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Tatort Im Tatort "Altlasten" geht es bei klassischer Mördersuche im Kreise der lieben Familie um große Fragen von Generationenvertrag und Gesundheitspolitik

Wieder ein Stuttgarter Tatort, der uns daran erinnert, dass es sich beim Tatort um die Verlängerung der so genannten öffentlichen Debatten ins Wohnzimmer der schweigenden Mehrheit handelt, die wenn's drauf ankommt, dann doch FDP wählt. Thema diesmal: Gesundheit, Pflege, Zweiklassenmedizin, Obduktion, Generationenvertrag, kurz Sachen, die ins Ressort von Christina Köhler, Philipp Rösler und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger fallen.

Der Auftakt ist viel versprechend, aber auch ein wenig verhuscht. Ein alter Mann, Willy Schubert, ist gestorben, und der Hausarzt hat auf natürlichen Tod entschieden, während der Arzt vor der Verbrennung der Leiche seine Zweifel hat und den toten Mann zur Obduktion delegiert. Endlich einmal was zu tun für die seit der Ausdifferenzierung der telemedialen Polizeiarbeit notorischen Gerichtsmediziner, und dann erkennt der Stuttgarter Kollege schwäbelnd unspektakulär auf toxikologisches Gutachten. Was hätte doch in dieser Szene gesteckt! Fast so alt wie die Bundesrepublik ist der Versuch der Reform der Leichenschau, die eben nicht jedem Hausarzt, der in diesem Fall besonders dubios ist (Christoph Wackernagel) vorbehalten sein sollte, sondern Experten. Dass die Reform bis heute nicht zustande gekommen ist, nähert die Dunkelziffer an Morden und täuscht über die wahren Verbrechensraten hinweg, die vermutlich wie hier meist in der Familie und zuhaus hochgetrieben werden.

Deutlicher wird der Tatort: Altlasten bei den anderen Diskursen, die er aufnimmt. Der Tote war ein so genannter Opfer-Anwalt, weil seine älteste Tochter selbst Opfer eines Kapitalverbrechens wurde und – wie ausgerechnet die sexy Staatsanwältin Emilia Alvarez (Caroline Vera), die, nebenbei, unseriöseste von allen Stuttgarter Figuren – bemerkt, er der Auffassung, dass "für die Täter in unserem Land mehr getan wird als für die Opfer". Darin mag, mit Blick etwa auf die Aufarbeitung von Nazi-Verbrechen, ein wahrer Kern stecken, aber so kurzgeschlossen mit dem so genannten Volksempfinden in Bezug auf Sexualstraftäter kommt der Satz ein wenig dumpf daher: Es kann ja jeder Anwalt für sich selbst entscheiden, wen er verteidigt und wen nicht, aber man darf es doch als zivilisatorische Errungenschaft begreifen, dass selbst der böseste Verdächtige nicht umgehend gesteinigt wird, sondern das Recht auf einen Verteidiger hat. Außerdem: Womit, wenn nicht mit dem Rechtsstaat sollten wir sonst gegenüber China et al. angeben?

Das Plädoyer des Arztes gegen seine Arzneimittelbudget hätte bei einem sympathischeren Vertreter der Zunft womöglich auch für mehr Sprengkraft gesorgt, denn zynisch ist nicht der Arzt, der beklagt, dass er nicht verschreiben kann, was er für richtig hält, sondern die Staatsanwältin (sic!), die sich empört, dass ihm ein toter Rentner lieber sei, als einer, der seine Budgetzwänge belaste. That's, dear Staatsanwältin, ist das System, we live in.

Der Krimi dazwischen, um es mit einem beliebten Wort der nicht sonderlich engagierten Kritik zu sagen: solide, fast klassisch. Jeder in der Familie hat ein Motiv, und am Ende sind sie alle versammelt zur Aufstellung wie früher beim heißgeliebten Kommissar. Mit der Pointe, dass es keiner war, sondern Mama und Papa selbst, die in Selbstbestimmung den letzten Weg meistern wollten und sich und ihren Kindern das Schicksal ersparen wollten, dass der röchelnde Rentner im Krankenbett den Kommissaren Lannert (Richy Müller) und Bootz (Felix Klare) zwischendurch vor Augen führt: Keiner hat Zeit aus der Familie, und so freut sich der alte Mann über jeden, der an sein Bett tritt. Lannert, der diesmal sehr einfühlsame einsame Wolf, qualifiziert sich übrigens fortwährend für den Sohn, den Mama Schubert wohl am liebsten gehabt hätte, was, wir wissen es seit der ersten Folge, mit seiner privaten Geschichte zusammenhängt (Tod der Familie).

Überhaupt gibt sich Eoin Moores Tatort, in dem zuerst das permanent sentimentale Musikgezupfe und die Lichtdramaturgie im Hause des Toten nerven, geschichtsbewusst; an den Schuss auf Bootz in einer vorangegangenen Folge erinnert er ebenfalls.

Das Ende, an dem Mama Schubert (Bibiana Zeller) es zum zweiten Mal nicht schafft, sich umzubringen, weil die Polizei zu schnell checkt, was geht, hat fast etwas Komisches. Offen bleibt die Frage, und das ist fast ein wenig ironisch, ob sie nun wegen Beihilfe zum Mord angeklagt wird. Darüber hüllt sich der Tatort in Schweigen, in dem sich Lannert eine Blume von einem Grab klaut (Störung der Totenruhe?), damit das Essen mit seiner Nachbarin, die sich ihres lausigen Lovers wieder entledigt hat, Lannerts romantischen Ansprüchen genügt.

BLEIBT AUCH OFFEN: Wieso hat das alte Auto in Schuberts Garage, dessen Typ aus Schleichwerbungsgründen verschwiegen wird, kein H-Kennzeichen?
EINE LEBENSWEISHEIT, DIE MAN IMMER MAL GEBRAUCHEN KANN: "Drei Dinge überleben den Tod: Mut, Erinnerung und Liebe" (Anne Morrow Lindbergh)

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21:50 27.12.2009
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