Boaah, ne Cobra

Tatort Kann man auch mal machen: Beim Kölner "Tatort: Keine Polizei" gefällt die kühl-originelle Konstruktion der Entführungsvariation mit dem Opfer, das Täter sein will

Als Krimi steht der Tatort vor den immergleichen Standardsituationen, weshalb deren Ausführung ein Gradmesser für die jeweilige Form sein kann. Der Kölner Tatort: Keine Polizei löst etwa den Leichenfund gleich zu Beginn auf hübsche Weise: Jugendliche Traceure – wie die Ausüber der großstädtischen Fun-Sportart Parkour heißen, bei der es um die effiziente Bewegung durch den urbanen Raum unter Vernachlässigung von so etwas wie Stadtplanung geht – bahnen sich ihren Weg über den Beton, um bei der Leiche eines alten Mannes zu landen. Dass die Traceure nichts mit der Handlung zu tun haben, kein sozialproblematisches Milieu abgeben, für das sich die Kölner Volkspädagogen Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) plötzlich interessieren müssten, ist dabei die recht beiläufige Pointe auf den Ennui mit den Standardsituationen – wenn schon immer gleich zu Beginn eine Leiche gefunden werden muss, damit der Tatort losgehen kann, warum dann nicht mal so?

Der Sportreporter alter Manier würde von einem "Fingerzeig" sprechen. Denn wer auf solche Ideen kommt, hat sich zwei Gedanken übers Drehbuch (Norbert Ehry) gemacht. Tatsächlich weiß vor allem der Plot von Keine Polizei zu überzeugen. Für dessen Beschreibung wühlen wir noch immer in unseren musiktheoretischen Kenntnissen nach dem Namen, der die Entführungsvariation auf den zurückliegenden Entführungsfall beschreibt, in der sich das einstige Opfer mit seinem Insiderwissen zum Täter emanzipiert, um aus der finanziellen Defensive zu kommen. Das Buch spielt dabei relativ geschickt mit falschen Fährten: Der gewesene Baugeschäft-Inhaber Elmar Thom (Oliver Bröcker) sitzt beim Erstkontakt mit den Gesetzeshütern noch so zittrig in seinem Trauma, dass man sich schwer vorstellen kann, wie diesen Häufchen Elend Gefahr ausgehen soll.

Dazu schaue Ablenkungsmanöver wie dieser elektroschockeraffine Zeugin (Tina Seydel mit dem für Fußballaficionados klingenden Namen: Steffi Anderbrügge) zu Beginn oder eben auch die schwarzen Männer mit dem – zugegeben nervigen entführten jeune Wächter (Janusz Kocaj) –, unter deren Gesichtsskimützen man einfach keine Frau vermutet. Außerdem das Geplänkel mit dem schmierigen vieux Wächter (Thomas Heinze), der seine überschüssigen amourösen Energien in suspekte Love Affairs investiert. Die Ermittler sind beschäftigt, der Zuschauer abgelenkt – das ist es, was die Spannungserhaltung will. Zudem geht ordentlich Zeit drauf, bis sich herausstellt, dass der Alt-Entführer Karg, der zudem von Robert Galinowski als klassischer Bösewicht gespielt, seine dreckigen, in bürgerlicher Repräsentation (das Haus, das Auto, die Frau) reingewaschenen Finger nicht im Spiel hat.

Ballauf on Schnitzeljagd

Dass die Topchecker unter den Täterratern der Fahrschulfamily Thom dennoch bald auf die Spur gekommen sein werden, ist auch der Verdächtigenarmut und an der Konzentration auf die Observation des – ein Hoch auf Szenenbild (Ralf Mootz) und Locationscout (Abi Roos); (ein schönes Detail auch das alte iBook bei jeune Wächter) – Thom'schen Firmensitzes geschuldet. Dass Fab Five Freddy irgendwann mitansehen muss, dass Trauma-Thom mit seiner Motorradfahrerkluft zumindest weiß, wie man eine Gesichtsskimütze trägt, ist als Hinweis dann vielleicht ein wenig überflüssig. Aber in der Puzzle-Logik der Plotauslegung durchaus nachvollziehbar.

Nur für die Geldübergabe am Ende ist vielleicht ein wenig Mühe und Zeit übrig geblieben, zumal die Täter dann schon klar sind und ein edgarwallacehafter Suspense, bei dem der Kommissar dem Frosch mit der Maske diese von der Rübe zieht, um zu schauen, wer sich drunter verbirgt, nicht mehr drin. Vor dem Hintergrund der letztwöchigen Diskussion um die Schauplatz-Authentizität hier kann man sagen, dass Ballauf on Schnitzeljagd zuerst der Kölnisierung (das Riesenrad, die Apsis, die Brücke) vons Ganze zuarbeitet.

Denn auf der Ebene der Durchdringung/Beschwerung des Tatort mit einem Grundkurs zur politischen Bildung, auf die sich Köln so gut versteht wie kein anderer Tatort, ist diesmal nicht viel. Da erscheint Keine Polizei eher als Krimiselbstreflektion, mit einem Hauch Leistungsdruck, der in dieser Baubranche herrscht wie im Mittelalter die Pest. Wenn die FDP nicht gerade so mies drauf wär', könnte man ihr unter die Nase reiben, wohin die von ihr propagierte Wirtschaftsmacherselfmadeperformance so führt, wenn das Opfer incl. Family sich gezwungen sieht, das Trauma eben nicht durch professionelle Hilfe zu lösen.

Die alte Zeit

Ballaufs sachte angedeutetes, totalpathologisches Liebesleben konzentriert sich, wie man betonen muss: immerhin, auf eine wiederkehrende Projektionsfläche: Dr. Lydia Rosenberg (Juliane Köhler). Wobei das Rührende daran ist, dass Ballaufs Vorstellungen vom guten Leben gänzlich unbeleckt sind von einem mühsamen uptodaten Lifestylegepose, wenn er bei der Tête-à-tête-Balz mit den Lockungen der alten Zeit operiert: "Wir beide gehen richtig fein zum Italiener."

Eine Fernsehkritik, die nebenbei geäußert wird: "Ihnen geht's doch nur um die Quote"

Wissenswertes für den upcoming Angler: "Zander gibt's kaum noch"

Eine Ortsangabe, die in manchem Kinderfilmgeschulten Erinnerungen wachruft: "Unterm Riesenrad"

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21:45 08.01.2012
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