Bombe

Tatort Die Kinder aus Erfurt spielen pointenlose Spielchen: Die erste Thüringer Folge "Kalter Engel" enttäuscht die Erwartungen an Autor und Regisseur Thomas Bohn nicht

Man glaubt gar nicht, was in 85 Minuten so alles reinpasst, wenn filmische Gestaltungsmächte sinnlos walten und ein Tatort vor lauter wichtigtuerischer Stilisierung einfach nicht mehr laufen kann. Es wird eine dermaßen versteinert depressive Atmosphäre zelebriert, dass man sich weder für den Fall interessieren, noch für die agierenden Personen erwärmen kann. Sie sprechen nur schrecklich trockene und überaus bekannte Krimisätze. Sie sind, jeder einsam für sich, von steriler Blässe und Einseitigkeit. Der durchgehende Ton: ein falscher Lakonismus; die Vorgänge: eins zu eins; die Spannung: künstlich aufgebauscht. Dabei ist es nicht Bohns erster Versuch in diesem Genre.

Vielleicht ist es an dieser Stelle genug: Was Sie gerade gelesen haben, ist ein kleines Potpourri von Sätzen aus Kritiken, die vor über zehn Jahren geschrieben wurden. Damals durfte Thomas Bohn, nicht ganz reibungslos, schon einmal einen Tatort-Schauplatz entwerfen, das Hamburg von Jan Casstorff, gespielt von Robert Atzorn aka Unserm Lehrer Doktor Specht, und man müsste wohl länger, if not: sehr lange nach jemandem suchen, der bei der Erinnerung an dieses Kapitel feuchte Augen bekäme. Angeführt wird das hier aus bereits ausgeführtem Grund: Der MDR wollte mit seinem neuen Tatort in Erfurt ja was Neues und Freches und ist dabei – wie auch immer – auf Thomas Bohn gestoßen. Also was Olles und Lahmes.

Und jetzt haben wir den Salat. Die erste Folge Erfurt unter dem komplett sinnlosen Titel Kalter Engel (wer soll damit gemeint sein – die Leiche der Frau an der Gera, die ihre Brüste vorzeigen muss?). Ein Fernsehfilm, mit dem man als Zuschauer nichts zu tun haben möchte, man sitzt vorm Fernseher und guckt weg, weil das öde Treiben, das pseudolockere Kumpelgetue einen unendlich beschämt.

Der Tommy-und-Mike-Buddyism

Die Schauspieler können einem leidtun: Alina Levshin beerdigt als irgendwie angesagtes Girl des deutschen Films nach Im Angesicht des Verbrechens und Die Kriegerin in diesem Tatort jeglichen Appeal in biederster Muttihaftigkeit, deren – never use this word in Bohns Nähe – Intelligenz durch dümmliches Fremdwortgehuber ("ein sehr respektloser Euphemismus") zum Ausdruck kommen soll. In den Figurenentwürfen von Henry Funck (Friedrich Mücke) und Maik Schaffert (Benjamin Kramme) versucht der Buddyismus von Thomas-Gottschalk-Mike-Krüger-Komödien aus den achtziger Jahren vergeblich fortzuvegetieren: Es kommt gerade nicht kool, wenn Jungdynamos Energy-Drink-Dosen basketball-like in den Mülleimer werfen, wo sie dafür so viel Zwang und Anlauf brauchen wie in Bohns lähmender Inszenierung. Selbst der Running Gag mit dem "Recherchieren", der am ehesten so funktionieren könnte, wie er vielleicht einmal gedacht war, wirkt hier wie die Hausaufgabenerledigung des Klassenbesten.

Als Mutti für die Kinder aus Erfurt steht Kirsten Block zur Verfügung, die auch entsetzt sein müsste, wie trostlos sich ihr Spiel ausnimmt im Vergleich zu dem, was sie sonst als Arbeit macht: "Räumt eure Schreibtische auf, packt die Schwimmflügelchen ein und fahrt an die Ostsee" ist ein Drehbuchsatz, der nicht bemänteln kann, das aus ihm eine Bünzligeist spricht, mit dem man graueste Verwaltung betreiben kann, aber keine aufregende Geschichte erzählen.

Was darüberhinaus nur Leute überraschen kann, die beim Gucken nicht auf die Credits schauen: Kalter Engel hat schon keinen Witz, keinen Rhythmus und keinen Charme – und ist dann auch noch unfreundlich zu Frauen. "Unser Küken lernt noch", "bring ma' Pizza mit", "hat 'nen geilen Arsch" – so reden die machohaften Macker in the world of Thomas Bohn. Dabei machen sie sich eigentlich in die Hose vor ihrer eigenen Lässigkeit, wie in der wohl beschämendsten Szene des Films zu sehen ist. In der spielt Funky Funck ein "Spielchen" mit der hotten Escort-Lady Valerie (Karoline Schuch), das – "Ich liebe Spielchen" – wie so vieles völlig unoriginell und pointenlos schlicht darauf hinausläuft, dass sie ihn anmachen soll und das auch noch für umme (was dann, Bohn kann sich das in seinem Film ja aussuchen, tatsächlich geschieht).

Die unerzählte Geschichte

Ein peinlicheren, äh, "Flirt" hat man never gesehen. Das ist so das Männerbild, mit dem Funky Funck ja auch bei der Nachbarin ganz dick im Geschäft ist ("Sie ist 'ne Klassefrau, aber verheiratet, da kommen einem halt manchmal seltsame Gedanken"): Schön so tun, als könne man sie alle haben, dabei müssen die Frauen die Eroberung selbst besorgen, damit der toughe guy seine Abweisungsängste bewältigt kriegt. Solche verunsicherten Typen brüsten sich auch damit, bei Sexarbeiterinnen nur reden zu wollen.

