein Segen, weil er Bedeutung verschafft. Und zugleich ein Fluch, weil er bahnhofsarchitektonisch einen so ungünstigen Ausdruck gefunden hat. Da hat die Zeit etwas falsch gemacht oder die Stadtplanung etwas versäumt. Bad Kleinen ist ein Inselbahnhof, die Gleise verlaufen östlich und westlich des Gebäudes. Die Mittellage, also das Bahnhofsgebäude, ist verkümmert. Im einstigen Mitropa-Restaurant, in dessen Nachfolger sich Grams, Hogefeld und Steinmetz vor dem Zugriff 1993 immerhin noch aufhalten konnten, ist einem lieblosen Wartesaal gewichen, den niemand benutzt. Der Schalter hat geschlossen, der Raum des einstigen Intershops ebenso. Das große markante Gebäude wird überhaupt nur noch besucht wegen der Toiletten. In den gewesenen Funktionsgebäuden dahinter scheißen die Tauben.

Der Bahnhof, dem Bad Kleinen so viel zu verdanken hat, müsste als ganzer ertüchtigt werden, was schon seit Jahren geplant wird, bis jetzt aber immer noch gescheitert ist. Für das Bahnhofsgebäude fehlt eine Bestimmung in Zeiten, in denen sich die Deutsche Bahn verhält wie ein Geist im eigenen Haus.

Die Bestimmung für den Bahnhof ist auch deshalb nicht leicht zu finden, weil die Mittellage so schwer zugänglich ist. Sie abzureißen, widerspräche dem Denkmalschutz. Deshalb wird wieder mit einer Brücke geplant. Wichtiger für die Zukunft scheint aber fast zu sein, dass es eine Brücke zur westlichen Seite gibt, zum See hin. Bislang müssen Besucher 1,5 Kilometer Umweg machen, um die Gleise im Norden zu überqueren. Der einzige Durchbruch im Süden ist der schmale sogenannte Eiertunnel, den Dr. Armin Steyerthal, der Betreiber einer Wasserheilanstalt anlegen ließ, unter dem das Dorf Kleinen 1915 Kurort wurde. Und geblieben ist.

Wenn man nun vor der Abreise fragen würde, was der Bahnhof Bad Kleinen eigentlich macht – 20 Jahre nach seinen Auftritten zur Primetime in der Tagesschau –, so müsste man von einem Vorruheständler erzählen, der hofft, noch einmal gebraucht zu werden. Denn nicht gebraucht zu werden, das ist das Schlimmste, sagen die Rentner.

Dass der Bahnhof von Bad Kleinen sich kaum verändert hat, nur älter geworden ist, erweist sich für die Erinnerung an die Geschehnisse vom 27. Juni 1993 als praktisch: Das Reenactment des verpatzten GSG 9-Einsatz zur Festnahme von Birgit Hogefeld und Wolfgang Grams konnte Egmont Koch für seine ARD-Dokumentation Zugriff im Tunnel am Originalschauplatz drehen. Der Film beleuchtet vor allem die Polizeiarbeit. Er ist ebenso in der Mediathek zu finden (oder als Wiederholung in den Dritten Programmen) wie ein zweites ARD-Feature aus gleichem Anlass. Endstation Bad Kleinen heißt der Film von Anne Kauth, der das Vorleben des V-Manns Klaus Steinmetz erkundet und hinter die offizielle Version von Grams‘ Tod (Selbsttötung) ein Fragezeichen setzt.

 

16:15 27.06.2013
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