Man kann sich fragen, was das öffentlich-rechtliche Fernsehen an Thomas Bohn findet, der es auf nunmehr 16 Tatort-Folgen gebracht hat. Noch interessanter ist aber die Frage, was Thomas Bohn eigentlich am filmischen Geschichtenerzählen findet, wenn er dazu offensichtlich keine Lust hat. Die Auffindeszene der barbusigen Leiche am Gera-Ufer ist nur ein Beispiel dafür, dass dieser Film eigentlich nicht erzählen will: Er macht permanent den Eindruck, als habe er nichts zu sagen, weshalb in dieser – eh schon totalstandardisierten – Szene dann einfach eine Billo-Mucke (Mattias Lindblom, Anders Wollbeck und Michael Zlanabitnig) draufgepackt wird, die wahlweise auf Grusel oder Spannung macht.

In den Szenen, in denen etwas gesagt wird, ist es nicht anders. Nach einem Her und einem Hin ist der, äh, Dialog zumeist beendet, und einer der beiden Sprecher muss einen Flunsch ziehen, als habe ihn der radikalpointierte Witz eines Zynikers aus hochstehenden französischen Salons des 18. Jahrhunderts getroffen. Oder man hält sich mit Begrüßungsformel auf ("Tach, Claire. Tach, Maik. Tschüß, Claire"), das ist ja auch Text. Was immer man Dominik Grafs Münchner Folge letzte Woche vorwerfen kann: Dass dessen Königreich des Erzählenmüssens und diese Ein-Zimmer-Bude des Fantasiemangels das gleiche Format sein sollen, würde man ohne Vorspann im Leben nicht ahnen.

Just kein Milieu

Die Geschichte von Kalter Engel fährt schwarz, und wenn sie an einer Kreuzung ankommt, an der man so etwas wie Plausibilität, Motivation oder Psychologie vorzeigen muss, behilft sie sich mit einem Stichwort. Mich macht es tatsächlich fassungslos, dass Kritikerkollegen diesen Driss vom Studentenmilieu glauben, der in der Begleit-PR ausposaunt wird, weil in diesem Film gar keine Studenten und vor allem kein Milieu zu sehen sind. Man sieht nur Kinder, die Sätze aufsagen, die sie vorher auswendig gelernt haben: "Dass die wirklich alle Drogen nehmen, um mithalten zu können – das ist doch krass, das ist doch Wahnsinn." Muss es wohl.

Bohns unterentwickelte Fähigkeiten als Autor zeigen sich auch an Wortfindungsschwierigkeiten. Was sollen denn "wichtige Insiderinfos für die Prüfung sein"? Man patscht ein bisschen in Richtung des vermuteten Sinns und wenn dann das falsche Wort aus dem Regal fällt, ist es auch egal, die Leute wissen doch, was gemeint ist, und den zuständigen Entscheidern kann man es erkären. "Knochenmühle" ist etwa eine Begriff, den eine Tänzerin wie Susanne Linke mit Blick auf ihre Ausbildung verwenden kann. Aber er trifft doch nicht den Stress, dem the Studies an der Universität heute unterliegen.

Die Schlampigkeit des Buchs hat noch ein anderes Gesicht: Wo scheinbar nur aufgefüllt werden muss mit Dialog, kommen furchtbar bürokratische Sätze raus: "Dazu können wir im Augenblick noch nichts sagen", "mir steigt die Presse auf das Dach." Und einen Kasten Bier, halbes Schwein für die Apothekerin, die im richtigen Leben den Kunden mit solchen Erklärungen behelligt: "Seit 1993 hat sich der Verbrauch mehr als verfünfzigfacht." Da hat jemand vergessen, den Zeitungsartikel abzumachen, als er die Info, aus dem sie stammt, in das Drehbuch gecopypastet hat.

Neeiin!

Inszenatorisch haut Bohn die Sau vom Schlitten, wenn er in einer seiner spannungslosen Parallelmontagen Alina Levshins Praktikantin in dem gravierend unspektakulären Bürobau ankommen und durch das Büro schauen lässt. Oder wenn wiederum die Praktikantin die Mutter der Toten am Bahnhof in pseudoschick-sinnlosen Zeitrafferüberblendungen verabschiedet, damit das Warten nicht mit Reden überbrückt werden muss, wobei die Antwort der Mutter auf die einzige Frage (die nach dem Geld) schon jetzt legendär ist: "Das finden sie jetzt wirklich wichtig?!" Sagen die meisten Mütter, die wissen wollen, wer ihre Tochter umgebracht hat zu denen, die es rausfinden sollen. In einer Patzigkeit, die für sämtliche Beziehungen im Erfurter Tatort wesentlich ist.

Und dann noch das (nächste Woche wird wieder kürzer, I swear): Das jüngste Team ist noch nicht mal am jüngsten – als Ulrike Folkerts 1989 als Lena Odenthal debütierte, war sie 28. Alina Levshin ist schon 29. Neeiin!

Ein Satz für alle Zwecke: "Ich hab mir meine Zukunft anders vorgestellt"

Eine Skepsis, die immer Konjunktur hat: "Ja, das saachen se alle"

21:45 03.11.2013
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